Suez-Krieg Abschied von glanzvollen Kolonialzeiten


Vor 50 Jahren griffen Israels Truppen ägyptische Stellungen vor dem Suez-Kanal an. Ein Komplott, mit dem Frankreich und Großbritannien ihren verblassten Glanz als Kolonialmacht aufpolieren wollten.

Am 29. Oktober 1956 greifen israelische Truppen auf breiter Front ägyptische Stellungen auf der Sinai-Halbinsel an und marschieren zum Suez-Kanal. Zwei Tage später landen etwa 7000 britische und französische Fallschirmjäger am Kanalausgang bei Port Said und Port Fuad.

Versuch, angeschlagene Großmachtstellung zu retten

Damit begann vor 50 Jahren der Suez-Krieg, mit dem Großbritannien und Frankreich ihre angeschlagene Großmachtstellung retten wollten. Doch der Konflikt, der die Welt an den Rand eines Atomkriegs brachte, wurde für die beiden alten Kolonialmächte zur Götterdämmerung. Ausgelöst wurde die Suez-Krise bereits am 26. Juli 1956. An diesem Tag verstaatlicht der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser den hauptsächlich von Franzosen und Briten verwalteten Kanal zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer. Drei aufeinander folgenden Konferenzen in London gelingt es nicht, den Konflikt beizulegen. Also beschließen die Regierungen in Paris und London heimlich eine Militäraktion und verbünden sich dazu mit Israel.

Zuvor hat Frankreich die Schlagkraft der israelischen Streitkräfte mit der Lieferung von Kampfflugzeugen und Allrad-Lastwagen nicht unerheblich verstärkt. Die Israelis überrennen die ägyptischen Stellungen bei ihrem Überraschungsangriff am 29. Oktober und stoßen schnell zum Suez-Kanal vor. Am 30. Oktober richten Paris und London an die kämpfenden Parteien die ultimative Aufforderung, ihre Gefechte binnen zwölf Stunden einzustellen und ihre Truppen auf eine Linie von 16 Kilometern westlich und östlich des Kanals zurückzuziehen. Dies wird von Nasser abgelehnt. Damit haben die Briten und Franzosen den Vorwand, nun ihrerseits loszuschlagen.

Abgekartetes Spiel erregt international Missfallen

Am 31. Oktober werden ägyptische Flugplätze bombardiert, Fallschirmjäger landen in der nördlichen Kanalzone. Die Ägypter blockieren den Kanalausgang, indem sie dort rund 50 Schiffe versenken. Das gesamte Ausmaß der Verschwörung wird erst Jahre später bekannt. Doch die Rechnung der Strategen in Paris und London geht nicht auf. Das offensichtlich abgekartete Spiel zwischen Großbritannien, Frankreich und Israel erregt in Washington großes Missfallen. Die USA sind schon seit Jahren dabei, die angestammte Rolle der ausgedienten europäischen Kolonialmächte im Nahen Osten zu übernehmen, und sie betrachten den Suez-Kanal faktisch als ägyptisches Eigentum.

Auch die Sowjetunion kann dem Angriff auf das befreundete Ägypten nicht untätig zusehen. Ministerpräsident Nikolai Bulganin schlägt den USA eine gemeinsame Intervention vor. Dies wird vom damaligen US-Präsidenten Dwight Eisenhower empört zurückgewiesen - schon wegen der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch sowjetische Truppen zur selben Zeit. Dennoch verurteilen beide Mächte in der UN-Vollversammlung gemeinsam das britische und französische Vorgehen. Zudem droht Moskau nun seinerseits mit einer Militärintervention am Suez-Kanal, worauf die USA reagieren müssen. So wird das britisch-französische Abenteuer mit israelischer Beteiligung unversehens zur Kraftprobe der Großmächte. In Ägypten ist bereits von einem drohenden Atomkrieg die Rede.

Britischer Premier Eden zum Rücktritt gezwungen

Washington entschließt sich, massiven Druck auf Paris und London auszuüben. Der konservative britische Premierminister Anthony Eden erinnert sich später, von Eisenhower am Telefon "wie ein dummer Junge" heruntergeputzt worden zu sein. So erzwingen die USA am 7. November die Einstellung der Kämpfe. Der Weltsicherheitsrat verurteilt die britisch-französische Intervention und zwingt die beiden Länder zum Waffenstillstand und Rückzug. Am 21. November landen in der Kanalzone UN-Blauhelme, um den Abzug der Alliierten zu überwachen. Bis Weihnachten 1956 haben die letzten französischen und britischen Soldaten Ägypten verlassen.

Auf den Traum von neuem Großmachtglanz folgt in Frankreich und insbesondere in Großbritannien der Katzenjammer. Heizöl und Benzin werden knapp und streng rationiert, da die nahöstlichen Erdöllieferungen ausbleiben. Und vor allem politisch ist der Flurschaden groß. Den britischen Premierminister Eden kostet das Suez-Abenteuer sein Amt. Er wird im Januar 1957 von Harold Macmillan ersetzt.

Aufschwung für Befreiungsbewegung der Dritten Welt

Nasser dagegen geht gestärkt aus dem Konflikt hervor. Sein Ansehen in der ägyptischen Bevölkerung ist ins Unendliche gewachsen, und der so genannte Panarabismus wird zur ernst zu nehmenden Bewegung. Macmillan bleibt es vorbehalten, dem Traum vom Fortbestand des britischen Empires endgültig Lebewohl zu sagen. Das Debakel der europäischen Kolonialmächte am Suez-Kanal gibt den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt großen Auftrieb. So werden immer mehr britische und französische Kolonien in den folgenden Jahren in die Unabhängigkeit entlassen. Die einflussreichsten Mächte im Nahen Osten aber sind fortan die USA und die Sowjetunion.

Annedore Smith/AP AP

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