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Bürgerkrieg in Syrien: Assads Truppen geht der Kampfgeist aus

Bald kämpft sie seit sechs Jahren, ein Drittel existiert nicht mehr - nun begehrt die syrische Armee von Baschar al Assad auf. Per Facebook fordern immer mehr Soldaten ihren Dienst quittieren zu können.

Assad Soldaten in Syrien

Im Dezember 2014 besucht Assad, Präsident Syriens, persönlich seine Truppen - jetzt, ein Jahr später, schwindet bei vielen seiner Kämpfer die Moral

In der syrischen Armee wächst der Unmut. Im kommenden Frühjahr geht der bewaffnete Konflikt in sein sechstes Jahr, und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Entscheidung der Armee, viele junge Männer weit über den üblichen Wehrdienst hinaus in ihren Reihen zu behalten und weitere Männer im waffenfähigen Alter einzuziehen, sorgt in den sozialen Medien für Protest. Im Onlinenetzwerk Facebook gibt es eine Seite mit dem Namen "Wir wollen die Armee verlassen".


Dort bekräftigen die "Einberufenen des Trupps 102": "Ich habe das Recht, die Armee zu verlassen und das Recht zu leben. Wir wollen die Armee verlassen". Die jungen Soldaten versichern, dass sie seit mehr als fünf Jahren die Armeeuniform tragen. "Das Vaterland ist für uns, aber alle sind in das Ausland gegangen. Wir verlangen unsere Entlassung und werden als Widerstand bezeichnet. Dabei sind wir es, die seit fünfeinhalb Jahren standhalten. Jetzt reicht es. Jetzt sind die anderen dran, an unserer Stelle standzuhalten", betonen die Soldaten auf der Seite, die 3400 Mitglieder zählt.

Ein Drittel der Armee Syriens: getötet oder desertiert

Die syrische Armee ist laut Experten auf die Hälfte geschmolzen: Tausende Soldaten starben oder desertierten. Mehr als 91.000 Mitglieder der Regierungskräfte, darunter 52.000 Soldaten, wurden seit Beginn des Konflikts im März 2011 getötet. Das ist mehr als ein Drittel der insgesamt 250.000 Toten des Syrienkriegs, von denen die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte ausgeht. Die in England ansässige oppositionsnahe Beobachtungsstelle bezieht ihre nur schwer überprüfbaren Informationen von einem Netzwerk aus Informanten in Syrien.

Im Juli hatte Syriens Machthaber Baschar al Assad eingeräumt, dass es "einen Mangel an menschlichen Ressourcen" in der Armee gebe. Er fügte bei einer Fernsehansprache hinzu, "das Problem der Streitkräfte ist nicht die Planung, sondern die Erschöpfung." Normalerweise dauert die Wehrpflicht in Syrien zwei Jahre. Rekruten können jedoch länger zum Dienst an der Waffe verpflichtet werden, "wenn es die militärische Situation erfordert", wie aus Sicherheitskreisen verlautet.

"Ich will zurück ins zivile Leben"

Viele von ihnen hat dieses Schicksal ereilt. Der 34-jährige Hussein leistet seit 2010 seinen Militärdienst und hebt hervor, bereits "einen schweren Tribut an das Vaterland gezahlt zu haben." Tschadi, ein 28-jähriger Artillerist, ist seit vier Jahren im Dienst. In dieser Zeit kämpfte er in der zentralen Provinz Homs, in Rakka im Osten und nun in der nordöstlichen Provinz Hassake. "Ich habe keine Angst mehr, aber ich habe die Lebenslust verloren", erzählt Tschadi am Telefon. "Ich habe den Eindruck, dass mein Leben unendlich lange neben meiner Waffe weitergeht. Ich habe weiße Haare und fühle mich wie ein 50-Jähriger. Ich will wieder in das zivile Leben zurück", sagt er.


In Damaskus gehen zahlreiche Männer zwischen 20 und 40 Jahren seit zwei Wochen nicht mehr vor die Haustür, um nicht mit Gewalt in die Armee gezwungen zu werden. "Ich verstecke mich Zuhause und mein Bruder geht nicht mehr zur Arbeit, um nicht an einer Straßensperre in einen Bus Richtung Kaserne geworfen zu werden", sagt der 24-jährige Student Maher.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Unmut unter den Anhängern Assads regt. Im September 2014 wurden laut der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte fünf Regierungsanhänger verhaftet. Sie hatten den Verteidigungsminister kritisiert, nachdem 200 Soldaten von Dschihadisten getötet worden waren.

nik/AFP