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Syrien-Konflikt: Türkei verschärft nach Flugzeugabschuss ihre Drohgebärden

Der türkische Ministerpräsident Recep Tyyip Erdogan ist einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes - nicht erst seit dem Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Doch bislang belässt es die Türkei bei Drohungen.

Truppenaufmarsch an der Grenze zu Syrien, Alarmstarts türkischer Kampfflugzeuge, dazu scharfe Warnungen aus Ankara: Nach dem Abschuss eines türkischen Militärflugzeugs über dem Meer vor der Küste Syriens lässt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auch militärisch die Muskeln spielen. Doch die Reaktionen zeigen auch, dass die Nachbarstaaten die Eskalation in einen offenen Schlagabtausch unbedingt verhindern wollen.

Zwar hat Erdogan gewarnt, dass sein Land bei weiteren Zwischenfällen mit Gewalt reagieren werde und die Einsatzregeln der Soldaten an der Grenze zu Syrien entsprechend geändert habe. So werde jeder syrische Soldat, der sich der türkischen Grenze nähere, als Bedrohung betrachtet. Doch bleibt es bei Drohgebärden, auch wenn diese nun schärfer sind als nach syrischen Schüssen auf ein grenznahes Flüchtlingslager, bei denen im April mehrere Syrer und zwei Türken verletzt worden waren.

Denn mit Grenzen zum Iran und Irak sowie einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Regionalnachbarn Russland muss Ankara eine komplizierte politische Balance beachten. Alle drei Staaten versorgen die Türkei zudem mit Gas und Öl - dem Treibstoff für eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Türkei.

Assad bedauert den Einsatz der Luftabwehr

Die iranische Führung, die das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad weiterhin unterstützt, demonstriert praktisch wöchentlich militärische Stärke, indem sie Offiziere und Militärexperten über Errungenschaften der iranischen Raketentechnologie und mögliche Ziele - auch in der Türkei - referieren lässt. Realistisch oder nicht: In der Türkei wird über solche Drohungen ausführlich berichtet, während die Regierung in Ankara wiederholt vor einem regionalen Flächenbrand warnte.

Strittig ist auch Tage nach dem Abschuss, ob die türkische Phantom F4 überhaupt im internationalen Luftraum über dem Mittelmeer oder nicht doch unmittelbar während einer Grenzverletzung und dicht vor der syrischen Küste getroffen wurde, wie es nicht nur aus russischen Quellen verlautet.

Auch das "Wall Street Journal" wollte am Wochenende aus US-Geheimdienstkreisen erfahren haben, dass die Maschine wohl von syrischen Luftabwehrgeschützen am Strand getroffen wurde, nicht aber von einer über die syrischen Grenzen hinausreichenden Luftabwehrrakete. Erdogan reagierte empört und warf der Zeitung vor, mit verdeckten Quellen Unwahrheiten zu verbreiten. Gleich nach dem Abschuss hatte er gesagt: "Das war eine absichtliche Handlung von geplanter Feindseligkeit."

Präsident Assad - einst von Erdogan als Freund bezeichnet - versicherte unterdessen in einem am Dienstag gedruckten Interview der türkischen Zeitung "Cumhuriyet", er bedauere den Einsatz der Luftabwehr. "Wir haben erst nach dem Abschuss erfahren, dass es (das Flugzeug) zur Türkei gehörte. Hundertprozentig sage ich: 'Hätten wir es nur nicht abgeschossen'." Er werde aber nicht zulassen, dass die Spannungen zu einem offen Krieg führen, der beiden Seiten nur schaden würde.

Carsten Hoffmann, DPA / DPA