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Tanz auf dem Vulkan: Erdogan in Nordafrika

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bringt sich in Pose. Die Umwälzungen in der arabischen Welt sind für ihn eine Chance, seine Rolle als politischer Führer der Region zu bekräftigen und seinem Land mehr Einfluss zu verschaffen.

Streit um Gaza, Sturm auf die israelische Botschaft in Kairo, Revolten in der arabischen Welt: Mit einer mehrtägigen Reise durch Nordafrika wird der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan seine Rolle als ein wichtiger politischer Führer der islamischen Welt untermauern.

Auf seiner ersten Station in Kairo will er in einer politischen Grundsatzrede seine Vision für die Region erklären. Erdogan wird auch die militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit ausbauen. Dann geht es weiter nach Tunesien und Libyen.

Erdogan will im Streit mit Israel nicht nachgegebe

Eine zunächst in Betracht gezogene Reise in den palästinensischen Gazastreifen steht nicht mehr auf dem Programm, wie aus dem Umfeld Erdogans verlautet. Zu groß sind wohl die Spannungen nach dem Sturm wütender ägyptischer Demonstranten auf die israelische Botschaft in Kairo, als dass Erdogan ausgerechnet von Ägypten aus in das Palästinensergebiet fahren könnte.

Doch in seinem Streit mit Israel will Erdogan, der zuletzt schon mit dem Einsatz seiner Marine gedroht hat, nicht nachgeben. "Israel hat den Wechsel in der Region nicht verstanden und verurteilt sich selbst zur Isolation", sagt Erdogans Außenminister, Ahmet Davutoglu. Die Türkei hat angekündigt, dem Streit um den israelischen Einsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte auch vor dem Internationalen Strafgerichtshof austragen zu wollen.

"Die Welt wird sehen, wer an der Seite der Opfer steht", sagte Erdogan bei einem Termin in Zentralanatolien am Wochenende. Bei dem israelischen Angriff auf das Schiff "Mavi Marmara" waren Ende Mai 2010 neun Türken getötet worden; einer von ihnen hatte eine US-Staatsbürgerschaft. "Ich habe Präsident (Barack) Obama gefragt, ob er kein Interesse an dem Tod eines seiner Staatsbürger gezeigt hat, weil er Türke war - er hat nicht geantwortet", sagte Erdogan.

Ressentiments gegen die westliche Welt

Das ist ein echter Erdogan. Im eigenen Land und bei Reden in der arabischen Welt hat er immer wieder Ressentiments gegen die westliche Welt geschürt und die islamische Brüderlichkeit als Medizin gegen Unterdrückung und Geringschätzung beschworen. Dabei suchte er selbst in den vergangenen Jahren einen engen Kontakt zu den autoritären Herrschern der Region, von denen er einige als "Freunde" bezeichnete.

Zu Libyens langjährigem Gewaltherrscher Muammar al Gaddafi ging die Türkei erst spät auf Distanz. Erdogan musste erleben, wie Frankreich und Italien den Takt bestimmten und die Türkei nur eine politische Nebenrolle spielte. Nun ist Erdogan allerdings der erste Regierungschef, der Libyen nach der Vertreibung Gaddafis von der Macht besucht.

Carsten Hoffmann, DPA / DPA