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Interview

Terror-Experte im Gespräch: Wir und der Terror - Warum ein verordnetes "Jetzt erst recht" zum Scheitern verurteilt ist

Im Brüsseler Bahnhof explodiert eine Bombe, danach liegt dort ein toter Attentäter - na und? Herrschte anfangs Hysterie, reagieren Menschen auf Terror nun häufiger mit Schulterzucken. Der Rechtspsychologe Dietmar Heubrock über Abstumpfung, die Geschichte des Terrors in Europa und was wir von Israel lernen können.

Soldat, Maschinengewehr, Blaulicht - alles schon gesehen. Brüssel nach dem vereitelten Anschlag am 20. Juni

Soldat, Maschinengewehr, Blaulicht - alles schon gesehen. Brüssel nach dem vereitelten Anschlag am 20. Juni

Herr Heubrock, als der Terror 2015 nach Europa kam, warnten Experten vor Hysterie. Zwei Jahre und einige Attentate und Attentatversuche später scheint eine andere Gefahr größer: jene der kompletten Abstumpfung.

Das stimmt tatsächlich. Die große, spontane Haltung auf Terrorattacken ist mittlerweile: "Ach, nicht schon wieder ein Attentat, ich kann's nicht mehr hören." Angesichts von Terror fragen sich Menschen: Wie soll ich reagieren? Denn eigentlich müsste man jedes Mal neu betroffen sein - das kann man aber nicht in Dauerschleife. Dann kommt die Abwehr: Man will das Ganze nicht mehr hören und achtet auch gar nicht mehr darauf.

Ist Abstumpfen ein ganz natürlicher Prozess oder sollten wir uns Sorgen machen, dass wir zu Maschinen, unfähig zu Empathie, verkommen?

Konstante Terrorbedrohung hat zwei Seiten: Einerseits, können wir nicht im Dauerstress leben. Würden wir uns jede Minute sorgen, dass irgendwo eine Bombe hochgehen könnte, würden wir ständig Stresshormone produzieren - und dafür ist der menschliche Organismus und auch die Seele überhaupt nicht gemacht. Deshalb gehen wir irgendwann in die Entspannungsphase über. Andererseits, ist es tatsächlich so, dass uns so die Empathie abhandenkommt. Denken wir an das Attentat auf "Charlie Hebdo": In Kiosken wurde eine deutsche Sonderauflage verkauft - und war wenigen Stunden ausverkauft. Blumenberge, Solidaritätsbekundungen, "Je suis Charlie" - eine kollektive Welle der Solidarität. Das ebbt jetzt langsam ab. Wir haben es nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt gesehen: Zum ersten Mal haben sich Angehörige beklagt. Sie meinten: Für uns interessiert sich kaum noch jemand. Für Opfer und Angehörige tut mir diese Entwicklung leid.

Wenn sie eine maximale Opferzahl und maximalen Schrecken erreichen, haben Terroristen ihr Ziel erreicht. Ist es insofern gut, wenn wir auf Terror kühl und unbeeindruckt reagieren?

"Jetzt erst recht" - diese Trotzhaltung auf Terror möchte die Politik verordnen. Der Innenminister von Baden- Württemberg, Thomas Strobl von der CDU, meinte kürzlich bei "Hart, aber fair": "Wir lassen uns unser Schweineschnitzel nicht verbieten." Doch da lässt sich nichts verordnen. Die Menschen reagieren auf Terror ganz unterschiedlich - und das muss zugelassen werden. Der ängstliche Mensch dreht sich möglicherweise 23 Mal um, wenn er auf ein Festival geht. Andere sind cooler und stellen ihre rationalen Überlegungen über jedes Unbehagen. Und wieder andere reagieren eben mit: "Ich kann's nicht mehr hören." All das muss erlaubt sein.

Reaktion auf Anschläge: Wahrnehmungsforscher: Darum stumpfen wir gegen den Terror ab


Verraten wir mit dieser abweisenden Haltung nicht Ideale und Werte, die wir, die liberale Gesellschaft, doch eigentlich gegen den Terrorismus verteidigen wollten?

Ich wette, wenn der Bundesinnenminister jetzt zu einer großen Demonstration gegen den Terror aufrufen würde, wäre die Teilnehmerzahl gar nicht so groß. Letztlich reagiert jeder auf seine eigene Art und Weise. Deutschland ist sehr individualistisch in dieser Hinsicht: Jeder will das Recht auf eine individuelle Reaktion und individuelle Betroffenheit.

Eine "empfehlenswerte" Reaktion auf Terror gibt es nicht und sollte es auch nicht geben?

Ja. Angst ist ein Gefühl und auf Gefühle reagieren wir alle komplett unterschiedlich. Da würde ich niemals eine Leitlinie vorgeben, deswegen gefällt mir auch nicht, welche Richtung die Politik eingeschlagen hat, nämlich diese trotzige Widerstandshaltung zur Staatsräson zu erklären. Das macht ängstlichen Menschen dann eher noch mehr Angst.

Fordern wir Terroristen mit gleichgültiger Haltung nicht geradezu heraus, noch brutalere Anschläge zu verüben, damit das Aufmerksamkeitslevel gehalten werden kann? 

Das ist gar nicht abwegig. Vor einiger Zeit gab es in Sicherheitskreisen die Befürchtung, dass Terroristen zu sogenannten ABC-Waffen - atomaren, biologischen und chemischen Waffen - greifen. Dennoch erwarte ich eher eine andere Entwicklung: nämlich, dass von Personen, von denen wir es schlichtweg nicht erwarten, ein Attentat ausgeht. Der Anfang war mit Safia S. gemacht (Die 16-Jährige griff in Hannover einen Polizisten mit einem Messer an und verletzte ihn lebensgefährlich). Die Waffe - ein Messer. Das Opfer - eine Person. Damit hatte niemand gerechnet. Nehmt irgendein Mittel, das euch zur Verfügung steht, und greift sie an, wo immer sie nicht damit rechnen - das wurde dann auch zur Devise des IS. Diese Devise wird sich fortsetzen: Die Terroristen werden Kinder anwerben, behinderte Personen. Sie werden auf den Überraschungseffekt durch eine neue Quelle des Angriffs setzen, und nicht mehr durch die Anzahl der Toten.

Terror-Experte

Terror in Europa ist nicht neu. Es gab die Anschläge der roten Armee Fraktion (RAF), der Irish Republican Army (IRA), der baskischen ETA, der Mafia, der Roten Brigaden, der PKK. Was ist der Unterschied zum Terror von heute, was die Parallelen?

Viele der Organisationen von damals haben den Tod Unbeteiligter genauso in Kauf genommen wie die terroristischen Organisationen von heute - nur mit anderen ideologischen Begründungen. Dass man auf die eigene Sache aufmerksam machen will, ist den Ideologien gemeinsam. Und auch das Wie ist bei alle terroristischen Organisationen dasselbe.

Grenzen verwischen, plötzlich ist alles nah, plötzlich betrifft alles auf dieser Welt jeden auf dieser Welt: Welche Rolle spielt die Globalisierung bei dem Gefühl der konstanten Terrorbedrohung?

Kein vordringliches. Die Globalisierung ist insofern gefährlich, als dass dadurch Terroristen die Akquirierung des Nachwuchses leichter fällt. Waren früher Geheimtreffen notwendig, kommunizieren Terroristen heute über WhatsApp.

Können wir von Ländern mit längerer Terror- wie Israel - etwas lernen?

In Israel gab es eine Phase, da spielte die Abstammung eine geringere Rolle. Nach den Attentaten hat sich das komplett gewandelt: Jüdische und arabische Teile der Bevölkerung wurden stark getrennt. Nachdem immer wieder Einzelattentate im öffentlichen Raum verübt worden waren, verfestigte sich im israelischen Teil der Bevölkerung die Haltung, der Araber an sich sei ein gefährlicher Mann. Diese Gefahr sehe ich auch in Deutschland: Dass Bürger mit Menschen arabischer oder türkischer Herkunft nichts zu tun haben, weil sie befürchten, es könnten ja Terroristen sein. Dass es statt zur Integration zur Segregation (Ausgrenzung) kommt.

Und das wiederum macht die Ausgeschlossenen zu leichter Beute für terroristische Vereinigungen.

Das ist die Gefahr, die ich sehe. Das ist das, was wir von Israel lernen können. 

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