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Terror in Madrid Eine Familie, zwei Anschläge: "Werde niemals verzeihen, was sie meinem Sohn angetan haben"

Paloma Roque Morales: "Plötzlich klingelte das Telefon, er war dran und schrie wie wild: «Mama, die Bombe, Mama, die Bombe!» Ich verstand nichts, ich war noch im Halbschlaf. 'Was ist denn los mit dir?', sagte ich. Er: 'Ich bin auf dem Weg nach Atocha, und sie haben eine Bombe in den Zug gelegt. Mama, was soll ich machen, was soll ich bloß machen?' Ich redete, aber er hörte mich nicht. Ich schrie und schrie: 'Was sagst du denn da? Was sagst du denn da?' Dann brach die Verbindung ab ..."


11. März 2004: Terroristen zünden zehn Sprengsätze in insgesamt vier engbesetzten Zügen in Madrid. 191 Menschen sterben, mehr als 1800 werden verletzt. Der Zug mit Paloma Morales' Sohn Luis Ahijado fährt gerade in den Madrider Hauptbahnhof Atocha ein, als in seinem Waggon eine Bombe explodiert. Der 38-Jährige überlebt mit schweren Verletzungen.


Luis Ahijado: "Als die Bombe explodierte, das wurde im Prozess berichtet, war sie nur drei Meter von mir entfernt. Ich war der einzige Überlebende in diesem Zugabteil, weil die Leute, die um mich standen mich abgeschirmt hatten. Weil ich das Gesicht so hielt, verbrannte die Flamme der Druckwelle diese Hälfte meines Gesichts. Zudem hatte ich den ganzen Kopf voller Splitter. Die Druckwelle hob mich hoch und als ich zu Boden fiel, fiel eine Haltestange auf mein Gesicht und brach meinen Unterkiefer. Am Tag des Attentats, als ich am Abend ins Krankenhaus kam, packten mich ein paar Krankenschwestern und sagten zu mir: "Wir werden dein Gesicht reinigen." Sie hielten mich an den Beinen und Armen fest. Mit einer sterilen Bürste fingen sie an, mir das Gesicht zu bürsten. Der Schmerz war grauenhaft. Grauenhaft. Ich erinnere mich auch noch, als ich an jenem Tag zum ersten Mal in der Klinik angekommen war, schüttete ich mir Wasser ins Gesicht, und da ich offene Wunden hatte, war der Schmerz unglaublich."


Zwei Jahre später wird auch seine Mutter Paloma Opfer eines Terroranschlags. 30. Dezember 2006: Die 54-Jährige arbeitet am Flughafen Barajas, als eine Autobombe in ihrem Terminal explodiert. Den Anschlag baskischer Terroristen überleben zwei Menschen nicht, 41 weitere werden verletzt.


Paloma Roque Morales: "Es war der Horror. Ich konnte es nicht glauben. Als die Bombe hoch ging, blieb ich wie angenagelt stehen. Meine Arbeitskollegen sagten: «Paloma, los, weg hier!» Ich konnte nicht fassen, dass meine Familie so etwas ein weiteres Mal erleben muss. Da alle wussten, was mit meinem Sohn passiert war, zogen sie mich aus dem Terminal. Und alle kümmerten sich um mich, sie wussten: Das ist jetzt zu viel für mich."


Die Erfahrungen rund um die beiden Attentate verarbeitet sie bis heute in einer Therapie.


Luis Ahijado: "Jeder in der Familie geht anders damit um. Mir geht es gut. Ich versuche, optimistisch damit umzugehen. Ich lebe immer voll und ganz. Denn ich denke, es gibt nur ein Leben und Punkt. Mehr gibt es nicht."


Was würden Sie den Attentätern sagen wollen?


Luis Ahijado: "Ich habe sehr viel Hass und Wut in mir. Bei dem Prozess habe ich Menschen gesehen, denen es immer noch sehr schlecht geht. Familien, dessen Angehörige nun tot sind."
Paloma Roque Morales: "Ich sage es wie mein Sohn: Ich habe viel Hass in mir. Ich verzeihe nicht. Ich verzeihe ihnen nicht, was sie meinem Sohn angetan haben. Ich verzeihe ihnen nicht und werde ihnen nie verzeihen. Ich weiß nicht, was ich ihnen antun würde, aber etwas würde ich ihnen antun, damit sie leiden. Damit ihre Familien leiden, so wie wir. Damit ihre Mütter um sie weinen würden, wie andere Mütter und Familien seit 14 Jahren weinen. Bis zum heutigen Tag gibt es viele Menschen, die paralysiert sind, die nicht einmal einen Zug oder eine Metro nehmen können. Weil wir uns nicht erholt haben. Ich wünschte mir, dass sie ebenfalls erleiden müssten, alles, was sie uns angetan haben. Wir werden das nie verarbeiten, so sehr wir das auch versuchen. Nicht mit Psychologen, nicht mit Medikamenten, mit nichts. 14 Jahre sind vergangen, und wir leiden immer noch sehr."


Aus Angst vor öffentlichen Plätzen verlässt Paloma ihre Wohnung kaum. Seit einem Jahr ist sie arbeitsunfähig. Luis arbeitet als Filmemacher in Madrid. Seine Trommelfelle sind durch die Explosion bis heute schwer beschädigt.
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Luis Ahijado überlebte die Madrider Zuganschläge im März 2004, seine Mutter Paloma Roque Morales das Attentat auf den Madrider Flughafen im Dezember 2016. Der Sohn findet seinen Weg zurück ins Leben. Die Mutter ringt bis heute mit der Angst vor neuen Anschlägen. 

Madrid, 11.03.2004 und Barajas, 30.12.2006: Es ist nicht nur die monströse Gewalt, aus der der Terror seine Wirkung bezieht. Es ist vor allem auch seine  gnadenlose Beliebigkeit. Diese Familie hat er zweimal heimgesucht. Den Sohn im März 2004 im Zug zur Arbeit. Die Mutter zweieinhalb Jahr später an ihrem Arbeitsplatz im Flughafen Barajas nahe der spanischen Hauptstadt.

Beim Anschlag auf die Madrider Vorortzüge sterben 191 Menschen, mehr als 1800 werden verletzt. Der am Flughafen fordert zwei Todesopfer und 41 Verletzte.

Der Sohn wird schwer verletzt und findet doch zurück ins Leben. Die Mutter überlebt unversehrt. Doch ein normaler Alltag ist für sie seitdem unmöglich. Mit jedem neuen Anschlag durchlebt den Horror aufs Neue.


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