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Terroranschläge: Polizei sucht Hintermänner

Nach der Identifizierung der Attentäter konzentriert sich die britische Polizei nun auf die Hintermänner der Londoner Anschläge London. Die Täterspuren führen in die Industriestadt Leeds, einem Schmelztiegel der Nationen.

Das Wort "Selbstmordattentäter" nimmt bislang in London kein Verantwortlicher in der Regierung oder bei Scotland Yard in den Mund. Das ist verständlich, denn die Ungeheuerlichkeit der Tat trifft Großbritannien und auch den europäischen Kontinent bis ins Mark. Dass sich erstmals junge muslimische Männer, in einem EU-Staat geboren und aufgewachsen, Bomben in den Rucksack packten, um im eigenen Land möglichst viele Unschuldige und sich selbst in den Tod zu sprengen, haben viele nicht für möglich gehalten - Ratlosigkeit macht sich breit.

Nach Einschätzung von Innenminister Charles Clarke muss das Land mit weiteren Attentaten rechnen. Es sei davon auszugehen, "dass weitere Menschen bereit sind, so etwas zu tun", sagte Clarke gegenüber dem Rundfunksender BBC. Davon sei er fest überzeugt, und das Land müsse sich darauf einstellen. "Wir müssen damit rechnen, dass noch andere Menschen bereit sind, Dinge zu tun wie jene, die das am vergangenen Donnerstag getan haben", bekräftigte er. Nun befürchten die Ermittler, dass ein al Kaida-Mitglied die Attentäter angeleitet und Großbritannien vor der Tat selbst verlassen hat.

"Gewöhnliche britische Burschen"

"Sie waren gewöhnliche britische Burschen aus gewöhnlichen britischen Familien. Einer spielte Cricket. Die Eltern hatten eine Fish-and-Chips-Bude. Was brachte sie bloß dazu, zu Selbstmordattentätern zu werden?", fragte die Boulevardzeitung "Daily Mirror". Auch die "Daily Mail" titelte mit "Selbstmörder aus der Vorstadt" und fragte, wieso diese "verdrehten jungen Männer dieses Land so sehr hassen". Leeds ist über die Jahrzehnte hinweg zu einem Schmelztiegel der Nationalitäten und Religionen geworden. Hier gibt es irische und jüdische, indische und karibische Gemeinschaften. An den Läden liest man Angebote auf Englisch, Arabisch und Urdu, das viele Pakistaner sprechen.

Auch Nachbarn und Freunde der Verdächtigen reagierten in Interviews mit den Zeitungen voller Unglauben und Entsetzen. "Er war ein lieber Junge, der mit allen gut zurechtkam", sagte ein 19-Jähriger der Zeitung "The Times" über einen der mutmaßlichen Täter, einen 22-Jährigen Sportstudenten. Er soll Fußball und Cricket geliebt und gelegentlich im Schnellimbiss seines Vaters in Leeds ausgeholfen haben. "Er hatte einen wunderbaren Humor und brachte einen zum Lachen ... Die Vorstellung, dass er nach London gefahren sein soll, um eine Bombe zu zünden, ist unglaublich. Es liegt nicht in seiner Natur, so etwas zu tun." Ein anderer sagte dem "Guardian", er habe noch vor zehn Tagen mit dem 22-Jährigen im Park Cricket gespielt. "Er interessiert sich nicht für Politik."

In dieses Bild mischten sich allerdings auch andere Aspekte - in der Biografie der Männer muss es einen Bruch gegeben haben. Der Sportstudent habe im vergangenen Jahr zwei Monate in Afghanistan verbracht und vier Monate in Pakistan, sagte ein Nachbar des Mannes dem Sender ITN News. In beiden Ländern gibt es starke radikal-moslemische Strömungen und der flüchtige al Kaida-Chef Osama bin Laden soll hier bei Anhängern Unterschlupf gefunden haben.

"Ziemlich aus den Gleisen geraten"

Ein 19-Jähriger, der ebenfalls an den Attentaten beteiligt gewesen sein soll, hat sich Angehörigen zufolge vor wenigen Monaten grundlegend verändert und ist ein religiöser Mensch geworden. "Seine Eltern waren besorgt, weil er ziemlich aus den Gleisen geraten war. Sie wollten ihm ein bisschen Disziplin beibringen. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber vor ungefähr zwei Jahren änderte sich der Junge plötzlich und wurde tief religiös", sagte ein Cousin in "The Times". Einem der Männer war die Polizei auf die Spur gekommen, nachdem dessen besorgte Eltern am Tag der Anschläge eine der Notfallnummern angerufen hatten. Sie sagten einem Bericht des "Guadrian" zufolge, ihr Sohn sei mit seinen Kameraden nach London gefahren und nicht zurückgekehrt.

Für die britischen Sicherheitskräfte wurde mit den Anschlägen der jungen Männer ein Albtraum wahr, vor dem sie sich seit langem fürchteten. Hier wurden junge Menschen, für die Behörden gänzlich Unbekannte, nicht etwa durch radikale Kleriker und andere Lebenserfahrungen im muslimischen Ausland radikalisiert, sondern direkt vor der eigenen Haustür. "Wie viel unbeschriebene Blätter stehen noch bei uns auf Abruf bereit?", hieß es aus den Reihen der Sicherheitsdienste.

Der Rat der Muslime in Großbritannien verurteilte die Anschläge und ihre muslimischen Urheber umgehend und betonte, "durch nichts im Islam können die bösartigen Taten der Bombenattentäter gerechtfertigt werden". Die Muslime auf der Insel haben Grund zu befürchten, jetzt von vielen generell für die Taten der vier britischen Terroristen, die aus pakistanischen Familien stammen, verantwortlich gemacht zu werden. Auf dem Spiel steht nicht zuletzt der Zusammenhalt der britischen Gesellschaft mit ihrem Vielvölkergemisch.

"Heimat mörderischer Individuen"

Die konservative Presse hielt sich nicht sonderlich zurück. "Es darf nicht länger ungesagt bleiben - die muslimischen Gemeinschaften beheimaten mörderische Individuen, die sich der Zerstörung der westlichen Lebensart verschrieben haben", kommentierte der "Daily Telegraph". Und die "Times" fragte: "Ist es wirklich möglich, dass niemand aus dem Umfeld der Täter eine Ahnung von ihren Absichten hatten? Waren ihre extremistischen Ansichten und Pläne selbst im engeren Freundeskreis und bei ihren muslimischen Kameraden unbekannt?" Die muslimischen Gemeinden trügen nun "eine enorme Verantwortung".

Die Londoner Muslimin Anila Baig versuchte im Massenblatt "The Sun", mögliche Hintergründe für die Tat zu erklären: "Ich weiß aus Erfahrung, dass sich muslimische Jugendliche entfremdet fühlen, hin und her gerissen zwischen ihrer Verpflichtung Gott gegenüber und dem Konflikt, in Großbritannien geboren und aufgewachsen zu sein." Für die meisten sei das kein größeres Problem, sondern sie sähen ihre muslimischen und gleichzeitigen westlichen Wurzeln eher als Vorteil. "Aber einigen gelingt dies eben nicht. Sie fühlen sich nicht zugehörig, auch wenn sie erfolgreiche Mitglieder der Gesellschaft sind", schreibt Baig weiter.

Baig warnte wie andere Kommentatoren auch vor einem Ende der Toleranz zwischen den verschiedenen Kulturen und Glaubensgemeinschaften. Nach ihrer Ansicht kann es nur einen Weg geben: "Heute müssen Muslime und Abendländer, die Regierung und jeder, der ein friedvolles Großbritannien möchte, zusammenarbeiten und sagen: Hier ist Schluss."

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters