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Ukraine-Krieg Warnhinweis "Kinder" vergebens: Theater von Mariupol völlig zerstört, doch Luftschutzbunker hält stand

"детй" - "Kinder" - steht deutlich sichtbar in kyrillischer Schrift vor und hinter dem Theater in Mariupol. Das Gebäude wurde dennoch attackiert.
Sehen Sie im Video: Theater in Mariupol bombardiert – hunderte Zivilisten sollen in Keller überlebt haben.
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Alle Hinweise haben nichts genutzt: Das Theater von Mariupol ist trotz deutlicher Kennzeichnung als Schutzeinrichtung völlig zerstört worden. Am Morgen danach gab es dennoch eine gute Nachricht.

Auf den Satellitenbildern der US-Firma Maxar Technologies vom vergangenen Montag sind die Hinweise nicht zu übersehen. Auf den Plätzen vor und hinter dem Theater-Gebäude in der seit Tagen heftig umkämpften ukrainischen Stadt Mariupol steht in kyrillischen Buchstaben groß mit weißer Kreide geschrieben das Wort: "Kinder". Es sollte ein Warnhinweis sein, dass in dem Theater Zivilisten Schutz gesucht haben, darunter eben auch viele Kinder. Genutzt hat es offenbar nichts.

"детй" - "Kinder" - steht deutlich sichtbar in kyrillischer Schrift vor und hinter dem Theater in Mariupol. Das Gebäude wurde dennoch attackiert.
"детй" - "Kinder" - steht deutlich sichtbar in kyrillischer Schrift vor und hinter dem Theater in Mariupol. Das Gebäude wurde dennoch attackiert.
© Maxar Technologies / DPA

Das Theater von Mariupol ist durch Beschuss der russischen Armee offenbar völlig zerstört worden. Russland hat einen Angriff bestritten und macht die rechtsnationale ukrainische Asow-Brigade für den Beschuss verantwortlich. Die Angaben sind nicht unabhängig überprüfbar.

Mariupol: "Der Luftschutzbunker hat standgehalten"

Nach Angaben des Stadtrats von Mariupol befanden sich in den Schutzräumen unter dem Gebäude bis zu 1000 Menschen. Zunächst war das Schlimmste befürchtet worden, dass Hunderte durch den Beschuss ums Leben gekommen seien. Doch dann Erleichterung: "Nach einer schrecklichen Nacht der Ungewissheit am Morgen des 22. Kriegstages endlich gute Nachrichten aus Mariupol! Der Luftschutzbunker hat standgehalten", schrieb der Parlamentsabgeordnete Serhij Taruta am Donnerstagvormittag auf Facebook. Mit dem Entfernen der Trümmer sei begonnen worden. "Die Menschen kommen lebend heraus!" Auch diese Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Dennoch herrscht Erschütterung über den Angriff auf ein so deutlich als zivile Schutzeinrichtung markiertes Gebäude. Die Organisation Human Rights Watch erklärte, es sei nicht auszuschließen, dass sich in der Nähe des Theaters ein ukrainisches Militärziel befunden habe. "Aber wir wissen, dass das Theater mindestens 500 Zivilisten beherbergte." In den sozialen Medien kursieren Videos, die die Situation vor dem Beschuss zeigen. Demnach hatten zahllose Menschen in und unter dem Theater Schutz gesucht – in weitgehender Dunkelheit und drangvoller Enge. Zahlreiche Kinder sind zu erkennen, Babygeschrei ist zu hören.

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"Wir werden nie verzeihen"

Sehr emotional reagierte der Bürgermeister von Mariupol. "Das einzige Wort, das beschreibt, was heute geschehen ist, ist Genozid", sagte Wadym Boitschenko in einem Video auf dem Messengerdienst Telegram. Das Verbrechen sei unfassbar, "wir wollen unsere Augen schließen und den Albtraum vergessen, der heute geschehen ist", sagte er bevor bekannt wurde, dass die Schutzsuchenden offenbar den Angriff überstanden haben. "Wir werden dies nie verzeihen", hieß es zudem in einer Stellungnahme des Stadtrates der umstellten Stadt.

Zerstörtes Theater von Mariupol
Dieses von den örtlichen Behörden veröffentlichte Foto soll das durch einen Angriff zerstörte Theater von Mariupol zeigen. Der Schutzraum unter dem Theater mit bis zu 1000 Insassen hat den Bomben offenbar stangehalten.
© Handout / pavlokyrylenko_donoda / Telegram / AFP

Die russische Armee mache keinen Unterschied zwischen militärischen und zivilen Opfern, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, per Video zugeschaltet, unter Hinweis auf das Mariupoler Theater in einer Ansprache vor dem Deutschen Bundestag am Donnerstagvormittag. Am Mittwoch war nach ukrainischen Angaben nahe der Stadt auch ein Raketenangriff auf einen Flüchtlingskonvoi verübt worden, bei dem mehrere Menschen starben. Insgesamt sollen in der eingeschlossenen Stadt am Asowschen Meer bereits 2000 Zivilisten ums Leben gekommen sein.

Nach Angaben von Bürgermeister Boitschenko konnten in den vergangenen beiden Tagen nach mehrfachen Versuchen endlich Menschen in 6500 privaten Autos die Stadt verlassen. Doch gebe es keine Feuerpause, die Menschen seien unter Beschuss geflohen. Die humanitäre Situation in Mariupol gilt als katastrophal, laut Hilfsorganisationen gibt es so gut wie kein Wasser und keine Verpflegung; Strom und Heizungen stehen angeblich ebenfalls nicht mehr zur Verfügung. Mehrfach sollen Hilfskonvois es nicht in die Stadt geschafft haben.

dho AFP DPA

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