HOME

Tibet-Konflikt: Der Dalai Lama ist kein Papst

Tibet ist kein Paradies auf Erden. Der Dalai Lama ist nicht der Papst der Buddhisten. Und die Chinesen verstehen nicht, warum andere Völker ihrer Kultur treu bleiben wollen. Kurz vor dem Besuch des Dalai Lamas in Deutschland spricht stern.de mit dem Tibet-Experten Volker Caumanns über ein paar Missverständnisse.

Herr Caumanns, im März, nach einigen Tagen friedlicher Proteste in Lhasa, zündeten tibetische Jugendliche chinesische Geschäfte an, verbrannten Ladenbesitzer bei lebendigem Leib. Bei vielen Menschen im Westen wurde jedoch der Eindruck erweckt: Die Chinesen greifen friedliche Tibeter an. Ein Missverständnis?

Ich will gar nicht abstreiten, dass es auch einige Tibeter gab, die sich nicht richtig verhalten haben. Auf beiden Seiten gab es Tote, auf tibetischer wesentlich mehr als bei den Chinesen. Trotzdem darf man die Ereignisse nicht durcheinanderwerfen: Begonnen haben die Aufstände, als die chinesischen Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen tibetische Demonstranten vorgegangen sind, die gegen erneute Drangsalierungen protestiert haben.

Über die Rolle, die die chinesischen Sicherheitskräfte bei den Unruhen gespielt haben, wissen wir sehr wenig. Einiges deutet darauf hin, dass sie nicht ganz unbeteiligt an der Eskalation der Proteste waren, sie diese sogar angeheizt haben. Darauf mit Gewalt zu reagieren, ist menschlich. Mich wundert es sowieso, dass die Lage nicht früher eskalierte. Im Übrigen ist es unsäglich, wie die Führung in Peking die chinesischen Opfer der Unruhen politisch instrumentalisiert, um im eigenen Land Stimmung gegen die Tibeter zu machen.

Welches sind die Ursachen für die aktuellen Geschehnisse in Tibet?

Was die Ursachen für die jetzigen Unruhen in Tibet angeht, so sind sie sicherlich im tief sitzenden Groll der Tibeter auf die Chinesen zu suchen, die oft wie Kolonialherren daherkommen und keinen Hehl daraus machen, dass sie die traditionelle tibetische Kultur für rückständig erachten. Die massenhafte Ansiedlung chinesischer Siedler tut ihr Übriges. Die Tibeter müssen erleben, wie sie in ihrem eigenen Land zunehmend marginalisiert werden, wie sie kulturell und sozial ins Abseits gedrängt werden.

Erzählen Sie uns etwas über die geschichtlichen Hintergründe...

Tibet ist seit über 50 Jahren ein besetztes Land. Was uns von Peking als „friedliche Befreiung Tibets“ verkauft wurde, war in Wahrheit die Okkupation eines zu jener Zeit de facto unabhängigen Staates. Dieses Erbe wirkt bis zum heutigen Tag fort. Viele Tibeter haben bis heute die chinesische Herrschaft über ihr Land nicht akzeptiert. Die Chinesen glauben dagegen, dass Tibet seit dem 13. Jahrhundert fester Bestandteil Chinas sei – im Übrigen eine Behauptung, die in dieser Form erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden ist.

Tibetische Buddhisten werden als sanfte, friedfertige Menschen bezeichnet. Hört man Tibet, denkt man an das Paradies auf Erden. Zu Recht, oder zeigt die Geschichte Tibets ein anderes Bild?

Das alte Tibet war sicherlich alles andere als ein paradiesischer Ort. Die Vorstellung, erleuchtete Lamas hätten in weiser Milde über das Land geherrscht, sagt natürlich viel über westliche Befindlichkeiten aus - und wenig über Tibet. Aber genauso wenig war das vormoderne Tibet die Hölle auf Erden, als das es die chinesische Propaganda immer wieder hinstellt. Dieses extreme Negativbild soll wohl eher vom eigenen brutalen Vorgehen in Tibet ablenken. Man muss nur an die Gräueltaten der Kulturrevolution denken, ohne Frage eine der dunkelsten Perioden in der tibetischen Geschichte. Nach unseren westlichen Standards war Tibet ein ziemlich rückständiges Land mit extrem hierarchischen Gesellschaftsstrukturen. Und natürlich ging es dort auch bei weitem nicht so friedlich zu, wie es Hollywood uns glauben machen will. Auch dort wurden Kriege um Macht und Einfluss geführt, oft unter dem Deckmantel der Religion. Da unterscheidet sich Tibet gar nicht so sehr von anderen Ländern.

Der Dalai Lama wird oft als „Gott zum Anfassen“ bezeichnet. Wenn man jedoch genauer hinsieht, welches Bild kommt dann zum Vorschein?

Der Dalai Lama ist eine große Projektionsfläche. Das zeigen Begriffe wie „Gott zum Anfassen“ oder auch „tibetischer Gottkönig“; Bezeichnungen, die sicherlich nicht seine Zustimmung finden würden. Daneben gibt es auch sehr negative Charakterisierungen seiner Person. Ich denke da vor allem an die chinesischen Verunglimpfungen, aber auch an das Bild, das pseudowissenschaftliche Autoren seit geraumer Zeit von ihm zeichnen. Mein Blick ist sicherlich nicht ungetrübt, aber ich halte den Dalai Lama für eine absolut integre Persönlichkeit, die zudem eine imponierende Kommunikationsgabe besitzt. Den Friedensnobelpreis hat man ihm damals vollkommen zu Recht verliehen. Ich befürchte, es werden Zeiten kommen, wo die chinesische Führung es bedauern wird, dass sie nicht das direkte Gespräch mit ihm gesucht hat.

Sind der Dalai Lama und der tibetische Buddhismus denn so offen und demokratisch, wie uns in vielen Medien angepriesen wird?

Der tibetische Buddhismus ist kein monolithischer Block. Er hat eine über tausendjährige Geschichte, die ihn stark geprägt hat. Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass gerade eine so hierarchische Religion wie der tibetische Buddhismus im Westen vor allem bei Leuten Anklang findet, die sich selbst wahrscheinlich als progressiv oder eher links definieren würden. Es bleibt abzuwarten, in wie weit es ihm gelingen wird, sich an die ganz anderen Bedingungen westlicher Gesellschaften anzupassen.

Vom Dalai Lama wird ein ziemlicher Spagat erwartet: Er muss nicht nur die sehr traditionellen Interessen des monastischen Establishments vertreten, dem er als Mönch angehört; seine westlichen Anhänger und auch die Medien sind es, die gleichzeitig von ihm verlangen, dass er in gesellschaftspolitischen Fragen möglichst fortschrittliche und aufgeklärte Positionen einnimmt. Ich glaube, im Westen gibt es ein Missverständnis darüber, wer oder was der Dalai Lama wirklich ist. Er steht nicht an der Spitze der Buddhisten, ist nicht ihr Papst, der ex cathedra die buddhistischen Glaubensvorstellungen und Dogmen bestimmt. Er ist lediglich ein Vertreter der vier großen Schulen des tibetischen Buddhismus- wenn auch ein sehr herausragender.

Der Dalai Lama hat die Unruhen in Tibet verurteilt und zum gewaltfreien Protest aufgerufen. Die chinesische Regierung hat ihm hingegen vorgeworfen, er habe seine Anhänger aufgehetzt. Wie viel Einfluss hat der Dalai Lama auf das tibetische Volk?

Die chinesischen Anschuldigungen an den Dalai Lama sind absurd. Es scheint mir auf chinesischer Seite ein großes Unvermögen zu geben, die wahre Natur des Tibetkonflikts zu verstehen. China ist beseelt von der Mission, Tibet und anderen barbarischen Völkern die Segnungen der chinesischen Hochkultur zu bringen. Dass die Tibeter aber lieber an ihrer eigenen Kultur festhalten wollen, ist für viele Chinesen unverständlich. Nach chinesischer Logik können da nur fremde, feindliche Kräfte dahinter stecken, wahlweise die Imperialisten oder die sogenannte Dalai-Clique.

Ironischerweise sind es aber gerade die chinesischen Besatzer, die als Geburtshelfer des modernen tibetischen Nationalismus fungieren. Daher sollte die Regierung in Peking eher darüber beunruhigt sein, wie wenig der Dalai Lama mit den Aufständen in Tibet zu tun hat. Die chinesische Führung wiegt sich in der Illusion, sie könne das Tibetproblem durch die massive Ansiedlung von Han-Chinesen in der autonomen Region lösen. Dass sich der Konflikt dadurch noch verschärfen wird, kann oder will man in Peking nicht sehen.

Können die massiven Proteste Druck auf China erzeugen und etwas verändern?

Natürlich setzen die Proteste die chinesische Regierung unter Druck. Leider fiel ihr in den Tagen nach den Unruhen nicht viel anderes ein, als die nationalistische Karte zu ziehen und im eigenen Land Stimmung gegen die Tibeter aber auch gegen einzelne westliche Länder zu machen. Aber das war eine absehbare Reaktion. Es ist schwer zu sagen, ob die Proteste etwas verändern werden.

Was ist generell zu empfehlen? Ein Boykott der Olympischen Spiele?

Einen vollständigen Boykott der Spiele halte ich für falsch. Damit würde es dem chinesischen Regime zu einfach gemacht. Aber nach all dem was in China in den letzten Monaten vorgefallen ist - nicht nur in Tibet - sollte man gegebenenfalls der Eröffnungsfeier fernbleiben.

Interview: Stefanie Zenke
Themen in diesem Artikel