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Tibet-Konflikt: Der Dalai Lama ist kein Unschuldsengel

Chinesen greifen friedlich protestierende Tibeter an - diese Bilder haben sich bei vielen ins Gedächtnis eingebrannt. Dabei sind die angeblich sanften Buddhisten nicht ganz unbeteiligt an den Tumulten, ihr Oberhaupt, der Dalai Lama, ist kein Unschuldsengel. Adrian Geiges über ein Missverständnis.

Noch niemand hat mir vorgeworfen, ich würde in China etwas beschönigen. Sowohl im stern als auch in meinem neuen Buch schreibe ich kritisch über die Verhältnisse dort. Aber mich ärgert die einseitige Sicht auf Tibet bei vielen im Westen. Wir vom stern haben davon erzählt, und auch die anderen Korrespondenten-Kollegen berichteten: Nach einigen Tagen friedlicher Proteste zündeten aufgebrachte tibetische Jugendliche in Lhasa chinesische Geschäfte und Restaurants an, verbrannten Ladenbesitzer bei lebendigem Leib, verfolgten Passantinnen auf der Straße und steinigten sie, weil sie Chinesinnen waren oder wie solche aussahen. Das ist rassistische Gewalt und durch nichts zu rechtfertigen.

Trotzdem herrscht bei vielen Menschen im Westen der Eindruck: "DIE Chinesen" greifen "DIE Tibeter" an. Woher rührt dieses Missverständnis?

Ein Dalai Lama ist nicht von vornherein gut

Ein Grund ist die Idealisierung des Dalai Lama und der Tibeter. Kurden oder Basken erfahren nicht so viel Sympathie. Die Tibeter seien aufgrund ihrer Religion ausnahmslos sanfte und gewaltlose Menschen, glauben viele. Auch die brutalen Ausschreitungen scheinen dieses Bild nicht zu erschüttern. Zu Recht wird darauf verwiesen, dass Chinas Führung die Menschenrechte der Tibeter verletzt. Leider verletzt sie auch die Menschenrechte ihrer anderen Untertanen, vor allem der Han-Chinesen selbst.

Weshalb also einfache Chinesen verprügeln und ermorden, die selbst Opfer dieser Politik sind? Weil die Chinesen Tibet "überfremden", heißt es dann, ein Ausdruck, der uns entsetzen würde, ginge es um Türken in Deutschland. Die angeblich sanften Buddhisten griffen während der Unruhen auch Hui-Muslime an und zerstörten Moscheen.

Kein Paradies auf Erden

Ein Dalai Lama ist nicht von vornherein gut, wie ein Blick auf die Vorgänger des jetzigen zeigt: Sie regierten einen Gottesstaat mit 95 Prozent der Bevölkerung als Leibeigenen. Die meisten durften weder lesen noch schreiben lernen. Das Paradies auf Erden jedenfalls herrschte dort nicht, auch wenn manchmal dieser Eindruck besteht. Der jetzige Dalai Lama betreibt geschickt PR in eigener Sache und reist durch die ganze Welt. Mit dieser Erfahrung ist es aber unverantwortlich, dass er den Chinesen "kulturellen Völkermord" vorwirft.

Wenn die chinesische Führung tibetische Mönche in einer sogenannten "patriotischen Erziehung" zwingt, sich vom Dalai Lama loszusagen, ist das schlimm und zudem dumm, weil es nur zu Lippenbekenntnissen führt. Völkermord ist es nicht, diesen Ausdruck hier zu verwenden verhöhnt die Opfer von tatsächlichem organisiertem Massenmord wie die in den Gaskammern der Nazis. Der Dalai Lama ist kein Unschuldsengel, sondern ein erfolgreicher Diplomat.

Hauptschuldiger am falschen Bild ist jedoch die chinesische Führung selbst. Sie lässt uns Pekinger Korrespondenten nicht nach Tibet, obwohl wir von dort ausgewogen und sachkundig berichten würden. Warum riegelt sie Tibet ab? Weil wir alle Seiten interviewen und man dann auch lesen würde: Die Mehrheit der Tibeter verehrt den Dalai Lama und hasst die von Peking eingesetzte Marionettenregierung.

Ich selbst habe das bei einem früheren Besuch dort erlebt. In Tibet kam die Mode auf, Pelze zu tragen. Als der Dalai Lama das öffentlich verurteilte, verbrannten Tibeter öffentlich ihre teuren Mäntel und Mützen, obwohl die Partei sie dazu aufrief, sich nun erst recht in Pelz zu hüllen. Ein Beispiel dafür: Die Politik der Kommunistischen Partei Chinas ist kläglich gescheitert und KP-Chef Hu Jintao lügt, wenn er sagt: "Menschen aller Volksgruppen in China schreiten voran wie ein Herz und eine Seele." Dazu braucht es etwas, was der Partei fehlt: Offenheit für andere Ansichten und Bereitschaft zum Dialog. Ausgerechnet der von Peking verteufelte Dalai Lama akzeptiert Autonomie Tibets innerhalb Chinas und spricht sich gegen die Gewalt aus. Statt mit ihm zu reden, hofft die KP-Führung auf seinen baldigen Tod. Das stärkt radikale Kräfte wie den "Tibetischen Jugendkongress".

Extremisten arbeiten der KP-Führung in die Hände

Ungewollt arbeiten tibetische Extremisten der Führung in die Hände, wenn sie etwa suggerieren, die Chinesen sollten Tibet verlassen. Eine friedliche Lösung muss von der Realität ausgehen. Jetzige Bewohner zu vertreiben und Grenzen zu verändern schafft nur neues Leid, neue Aggression, neue Gewalt. Solche Ideen erleichtern es, die Proteste als "antichinesisch" abzutun. Wenig hilfreich sind auch Angriffe einiger Aktivisten auf die Olympischen Spiele, den Stolz (fast) aller Chinesen. Deshalb ist es gut, dass der Dalai Lama einen Boykott ausdrücklich ablehnt.

Davon erfährt man übrigens in China kaum etwas. Bei allen Mängeln der westlichen Berichterstattung - sie ist nicht zu vergleichen mit den der Zensur, den Lügen und der Hetze in den chinesischen Medien. Im Stil der Kulturrevolution wird dort von der "Dalai-Lama-Clique" gesprochen, werden alle Kritiker in einen Topf geworfen.

Die korrupte Kommunistische Partei nutzt die Konflikte zwischen Tibetern und Han-Chinesen, um ihre Macht über beide zu erhalten. Ein gefährliches Spiel mit dem Feuer - nicht nur mit dem olympischen.