HOME

Traum und Wirklichkeit in der Eurokrise: Griechenlands Formel-1-Plan ist eine Schnapsidee

Athen will den Bau einer Rennpiste mit Millionen bezuschussen. Die Vorstellung, der internationale Jet Set ziehe ein griechisches Kaff in Zukunft Monte Carlo vor, ist haarsträubend.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

Griechenland hat ein krasses Wirtschaftsproblem. Seit fünf Jahren steckt der von Bankrott bedrohte Mittelmeerstaat in der Rezession. Wirtschaftswachstum muss also her. Nur wie? Die Regierung in Athen unterstützt drei Projekte mit zig Millionen Fördermitteln. Finanziert werden der Bau oder Ausbau einer Glasfabrik, eines Luxushotels und - einer Formel-1-Strecke in der Provinz.

Dieses Projekt verhöhnt alle Anstrengungen der anderen Eurostaaten, Griechenland wieder auf die Beine zu helfen, und illustriert besonders die Scheinwelt, in der griechische Politiker leben.

Das fängt schon damit an, dass der Begriff "Formel-1-Strecke" viel suggeriert, aber wenig hält. Es bedeutet nämlich nur, dass der Parcour auf Hochgeschwindigkeit ausgelegt ist und die Sicherheitsvorschriften der Formel 1 erfüllt. "Formel-1-Strecke" bedeutet nicht, dass jemals auch nur ein einziges Formel-1-Fahrzeug dort unterwegs sein wird. Sicher ist nur, dass die Hochgeschwindigkeitsstrecke für andere Fahrzeuge weniger geeignet ist. Ein Anziehungspunkt für Automobilenthusiasten kann man jedenfalls so nicht kreieren.

Rennen werden nicht stattfinden

Um in den Rennkalender der Königsklasse aufgenommen zu werden, wäre viel Geld notwendig. Nicht nur für den Bau, sondern vor allem für den laufenden Betrieb. Formel-1-Chef Bernie Ecclestone liebt die Vorkasse, das Geschäftsrisiko vor Ort muss jemand anderes tragen - die Griechen also. Nun ist Hellas weder für seine Autoindustrie noch seine Motorsporttradition bekannt. Ohnehin hält sich die Sportbegeisterung der Hellenen in Grenzen. Man erinnere sich nur an die Olympiade. Alle Veranstaltungen, die nicht mitten in Athen lagen, fanden fast ohne Publikum statt.

Und für den normalen krisengebeutelten Griechen wäre die Formel 1 nichts, selbst wenn er Benzin im Blut hat. Nur Reiche können sich den Besuch leisten. Zur Erinnerung: Die Eintrittspreise für ein Formel-1-Wochenende in Spa-Francorchamps liegen je nach Standort an der Strecke um die 400 Euro. Unterkunft, Verpflegung sind nicht inbegriffen. In einem Land mitten in der Existenzkrise, in dem die Menschen zwar Beiträge für die Krankenkasse zahlen müssen, aber keine Medikamente mehr bekommen, dürften Subventionen für die Formel 1 für die Bevölkerung ein rotes Tuch sein.

Ewig am Tropf

Aber um Motorsport oder Formel-1 geht es den Politikern in Athen gar nicht. Dann hätten sie den Standort dort gelassen, wo er mal geplant war. In Piräus in unmittelbarer Nähe zur Metropole Athen. Um einen Erfolg auch ganz sicher auszuschließen, sollen die Rennen nach Chalandritsa bei Patras verlegt werden. 200 Kilometer weg von der Hauptstadt. Die Vorstellung, der internationale Jet Set könne dieses Kaff in Zukunft Monte Carlo vorziehen, ist haarsträubend.

Nach den genialen Plänen der griechischen Ökonomen müssen weder Superreiche anreisen, noch Rennwagen starten, damit das Projekt ein Erfolg wird. Sie sind überzeugt, dass 500 Arbeitsplätze entstehen werden, auch wenn dort nur Hobbyrennen mit Go-Karts und Oldtimern stattfinden werden. Und selbst das wird nicht passieren. Denn warum sollte jemand in die tiefste Provinz reisen, nur um ein wenig Kart zu fahren?

Diese Gleichgültigkeit gegenüber allen Realitäten zeigt das wirkliche Drama in Griechenland: Anstatt zu planen, wie eine prosperierende Wirtschaft entstehen könnte, träumt man in Athener Ministerien lieber vom mühelosen Reichtum durch eine endlose PS-Party. Grid-Girls und Formel-1-Jet-Set sind mehr nach Geschmack der Politklasse als harte Aufbauarbeit. Den Bau soll irgendwie der (europäische) Steuerzahler mitfinanzieren, den Betrieb möglichts auch. Und wenn die ganze Strecke nach ein paar Jahren wieder abgerissen wird, ist das fast auch schon egal.