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USA: Trumps populistische Ausfälle wirken: Blick auf ein Land, in dem Rassismus erschreckend alltäglich ist

Mit seinen Ausfällen gegen diese vier Politikerinnen befeuert Präsident Trump einen alltäglichen Rassismus in den USA. Er zeigt sich auf der Straße. Am Swimmingpool. In Supermärkten.

Wenn du schwarz bist in Amerika, dann kann es dir immer und überall passieren. Das ist D'Arreion Toles klar. Aber trotz allem, trotz eines Präsidenten, der rassistische Parolen normalisiert, trotz Charlottesville und "Black Lives Matter" – hiermit hat er nicht gerechnet.

Es ist spät geworden im Büro an diesem Freitagabend. Toles, 24, macht sich auf den Weg in seine Wohnung, sie liegt nur zwei Blöcke von seinem Büro entfernt im Zentrum von St. Louis, 703 North 13th Street. Wer hier wohnt, zahlt 2000 Dollar im Monat für eine Zweizimmerwohnung und für das Prestige, in einem der exklusiveren Appartementhäuser der Stadt zu leben. Die "Elder Shirt Lofts" nennt Toles sein Zuhause, seit er vor zwei Jahren aus Chicago hierher gezogen ist. Die gute Adresse gibt ihm das Gefühl, es geschafft zu haben.

Trumps populistische Ausfälle und der alltägliche Rassismus in den USA

Unpatriotisch. Voller Hass. Eine Gefahr für die USA. So wütete Trump gegen die Kongressabgeordneten Ilhan Omar, Alexandria Ocasio-Cortez, Rashida Tlaib und Ayanna Pressley (v. l. n. r.). Schwarz, muslimisch oder mit hispanischem Hintergrund verstehen sich die Demokratinnen als Vertreterinnen eines progressiven Amerika.

Potenzieller Krimineller

Wenn du schwarz bist in Amerika, weiß Toles, dann begleiten dich diese kleinen Erschütterungen im Alltag wie ein hartnäckiger Husten nach einer Erkältung. Die Shopbesitzer, die dir durch den Laden folgen, als wärst du ein Kleptomane. Die Taxifahrer, die das Lichtsignal ausschalten, wenn sie dich sehen, als wärst du ein bewaffneter Räuber. Die Polizisten, die dich im Auto anhalten, als wärst du ein potenzieller Krimineller. Daran bist du gewöhnt. Manchmal aber, sagt Toles, können sich ganz plötzlich Risse in deiner Welt auftun, und du weißt, dass der Husten nie aufhören wird. Dass du nie dazugehören wirst.

Eine blonde Frau mit einem kleinen Hund an der Leine stand in der halb geöffneten Glastür zur Lobby. Toles wollte die Frau durchlassen, doch sie wich nicht von der Stelle. Blockierte den Eingang.

D'Arreion Toles filmte diese weiße Frau (r.) in seinem Appartementhaus, als sie ihm den Zugang zu seiner eigenen Wohnung verwehren wollte. Sie rief die Polizei – obwohl sie sah, wie er mit einem Schlüssel die Wohnungstür öffnete. Seitdem fühlt er sich dort wie ein Fremder.

D'Arreion Toles filmte diese weiße Frau (r.) in seinem Appartementhaus, als sie ihm den Zugang zu seiner eigenen Wohnung verwehren wollte. Sie rief die Polizei – obwohl sie sah, wie er mit einem Schlüssel die Wohnungstür öffnete. Seitdem fühlt er sich dort wie ein Fremder.

"Können Sie bitte zur Seite gehen?", sagte Toles.

"Kann ich. Leben Sie hier?", sagte die Frau.

Er machte einen halben Schritt auf die Frau zu. "Entschuldigen Sie, bitte."

Die Frau rührte sich nicht. Sie sagte: "Wenn Sie in mein Gebäude kommen wollen ..."

"Das ist auch mein Gebäude. Sie sind nicht der Eigentümer", sagte Toles, immer noch höflich.

"Okay. Dann zeigen Sie mir Ihre Appartementnummer", sagte die Frau. Toles hatte nun genug, er versuchte, sich an der Frau vorbeizuschieben. "Gehen Sie jetzt bitte aus dem Weg."

"Nein. Können Sie mir Ihre Schlüsselkarte zeigen?"

"Sie gehören nicht zum Sicherheitspersonal. Ich muss Ihnen gar nichts zeigen." Toles schob sich an der Frau vorbei. Sie folgte ihm. In die Lobby, in den Fahrstuhl, in den vierten Stock, in den Flur vor seinem Appartement. Toles schloss seine Wohnungstür auf, sagte noch: "Tun Sie das nie wieder, Ma'am. Ich wünsche eine gute Nacht. Mein Name ist Mister Toles." Dann machte er die Tür hinter sich zu.

Hässliches Amerika in Zeiten von Trump

Eine halbe Stunde später klopfte es. Toles öffnete die Tür und blickte in die Gesichter zweier Polizisten. Die Männer drängten in seine Wohnung. Sie wollten seinen Mietvertrag sehen.

Wenn du schwarz bist in Amerika, sagt Toles heute, dann kennst du das düstere Fundament dieser Gesellschaft, über das kaum jemand sprechen will. Toles steht vor dem Appartementgebäude, Anzug, blaue Krawatte, polierte Lederschuhe. Er sagt, es fühle sich seit diesem Abend nicht mehr wie sein Zuhause an. Damals, in jener Nacht, tippte er, noch völlig aufgewühlt, in sein Handy einen Facebook-Eintrag: "So ist es, ein schwarzer Mann in Amerika zu sein und nach Hause zu kommen. Ich habe nie wirklich geglaubt, dass mir so was einmal passieren würde." Dazu stellte er das wacklige Video seiner Begegnung mit der Frau, das er mit seiner Handykamera aufgezeichnet hatte. 4:30 allzu amerikanische Minuten, bis heute rund 20 Millionen Mal angesehen.

"Das Handy habe ich sofort gezückt, um mich selbst zu schützen. Damit die Frau nicht anfängt zu lügen und behauptet, ich hätte sie gewürgt oder schlimmer", sagt Toles. Das Filmen hat er sich angewöhnt, wann immer er von der Polizei bei einer Straßenkontrolle angehalten wird. Das passiere ziemlich oft als schwarzer Mann, sagt er. "Wenn ich die Kamera nicht hätte, würde vieles vielleicht ganz schlimm laufen. Die Kamera ist mein Schutzschild."

In Oakland ruft eine Frau die Polizei, weil eine schwarze Familie in einem Park grillte 

In Oakland ruft eine Frau die Polizei, weil eine schwarze Familie in einem Park grillte 

So wie Toles halten es viele Afroamerikaner. Und das, was ihre Kameras in den vergangenen Monaten eingefangen haben, fügt sich zusammen zu einem nie enden wollenden Videostream des hässlichen Amerika in Zeiten von Donald Trump. Dieser Stream zeigt eine Gesellschaft unter Druck, gespalten und verunsichert. Er öffnet die Augen dafür, was passiert, wenn Rechtspopulismus Teile einer Gesellschaft enthemmt und die Regeln von Anstand und Mitmenschlichkeit in aller Öffentlichkeit gebrochen werden. Er versetzt einen aber vor allem in die Perspektive der Opfer, ungefiltert, ungeschnitten.

Der Grund: ihre Hautfarbe

Ihre Kameras fangen ein, wie eine weiße Frau in San Francisco zu ihrem Handy greift und die Polizei ruft, weil ein schwarzes Mädchen, acht Jahre alt, auf dem Bürgersteig vor seinem Elternhaus Wasserflaschen verkauft. Das Mädchen träumt von Disneyland und will das Geld für die Reise verdienen. Im Video sieht man die Frau in den Hörer sprechen: "Das Mädchen hat keine Genehmigung."

Ein Video hält fest, wie eine weiße Frau in Oakland die Polizei ruft, weil eine schwarze Familie in einem Park mit Holzkohle grillt.

Ein anderes nimmt Donisha Prendergast, die Enkelin von Reggae-Legende Bob Marley, in einem Viertel im Osten von Los Angeles auf. Sie und ihre Freundinnen haben ein Ferienhaus in einer weißen Nachbarschaft gemietet und sind gerade dabei, ihre Koffer ins Auto zu laden, da stehen plötzlich sieben Polizeiwagen in der Einfahrt.

Hände hoch, fordern die Polizisten. Ein Helikopter kreist über ihnen. Eine Nachbarin hatte die Polizei gerufen, die Frauen hätten nicht freundlich geguckt und nicht gewinkt. Deshalb hatte sie vermutet, sie seien Einbrecher.

In dem Land, das Reality-TV erfunden hat, dringen nun Aufnahmen an die Öffentlichkeit, die tatsächlich Wahrhaftigkeit abbilden. Nicht die erfundene und zurechtgebogene, die einen Reality-TV-Star ins Präsidentenamt brachte. Es sind verstörende Aufnahmen eines schon immer von unterschwelligem Rassismus geprägten Alltags. Und eines wieder erstarkten, immer unverhohlener zur Schau gestellten weißen Überlegenheitsgefühls, das sich selbst in den lächerlichsten Situationen Bahn bricht.

In New York beschuldigte die Frau links im Bild einen neunjährigen schwarzen Jungen, sie sexuell belästigt zu haben. In Summerville, South Carolina, wurde ein 15-Jähriger von der Frau rechts im Bild geschlagen, weil sie keine Schwarzen am Pool haben wollte.

In New York beschuldigte die Frau links im Bild einen neunjährigen schwarzen Jungen, sie sexuell belästigt zu haben. In Summerville, South Carolina, wurde ein 15-Jähriger von der Frau rechts im Bild geschlagen, weil sie keine Schwarzen am Pool haben wollte.

Weiße rufen die Polizei, wenn schwarze Frauen zu langsam Golf spielen. Wenn eine schwarze Studentin in einem Aufenthaltsraum an der Universität Yale eingenickt ist. Wenn ein schwarzer Hotelgast in der Lobby telefoniert. Wenn sie einen elfjährigen schwarzen Jungen in ihrer Nachbarschaft erspähen, der Zeitungen austrägt. Wenn ein zwölfjähriger schwarzer Junge versehentlich einen kleinen Streifen ihres Rasens mit dem Rasenmäher erwischt.

Und wenn so etwas passiert, dauert es meist nicht lange, und der Vorfall landet bei Shaun King in Brooklyn. King, 39, war lange so etwas wie der Chronist von Rassismus und Polizeigewalt in den USA.

Heute, sagt er, reiche es nicht mehr aus, Vorfälle zu sammeln. Heute ist er auf der Jagd. Für seine Jagd braucht er nur seinen Laptop. Plus die Hilfe einiger der mehr als eine Million Menschen, die ihm auf Twitter folgen.

Bevor King zum Aktivisten wurde, wirkte er eine Zeit lang als Pastor, und noch immer scheint der Prediger in ihm zu stecken. Er spricht langsam und leise und bedankt sich für jede Frage, die man ihm stellt. Im Internet hingegen ist er laut und wütend.

Regierung schürt Rassismus

Als militante Rassisten vor zwei Jahren in Charlottesville brutal auf Gegendemonstranten losgingen, entdeckte er ein Foto, auf dem fünf Männer einen Schwarzen mit Metallstangen zusammenschlugen. Er schrieb auf Twitter: Wer sind diese Männer? Ihm antworteten viele Menschen, die ihm Hilfe anboten, die Täter zu finden. Schüler, Bibliothekare, Informatiker suchten Hinweise, untersuchten die Schuhe, Hosen, Halsketten auf dem Foto. Konnten einen Verdächtigen anhand eines Kurt-Cobain-Zitates am Hinterkopf identifizieren. Vier Täter sind dank der Hinweise in Haft.

Seitdem jagt Shaun King Rassisten. Er teilte zum Beispiel auf Twitter ein Video und schrieb dazu: "Das ist Flowood, Mississippi. Nachdem dieser Mann die Bedienung in diesem Diner beschimpft hat, nannte er die Frau 'nigger'. Wir brauchen seine volle Identität und seinen Arbeitgeber."

Es dauerte gerade einmal acht Stunden, da konnte King verkünden: "Kyle Thomas, ein Radiologie-Techniker im Mississippi Baptist Medical Center, wurde gefeuert. Hört mir gut zu, rassistische weiße Leute: Euer Präsident mag damit durchkommen, dass er sagt, was immer er will. Aber das gilt nicht für euch. Wir werden euch finden und zur Rechenschaft ziehen."

Der Ex-Pastor und Aktivist Shaun King sucht über Tweets Hinweise zur Identität von mutmaßlichen Rassisten

Der Ex-Pastor und Aktivist Shaun King sucht über Tweets Hinweise zur Identität von mutmaßlichen Rassisten

Shaun King sagt, er wisse, dass er Menschen damit nicht umerziehen könne. "Meine Hoffnung ist aber, dass die Leute sehen, dass ihr Verhalten Konsequenzen für sie hat. Sie werden so entmutigt, sich derart zu verhalten. Ich weiß nicht, ob ich jemals damit Erfolg haben werde. Es passiert jeden Tag aufs Neue."

Wenn man ihn nach den Gefahren seiner Selbstjustiz fragt, ob er etwa ausschließen könne, dass seine Internetkampagnen einmal den Falschen Job und Reputation kosten, bleibt er unbeeindruckt. "Wir prüfen genau. Und wir müssen so vorgehen. Was sollen wir sonst machen? Zur Polizei gehen? Die meisten Schwarzen haben Angst vor der Polizei. Es ist um 21 Mal wahrscheinlicher, dass ein Schwarzer durch eine Polizeikugel stirbt als ein Weißer. Und unsere Regierung schürt den Rassismus, statt ihn zu bekämpfen."

Ihre Ängste: politisches Kapital

Die Trump-Ära hat schlummernde Phantasmen einer bedrohten Vorherrschaft der Weißen zum Vorschein gebracht. Sie legt offen, wie gespalten die Vereinigten Staaten noch immer sind, daran hat auch die Präsidentschaft von Barack Obama nicht viel ändern können. Zu tief verankert sind Vorurteile und Ängste, vor allem vor dem schwarzen Mann. In einer Studie gaben die meisten weißen Männer an, sie hätten den Eindruck, in der Öffentlichkeit als "nette Typen" mit "nettem Lächeln" wahrgenommen zu werden. Schwarze Männer hatten nicht diese Erfahrung. Egal, wie sie sich kleiden, egal, wie viel sie lächeln – sie spüren, dass sie allzu oft als potenzielle Bedrohung wahrgenommen werden.

Das ist nur ein Symptom einer "White Panic", der Angst von Weißen, durch den demografischen Wandel zu einer Minderheit zu werden und ihre Vormachtstellung im Land zu verlieren. Studien sagen voraus, dass Weiße im Jahr 2045 nur noch 49,7 Prozent der Bevölkerung ausmachen werden, 24,6 Prozent lateinamerikanische Ursprünge haben und 13,1 Prozent Schwarze sein werden.

Amerika streitet heftig darüber, ob Denkmäler für rassistische Bürgerkriegsgeneräle stehen bleiben sollen, ob die Grenze zu Mexiko dichtgemacht werden soll. Es werden rechtslastige Richter (davon die Mehrzahl: weiße Männer) ernannt, und das Recht auf Abtreibung wird hintertrieben. All dies befeuert von der "White Panic".

Roberts fand er mehrere der Männer in Charlottesville, die einen schwarzen Demonstranten krankenhausreif geprügelt hatten. Sie wurden angeklagt.

Roberts fand er mehrere der Männer in Charlottesville, die einen schwarzen Demonstranten krankenhausreif geprügelt hatten. Sie wurden angeklagt.

Der Präsident gibt sich Mühe, aus weißen Ängsten politisches Kapital zu schlagen, denn seine Präsidentschaft beruht zu einem Großteil darauf. Vergangene Woche wütete er gegen vier farbige demokratische Kongressabgeordnete, sie sollten dorthin zurückgehen, wo sie herkämen. Die vier Frauen haben alle die amerikanische Staatsbürgerschaft, bis auf eine sind alle in den USA geboren. Seitdem findet Trumps offener Rassismus Nachahmer, wie in dem Kassierer in Illinois, der Kunden beschimpfte mit "Geht zurück in euer Land" und der drohte, die Einwanderungspolizei zu rufen. Oder in dem Burger-King-Kunden, der den Restaurantleiter mit "Geh zurück nach Mexiko" anging, weil dieser spanisch sprach.

In einer Umfrage gab fast die Hälfte der befragten Trump-Anhänger an, Afroamerikaner seien "gewalttätiger" und "krimineller" als Weiße. Trump hält mit seiner menschenverachtenden Rhetorik gegen Einwanderer und Muslime seine Basis zusammen.

Und seine Worte haben Folgen. In den 275 Landkreisen, in denen er 2016 eine Wahlkampf-Veranstaltung abhielt, stieg danach die Anzahl rassistischer und hassmotivierter Taten um 260 Prozent, ergab eine Analyse der "Washington Post". Andere Studien fanden heraus, dass Menschen zum Schreiben von Hasskommentaren im Internet ermutigt wurden, nachdem sie eine Rede von Trump gesehen oder gelesen hatten.

Wenn Trump davon spricht, dass man sich das Land zurückholen werde, fühlen sich einige Weiße dazu ermächtigt, ihm im Kleinen nachzueifern, indem sie die Polizei rufen, und sich wie übermütige Westentaschen-Trumps die Straße, den Park, das Schwimmbad zurückzuholen.

Als Waffe: ihr Mobiltelefon

"Trump ist aber nicht die alleinige Ursache des ansteigenden offenen Rassismus in den USA. Er ist das Symptom von tiefer liegenden gesellschaftlichen Entwicklungen", sagt Shaun King. Wenn die Polizei gegen Schwarze gerufen wird, ist das tief in der Psyche des weißen Amerika verankert, schreibt auch die Soziologin Robin DiAngelo. Kaum war die Sklaverei abgeschafft, erfanden Politiker in den Südstaaten Gesetze gegen vermeintliches Vagabundieren, mit denen sie viele schwarze Männer und Frauen ins Gefängnis brachten und dort unbezahlt arbeiten ließen. Die Sklaverei lebte hinter Gittern weiter.

Und dieses Bild des kriminellen Schwarzen wirkt bis heute fort. Genauso wie die Vorstellung, dass es weiße Viertel, Straßen und Geschäfte gebe, in denen Schwarze nichts zu suchen hätten. In vielen Städten im Süden der USA war es ihnen noch bis in die 50er Jahre verboten, nachts das Zentrum zu betreten. Nachdem die Gerichte in den 60er Jahren die Rassentrennung aufgehoben hatten, flohen viele Weiße in die Vororte, um unter sich zu bleiben. Nun weichen sie nicht. Es gibt ja Mobiltelefone. Und die Notrufnummer der Polizei wird zur Waffe im Kampf um die Macht.

"Sie rufen die Polizei, um uns Schwarze von Orten zu vergraulen, von denen sie vielleicht auch nur unterbewusst meinen, dass wir dort nichts zu suchen hätten", sagt Robert Burton-Harris. "Natürlich wirkt das erst einmal lächerlich, deshalb bekommen diese Leute im Internet auch Spitznamen. Wie zum Beispiel 'Barbecue Becky', die Frau, die die Polizei rief, weil Schwarze im Park grillten. Doch die Konsequenzen sind nicht lustig", sagt er.

Marc Peeples (r.) legte auf einem leer stehenden Grundstück in Detroit einen Garten an. Das gefiel Nachbarn wie Deborah Nash nicht. Sie begann, sich bei der Polizei über Peeples zu beschweren: Er bedrohe sie. Es kam zum Prozess, trotz Freispruchs verlor Peeples seinen Job.

Marc Peeples (r.) legte auf einem leer stehenden Grundstück in Detroit einen Garten an. Das gefiel Nachbarn wie Deborah Nash nicht. Sie begann, sich bei der Polizei über Peeples zu beschweren: Er bedrohe sie. Es kam zum Prozess, trotz Freispruchs verlor Peeples seinen Job.

Robert Burton-Harris ist Anwalt in Detroit. Einer seiner Klienten landete fast im Gefängnis. Marc Peeples vermeintliches Vergehen: Er gärtnerte und ist schwarz.

Peeples hatte einen Gemeinschaftsgarten in einem armen Vorort von Detroit gegründet. Hatte Spinat und Radieschen gepflanzt und die Nachbarn zum Mitmachen eingeladen. Der Ärger begann im Sommer 2017 mit den Farben Rot, Schwarz und Grün. Er hatte einen Baum und eine Veranda eines verlassenen Hauses am Garten in diesen Farben gestrichen, zu Ehren der afrikanischen Freiheitsbewegung. Drei Frauen in der Nachbarschaft wollten die Farben einer Gang erkannt haben. Es dauerte nicht lange, bis sie die Polizei riefen. Peeples hantiere mit einer Waffe im Garten. Die Polizei kam mit drei Einsatzwagen und fuhr wieder, nachdem sie festgestellt hatte, dass Peeples eine Harke in der Hand hatte, um die Beete von Laub zu befreien.

Anti-Rassismus-Training

Doch die Frauen riefen wieder und wieder die Polizei. Peeples würde sie verfolgen und bedrohen. Ihre Häuser wolle er niederbrennen. Und als er mit Schulkindern Karotten pflanzte, griff eine der Frauen zum Hörer, ob man denn nicht wisse, dass Peeples ein Pädophiler sei?

"Die Frauen sahen in der Polizei ihre Handlanger, um einen schwarzen Mann loszuwerden", sagt der Anwalt Burton-Harris. "Und sie schienen zunächst Erfolg zu haben: Marc Peeples wurde wegen Stalkings und Morddrohungen festgenommen."

Beim Prozess zerbrach das Lügengebilde der Frauen schnell. Und doch, sagt Burton-Harris, Marc Peeples sei durch die Hölle gegangen. Er hat seinen Job verloren und seinen Garten, er musste Geld aufbringen, um sich zu verteidigen.

Deshalb hatte Burton-Harris eine Anklage im Namen seines Mandanten gegen die drei Frauen eingereicht. Darin forderte er einen Schadensersatz in Höhe von 300.000 Dollar. "Die Leute haben immer weniger Hemmungen, ihren Rassismus offen zur Schau zu stellen. In dieser politischen Situation ist es wichtig, sie anzuzeigen. Denn wir haben Gesetze, die sie in die Schranken weisen", sagt er. Er hofft, dass viele Betroffene seinem Beispiel folgen werden. Es reiche nicht aus, die Polizeianrufer im Internet an den Pranger zu stellen.

Im vergangenen Jahr riefen Angestellte in einer Starbucks-Filiale in Philadelphia die Polizei, weil zwei schwarze Männer dort warteten, ohne Kaffee zu bestellen. Es folgten laute Proteste, wie hier ebenfalls in Philadelphia. Die Kaffee-Kette entschuldigte sich.

Im vergangenen Jahr riefen Angestellte in einer Starbucks-Filiale in Philadelphia die Polizei, weil zwei schwarze Männer dort warteten, ohne Kaffee zu bestellen. Es folgten laute Proteste, wie hier ebenfalls in Philadelphia. Die Kaffee-Kette entschuldigte sich.

Und doch können die Videos von den rassistischen Zwischenfällen viel bewirken. Die Frau in San Francisco, die die Polizei rief, weil ein Mädchen Wasser verkaufte, verlor zum Beispiel ihren Job.

Und nachdem Angestellte in einer Starbucks-Filiale in Philadelphia die Polizei riefen, weil zwei schwarze Männer keinen Kaffee tranken, während sie auf einen Geschäftspartner warteten, begann eine Debatte, in deren Verlauf Starbucks Tausende Filialen für ein Anti-Rassismus-Training der Mitarbeiter schloss.

Am Ende fehlt: Genugtuung

In anderen Fällen haben die rassistischen Anrufer keine Konsequenzen zu fürchten. Und schwarzen Männern und Frauen bleibt nur ein Gefühl der Ohnmacht. Sie sind Opfer einer neuen Form eines symbolischen Rassismus geworden. Ein Rassismus, der auf schwarze Menschen zielt, weil sie sich ganz normal verhalten und gleichzeitig schwarz sind, wie es der Soziologe Elijah Anderson formuliert. Ein Rassismus, der tödliche Folgen haben kann. Ein schwarzer Mann starb in Ohio, nachdem jemand die Polizei gerufen hatte. Er stand im Supermarkt, hatte eine Spielzeugpistole in der Hand. Die Polizisten eröffneten das Feuer und töteten ihn.

In St. Louis steht D'Arreion Toles vor dem Appartementhaus, in das ihn seine Nachbarin nicht hereinlassen wollte. Nachdem er das Video auf Facebook gestellt hatte, erzählt er, habe sein Telefon nicht mehr stillgestanden. Sogar ins Fernsehen wurde er eingeladen. Die Frau, die ihn belästigt hatte, hat inzwischen den Job verloren. Ihr Arbeitgeber distanzierte sich öffentlich von ihr und ihrem Verhalten, erzählt Toles. Die Frau selbst erklärte nach dem Vorfall, sie habe nichts falsch gemacht. Heute will sie nicht mehr mit Journalisten reden.

Und doch fühlt Toles keine Genugtuung. Er blickt hinauf zu den Fenstern im vierten Stock. Hinaufgehen in seine Wohnung kann er nicht mehr. Vor drei Tagen hat er die Schlüssel abgegeben und ist ausgezogen. "Ich habe es in diesem Haus nicht mehr ausgehalten, in dem ich meine Existenz rechtfertigen musste", sagt er.

Es gibt keine Gewinner in diesem gespaltenen Amerika.

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