Tschetschenien Ein Präsident auf dem Parkplatz


Er regiert ein Land, das den meisten wohl nur durch den blutigen Konflikt mit Russland bekannt ist: Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow. Vor einer Gruppe Journalisten hat der 31-Jährige nun anschaulich gezeigt, für welche Überraschungen er gut ist.
Von Andreas Albes, Grosny

Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow liebt Überraschungsauftritte. So wie vor kurzem auf der Autobahn zwischen Grosny und seinem Wohnort Gudermes. Eine Gruppe ausländischer Journalisten, im Bus auf Pressereise durch die Kaukasus-Republik unterwegs, hatte gerade eine kurze Rast eingelegt. Manche filmten die Landschaft, andere rauchten eine Zigarette, und wieder andere verschafften sich hinter Büschen Erleichterung. Da stoppte plötzlich ein Mercedes 600 (schwarz, dunkle Scheiben, gepanzert) mit quietschenden Reifen. Die Fahrertür ging auf und heraus sprang, im dunkelblauen Kaschmirsakko, ein bestens gelaunter Kadyrow. Für seine vorausfahrenden Leibwächter kam die Aktion so überraschend, dass sie nicht einmal anhielten.

"Was ist den hier los?", fragte Kadyrow. Dann gab er eine kurze Pressekonferenz auf dem matschigen Mittelstreifen zwischen den Fahrbahnen. Das Thema, klar, die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen. Die Westpresse lässt an Kadyrow für gewöhnlich kein gutes Haar. Er wird als korrupt bezeichnet, als Wahlfälscher, als Bandit; von Mord und Folter unter seiner Herrschaft ist in fast allen Berichten die Rede. An den meisten Vorwürfen dürfte etwas dran sein. Doch die Kritik aus dem Westen ficht Kadyrow schon lange nicht mehr an.

"Bei uns geht alles mit rechten Dingen zu"

Mit einem Lachen erklärte er, dass es nichts Ungewöhnliches sei, wenn Tschetschenien die schier unglaubliche Wahlbeteiligung von 99 Prozent erreiche. So war es, als im Dezember die Staatsduma gewählt wurde, und so wird es wieder sein, wenn am 2. März über Russlands neuen Präsidenten abgestimmt wird. Und selbstverständlich kann der von Putin favorisierte Kandidat Dmitrij Medwedjew mit einem grandiosen Ergebnis aus Tschetschenen rechnen. "Gehen Sie doch auf die Straße", riet Kadyrow, "sprechen Sie mit den Leuten. Dann werden Sie feststellen, dass bei uns alles mit rechten Dingen zugeht."

Wahr ist, dass der 31-jährige (von Putin zum Helden Russlands ernannt), großen Respekt bei seinem Volk genießt. Die Republik von der Größe Thüringens, die in zwei Kriegen an die 100.000 Menschen verlor (sogar Kleinkinder wurden ermordet), hat sich in den vergangen zwei Jahren stark gewandelt. Schießereien und Bombenanschläge sind selten geworden, und überall wird gebaut. Moderne Wohnhäuser in bunten Farben schießen aus dem Boden, Krankenhäuser wurden renoviert, die größte Universität wieder aufgebaut; und der Boulevard des Sieges in Grosny, vor zwei Jahren noch völlig zerbombt, ist heute kaum wiederzuerkennen mit seinen Cafes, Restaurants und Boutiquen.

Chefärztin verdient unter 200 Euro

Die Außenansicht ist paradiesisch, doch wer mit den Menschen auf der Straße spricht, lernt ein anderes Tschetschenien kennen. Etwa die Hälfte hat keine Arbeit, und wer doch das Glück einer Anstellung hat, wird schlecht bezahlt. Eine stellvertretende Chefärztin, die uns Journalisten stolz durch ein modernes Krankenhaus führte, gab an, gerade mal 6000 Rubel im Monat zu verdienen - weniger als 200 Euro. Sie kann sich mit Sicherheit keine der schmucken neuen Wohnungen leisten. Für 80 Quadratmeter sind rund 100.000 Euro zu bezahlen, deshalb stehen viele Quartiere leer, oder sie gehören privilegierten Beamten. An der Universität, so erzählte ein junger Mann auf dem Campus, ist ein Studienplatz in aller Regel nur gegen Schmiergeld zu bekommen.

Die Diskrepanz zwischen rasanter Modernisierung und erbärmlichem Lebensstandard ist einfach zu erklären: Tschetschenien gilt als eine der korruptesten Republiken Russlands. An jedem Neubau, an jedem neuen Röntgengerät, an jeder frisch asphaltierten Straße verdienen irgendwelche Politiker, Beamte oder dubiose Zwischenhändler kräftig mit. Es gibt Schätzungen, wonach anderthalb Milliarden Dollar Finanzhilfe aus Moskau in Tschetschenien spurlos versickerten. Kein Wunder also, dass das Interesse am Wiederaufbau riesengroß ist.

Kadyrow besitzt fast eine ganze Stadt

Von Kadyrow weiß man, dass er fast eine kleine Stadt besitzt, mit eigenem Fitnessclub und eigener Boutique; in seiner Garage parken ein Hummer-Geländewagen, ein Ferrari sowie eine Harley Davidson; und im Sommer rast er auf einem eigenen See mit seinem Kawasaki Wasserbob herum. In Russland sagt man: Erst wenn die oben sich die Taschen voll gemacht haben, bekommt auch das Volk etwas ab. Deshalb wird es mit Tschetschenien trotz allem weiter aufwärts gehen. Und auch, wenn der Wohlstand nur langsam wächst, ist er doch Garant für den Frieden.

Während der dreitägigen Tour unserer Journalistengruppe wurden wir von einem knappen Dutzend Sicherheitsleute bewacht, von denen jeder mit Maschinenpistole und Granaten bewaffnet war. Die Angst, dass es doch wieder Anschläge geben könnte, ist immer noch riesig. Die größte potentielle Gefahr, so erklärte einer unserer Bodyguards, seien frustrierte junge Tschetschenen (alle erfahren im bewaffneten Kampf), die nun keine Zukunftsperspektive sehen. Sie könnten zu den zwar stark geschwächten, aber immer noch existierenden Rebellen überlaufen und sich ihren Frust von der Seele bomben. Damit Kadyrows Milizionäre gar nicht erst auf solche Ideen kommen, gehören sie zu den bestbezahlten Angestellten des Landes. Jeder unserer Bewacher verdiente 1000 Dollar im Monat - fast das Vierfache einer Ärztin.

Er springt ins Auto und schießt davon

Kadyrow sieht trotz allem eine rosige Zukunft auf Tschetschenien zukommen. Er will um Investoren werben; da Tschetschenien islamistisch ist, besonders in islamischen Ländern (gerade war eine Delegation aus Dubai zu Gast); und sein größter Traum ist es, eines Tages Mikrochips produzieren zu lassen - Tschetschenien als Russlands Antwort auf Silicon Valley. "Sie werden sehen", sagte er auf der Autobahn in die Mikrofone, "Tschetschenien wird die beste, stabilste und demokratischste Republik." Aber jetzt habe er keine Zeit mehr. "Ich muss nach Hause, Mittagessen und beten." Dann sprang er in seinen 600er Mercedes und schoss mit durchdrehenden Reifen davon.


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