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Tschetschenien: Wahlkampf in den Ruinen von Grosny

Die russische Führung behauptet zwar, die Lage in Tschetschenien sei ruhig und die Hauptstadt Grosny befinde sich wieder im Aufbau. Tatsächlich aber sterben noch immer Hunderte von Soldaten und Zivilisten jedes Jahr.

Die Polizeikaserne im Norden von Grosny gleicht einer militärischen Festung. Zwei Busse, besetzt mit Journalisten aus aller Welt, verlassen das Gelände und rumpeln durch die von Ruinen gesäumten Straßen der tschetschenischen Hauptstadt. Schwer bewaffnete Soldaten begleiten die Journalisten, Pioniere suchen die Straßen nach Minen ab. Abends ist schweres Maschinengewehrfeuer zu hören. Kampfhubschrauber ziehen am Himmel ihre Kreise. Das alles sei kein Krieg, beteuern die uniformierten Begleiter.

Obwohl nach Kreml-Angaben längst Frieden herrscht, dürfen Journalisten noch immer nicht ohne Aufpasser durch das Gebiet reisen. Begründet wird das Verbot mit Sicherheitsbedenken. Vor der Präsidentenwahl am 14. März soll der Weltöffentlichkeit ein mit Moskauer Geld wieder aufgebautes Tschetschenien präsentiert werden. Das ist die Aufgabe der vom Kreml bezahlten Journalisten-Begleiter. Wer diese Männer nach den von Menschenrechtlern dokumentierten Gräueltaten fragt, wird mit der Bemerkung abgespeist, vieles sei nur "Geschwätz".

Renovierte Häuser mit frischen Einschusslöchern

Gezeigt werden renovierte Häuser, deren Fassaden bei näherem Hinsehen frische Einschusslöcher aufweisen. Eine renovierte Schule entpuppt sich als ein Bauprojekt, das mit ausländischer Hilfe verwirklicht wurde. Und in der Möbelfabrik für mehr als 1000 Arbeiter sind nur ein paar Männer zu sehen, die Schneeschaufeln und Tische herstellen.

Am 14. März soll eine halbe Million tschetschenischer Wähler mit entscheiden, ob Wladimir Putin das große Russland und damit auch ihr kleines verwüstetes Heimatland für weitere vier Jahre regieren soll. Während Moskaus Truppen in den Bergen weiterhin die islamischen Separatisten bekämpfen, läuft in der Ebene der Wahlkampf für den erwarteten deutlichen Sieg Putins. "Ich denke, 100 Prozent der Menschen hier werden Putin unterstützen. Es gibt keine Alternative zu ihm", sagt Tschetscheniens pro-russischer Präsident Achmat Kadyrow.

Hunderte von Soldaten, Polizisten und Zivilisten sterben noch immer jedes Jahr im Konfliktgebiet. Tschetschenische Terroranschläge sorgen für Blutbäder im Nordkaukasus sowie auch in Moskau. Kadyrow gibt sich aber zuversichtlich, dass die Rebellen Putins großen Tag nicht stören werden. "Dazu sind sie nicht in der Lage. Wir haben alle Dörfer unter Kontrolle", betont der tschetschenische Präsident, der in Grosny hinter Stacheldraht, Wachposten und hohen Mauern residiert.

Putin versprach einen siegreichen Feldzug gegen die Tschetschenen

Vor vier Jahren war der bis dahin wenig bekannte Putin mit dem Versprechen gewählt worden, Tschetschenien mit einem schnellen siegreichen Feldzug wieder unter russische Kontrolle zu bringen. Obwohl es bis heute keinen Frieden gibt, ist die Popularität Putins ungebrochen. In landesweiten Umfragen bewerten knapp zwei Drittel der Befragten die Tschetschenien-Politik des Kremls als negativ. Zugleich bekunden mehr als 70 Prozent der Befragten ihre Sympathie für Putin.

In Tschetschenien ist die Stimmung vor der Wahl ängstlich und gleichgültig zugleich. Es gibt wenig Hinweise darauf, dass die ortsansässige Bevölkerung, wie von Kadyrow angekündigt, in Scharen zur Wahl gehen wird. "Soll ich für Putin stimmen, damit sie noch mehr Bomben auf uns werfen?", fragt eine nach Grosny zurückgekehrte Frau, die durch den Krieg ihr Haus verloren hat.

Auf der Straße will sich aus Angst vor Repressalien kaum jemand offen zur Wahl äußern. "Putin ist ein typisch russischer Präsident, aber er ist nicht gut für Tschetschenien. Es ist kein Geheimnis, dass hier viele unschuldige Menschen nachts verschwinden und ermordet werden", sagt ein Mann. Er gibt dem Kreml-Chef die Schuld für die vielen Gräueltaten. Immer wieder betont Kadyrow, dass seine Heimat Zeit brauche. "Was in elf Jahren zerstört wurde, können wir nicht in einem Jahr ersetzen", sagt er. Vom propagierten Wiederaufbau ist an Ort und Stelle wenig zu sehen. Während Putin einer ungefährdeten Wiederwahl entgegensieht, bleibt Tschetschenien für Russland eine offene Wunde.

Nick Allen / DPA