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Tsunami-Region: Sag' mir, wo die Frauen sind

Die meisten Opfer der Flutkatastrophe in Asien waren Frauen. Die entstandene Frauenknappheit führt zu Problemen: Die Überlebenden sehen sich zunehmend sexuellen Übergriffen und Zwangsehen ausgesetzt.

Von Karin Spitra

Der Tsunami, der am 26. Dezember 2004 über die Küsten Indiens, Indonesiens und Sri Lankas fegte, tötete dort mehr als 220.000 Menschen und machte über 1,6 Millionen Menschen obdachlos. Seitdem wurde von Experten und Medien fast jeder damit verbundene Aspekt beleuchtet: Die Auswirkungen auf den Tourismus, die Umwelt, sogar die Tierwelt wurden untersucht. Weitgehend unberücksichtigt blieben hingegen die Folgen für die Gesellschaft. Jetzt legte die weltweit tätige Hilfsorganisation Oxfam eine Studie vor, welche die Folgen für die überlebenden Frauen in der betroffenen Region untersuchte.

Vor allem Frauen unter den Opfern

Laut Oxfam tötete der Tsunami bis zu vier Mal mehr Frauen als Männer. "In einigen Dörfern haben Frauen bis zu 80 Prozent der Todesopfer ausgemacht," sagte Oxfam-Direktorin Becky Buell. In vier untersuchten Dörfern der indonesischen Provinz Aceh Besar waren nur 189 von 676 Überlebenden Frauen. Ähnliche Daten wurden in Indien und Sri Lanka erhoben. Als Grund für das prekäre Missverhältnis bei den Überlebenden nannte Oxfam mehrere Aspekte: So würden Frauen traditionell kaum Sport treiben. Die meisten könnten weder schwimmen, noch seinen sie fit genug, um auf Bäume zu klettern. Ein tödliches Handicap bei der Flutkatastrophe. Frauen seien auch auf Grund ihrer schwächeren Konstitution in den Fluten beachteiligt gewesen - ihre Kräfte erlahmten viel schneller. Außerdem schlug die Welle am Sonntagvormittag zu - eine Zeit, wo Frauen hauptsächlich daheim waren und sich um ihre Familie kümmerten.

Auch ihre Position in der Handelskette wurde vielen Frauen zum Verhängnis, so Oxfam. Während Männer für den Fischfang sorgen, sind Frauen für die Verarbeitung und den Marktverkauf zuständig. Am Vormittag warteten also viele Frauen an der indischen Küste auf ihre Männer, deren Fischerboote vom Tsunami nur sanft unterspült wurden - und wurden mit voller Wucht getroffen. Außerdem verloren Frauen meist wertvolle Zeit bei dem Versuch, ältere Verwandte und Kleinkinder vor der Welle zu retten - diese Fürsorge bezahlten sie laut Oxfam mit dem Leben.

Selbstmordrate von Männern nimmt zu

Durch das entstandene Ungleichgewicht kommen auf die Männer völlig neue Herausforderungen zu. So haben viele Überlebende große Schwierigkeiten, sich selbst zu versorgen und sich um ihre Kinder zu kümmern - Aufgaben, die traditionell den Frauen zugewiesen waren. Etliche Männer fürchten auch, dadurch in den Augen der Dorfgemeinschaft an Achtung zu verlieren. Oxfam zitiert als Beispiel den Fall eines jungen Inders, der dem Druck nicht mehr standhielt: Der 26-jährige Palaniappan aus Pudukuppam bei Cuddalore beging Selbstmord, nachdem ihm klar wurde, dass er ohne Frau dastand - und er mit der Kindererziehung überfordert war. Jetzt kümmert sich seine Schwester um die beiden kleinen Töchter.

Außerdem befürchten die Oxfam-Experten dramatische Auswirkungen der Frauenknappheit auf die Lebensumstände der überlebenden Frauen: "Wir hören bereits von Vergewaltigungen, Schikanierungen und Zwangsehen", so Buell. Nach ihrem Bericht nimmt der Druck in den betroffenen Dörfern auf junge Mädchen und Frauen zu, früher als bisher üblich eine Ehe einzugehen - und dann möglichst rasch schwanger zu werden. Der Wunsch der Dorfgemeinschaften nach einem schnellen Nachwachsen der nächsten Generation wirkt sich auch auf die Zeiten zwischen den Schwangerschaften aus. Sie sollen kürzer werden - mit herben Folgen für die Gesundheit der Frauen.

Besserer Zugang zu Hilfsleistungen

Auch in den überfüllten Auffanglagern leben die Frauen gefährlich. In den meist schlecht beleuchteten Waschräumen und Toiletten werden Frauen nachts häufig zum Ziel von Übergriffen. Schwierig ist das Lagerleben für Frauen auch deshalb, weil sie durch die stark patriarchalische Gesellschaft bei der Ausgabe von Hilfslieferungen beachteiligt werden. So ist es in Sri Lanka üblich, die Karten für Essensrationen nur auf den Namen des Mannes auszustellen. Außerdem waren Häuser und Boote meist unter dem Namen des Mannes registriert - die Entschädigungszahlungen aus den Tsunamifonds gehen also an den Frauen vorbei. In den Wiederaufbauprogrammen, die den Überlebenden ein erstes bescheidenes Einkommen sichern sollen, sind laut Oxfam erst einmal die Bauvorhaben vorgesehen - an denen Frauen kaum teilnehmen.

Die Finanzhilfe fließt an den Bedürfnissenvorbei, sagt Oxfam. Frauen brauchen keine Fischerboote, sondern Fahrräder, mit denen sie die Fische zum Markt bringen können. Sie sind das Rückrat des lokalen Fischfangs, denn sie reparieren die Netze, verarbeiten und trocknen den Fisch - und verkaufen die Produkte dann am Markt. Geld aus Hilfsprogrammen fließt aber hauptsächlich an deren Männer, die es nach eigenem Gutdünken einsetzen. Außerdem sollte mit der bisherigen Tradition gebrochen werden, Familien für Versicherungsleistungen und in städtischen Angelegenheiten stets unter dem Namen des Mannes zu registrieren. Nur wenn auch die Namen der Frauen in den Registern auftauchen, kann eine schnelle Hilfe gewährleistet werden. Oder wie Becky Buell es ausdrückt: "Wenn sich lokale Regierungen und Organisationen nicht auf die veränderte Situation einstellen, können durch das entstandene Ungleichgewicht auf die gesamte Region langfristig große Probleme zukommen."

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