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Meinung

Türkei: Ironie der Macht: Wie Erdogans Paranoia die Lira-Krise auslöste

15 Jahre lang gab es für die Wirtschaft in der Türkei nur eine Richtung: steil nach oben. Der Aufschwung sicherte Erdogan Macht und Wahlerfolge. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Erdogan selbst sorgte mit falschen Entscheidungen dafür, dass nun eine Wirtschaftskrise droht.

Von Raphael Geiger

Erdogan gefährdet als Despot ernsthaft den Wohlstand der Türkei

Erdogan gefährdet als Despot ernsthaft den Wohlstand der Türkei

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So lange schon regiert Recep Tayyip Erdogan, und so sehr hat er die Türkei verändert, dass eigentlich das ganze Land irgendwie sein Produkt ist.

Seine Brücken, seine Flughäfen, seine Moscheen. Skylines und Reichtümer, ein Gesundheitssystem, ja, ein in großen Teilen modernes Land. Eins, das wenig zu tun hat mit dem, was Erdogan selbst abschätzig die "alte Türkei" nennt: die der 90er Jahre, geprägt von Armut und Instabilität.

Das neue Selbstbewusstsein der Türken ist einerseits durch Erdogans Nationalismus und Islamismus entstanden, aber auch durch den enormen Sprung, den ihr Land wirtschaftlich gemacht hat.

Wachstum war fast ein Naturgesetz in der Türkei

Erdogan war für seine Wähler nicht nur der, der den Islam förderte, sondern vor allem der, mit dem es aufwärts ging. Es stand immer für diese Verbindung. Sie machte ihn so populär. Und sie ließ die Türken nach zwei Jahrzehnten fast vergessen, dass es überhaupt so etwas gibt wie eine Wirtschaftskrise. Dass zu Beginn von Erdogans Herrschaft noch der IWF im Land war und Erdogan dessen Reformen umsetzen musste, um Kredite zu bekommen.

In den letzten Jahren war Wachstum für die Türken fast ein Naturgesetz. Die türkische Wirtschaft wuchs selbst im Jahr nach dem Putsch weiter – um über sieben Prozent, eine Zahl wie im Boom, angefeuert durch hohe Staatsausgaben und Konsum.

Erdogan ließ die Zinsen niedrig halten und die Staatsausgaben hoch, auch wenn das so erzeugte Wachstum nicht nachhaltig war. Er wusste, wie wichtig das Wachstum war. Für das Portemonnaie der Türken, für ihren Nationalstolz, für seine Herrschaft.

Und wohl weil er ahnte, dass das nicht ewig gutgehen würde, ließ er rechtzeitig vor der Krise noch Neuwahlen ausrufen.

Viele hassen Erdogan im Stillen

Wenn Erdogan auf die Dauer nicht mehr für Aufschwung steht, sondern für Krise, bekommt er tatsächlich ein Problem. Wenn die 90er-Jahre zurückkommen und die Türkei wieder ein Land wird, aus dem die Leute auswandern, dann hat Erdogan keinen Glanz mehr. Seine Marke ist dann beschädigt.

Seine Macht ist nie sicher gewesen, daher seine Paranoia. Aber es war die Wirtschaft, die über die Jahre die Konflikte zudeckte. Auf die Straße geht nur, wer nichts zu verlieren hat. Erdogan muss und wird alles dafür tun, dass die Krise nicht allzu stark durchschlägt. Gegner, die noch einen Job haben, hassen den Präsidenten im Stillen. Wenn sie ihren Job verlieren, wenn sie um ihre Existenz fürchten müssen, kann Erdogan sie nicht mehr so leicht kontrollieren.

Die Ironie daran ist, dass er selbst die Krise ausgelöst hat. Seine Person. Sein Wesen. Er selbst verunsichert die Märkte, weil er sich nicht mehr an Regeln gebunden fühlt. Der Verfall begann damit, dass Erdogan die Unabhängigkeit der Zentralbank infrage stellte – in einem Interview mit "Bloomberg" in London. Schon allein das zeigt, dass ihn sein Instinkt verlassen hat.

Der eigene Schwiegersohn im Kabinett

Den letzten respektierten Ökonomen seines Teams, Mehmet Simsek, berief er nicht mehr ins neue Kabinett. Finanzminister ist jetzt sein Schwiegersohn Berat Albayrak. Den sieht er, wie es heißt, auch als seinen Nachfolger.

Wenn die türkische Erfolgsgeschichte zu Ende geht, liegt es also nicht an den Türken und auch nicht an der Weltwirtschaftslage, sondern an einem Präsidenten, der zum Despoten geworden ist. Und wenn Erdogan irgendwann einmal fällt, dann weil er angefangen hat, Fehler zu machen.