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Massaker in Oklahoma "Ich höre immer noch die Schreie": Vor 100 Jahren tötete ein weißer Mob in Tulsa hunderte Schwarze

Rauchwolken über dem Stadtteil Greenwood in Tulsa, Oklahoma. Vor 100 Jahren zerstörte ein weißer Mob das Schwarzenviertel
Rauchwolken über dem Stadtteil Greenwood in Tulsa, Oklahoma. Vor 100 Jahren zog ein weißer Mob lynchend und brandstiftend durch das von Schwarzen bewohnte, prosperierende Geschäftsviertel
© Alvin C. Krupnick Co. / Picture Alliance
Es ist eines der dunkelsten Kapitel der US-Geschichte: In Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma tötete vor 100 Jahren ein weißer Mob bis zu 300 Schwarze. Bis heute wurde niemand dafür zur Verantwortung gezogen.

US-Präsident Joe Biden will am Dienstag nach Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma reisen, um der Opfer eines der blutigsten Massaker an Afroamerikanern in den USA zu gedenken: Vor 100 Jahren tötete ein weißer Mob dort in dem florierenden Geschäftsviertel Greenwood bis zu 300 Schwarze, brannte ihre Häuser nieder und zerstörte ihre Unternehmen.

Dunkle Erinnerungen

"Ich werde nie die Gewalt des weißen Mobs vergessen, als wir unser Haus verließen", sagte Mitte Mai die 107-jährige Tulsa-Überlebende Viola Fletcher vor dem US-Kongress in Washington über den rassistischen Pogrom. "Ich sehe immer noch, wie schwarze Männer erschossen werden, wie schwarze Körper die Straße säumen. Ich rieche immer noch Rauch und sehe Feuer. Ich sehe immer noch, wie schwarze Geschäfte niedergebrannt werden. Ich höre immer noch Flugzeuge, die über uns fliegen. Ich höre die Schreie."

Das Massaker verfolge sie jeden Tag, berichtete Fletcher. "Unser Land mag diese Geschichte vergessen, aber ich kann es nicht. Ich werde es nicht, und andere Überlebende auch nicht. Und unsere Nachkommen auch nicht." Als ihre Familie Tulsa verlassen habe, habe sie ihre Chance auf eine Ausbildung verloren und die Schule nie über die vierte Klasse hinaus besucht.

"Ich habe nie viel Geld verdient, und das Land, der Staat und die Stadt haben mir viel weggenommen", erklärte die Überlebende. Bis heute könne sie sich kaum ihre alltäglichen Bedürfnisse leisten. "Ich bin 107 Jahre alt und habe nie Gerechtigkeit gesehen", fuhr sie fort. "Ich bete, dass ich es eines Tages werde. Ich bin mit einem langen Leben gesegnet und habe das Beste und das Schlimmste in diesem Land gesehen. Ich denke jeden Tag über das Grauen nach, das den Schwarzen in diesem Land zugefügt wurde."

Der Ablauf des Massakers

Ausgangspunkt der Gewalt waren Vorwürfe gegen den jungen Schwarzen Dick Rowland, er habe sich in einem Fahrstuhl an einer weißen Frau vergangen. Rowland wurde am 31. Mai 1921 festgenommen. Vor dem Gerichtsgebäude, in dem er festgehalten wurde, gab es daraufhin Zusammenstöße zwischen bewaffneten Gruppen von Schwarzen und Weißen. Die Afroamerikaner befürchteten offenbar, Rowland könnte gelyncht werden.

Am Morgen des 1. Juni überrannte ein weißer Mob den von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil Greenwood, der wegen seines regen Geschäftstreibens als "Wall Street der Schwarzen" bezeichnet wurde. Die Angreifer erschossen zahlreiche Schwarze, plünderten das Viertel und brannten mehr als 1200 Häuser nieder, außerdem Kirchen, Schulen und Geschäfte. Während die Behörden die Zahl der Todesopfer zunächst mit weniger als 40 angaben, gehen Historiker inzwischen von 100 bis 300 Toten aus.

Niemand wurde je zur Verantwortung gezogen

2001 legte eine Kommission einen Untersuchungsbericht zu dem Massaker vor. Darin ist unter anderem festgehalten, dass viele der weißen Angreifer von der Polizei mit Waffen ausgestattet und mit einer Unterstützung der Sicherheitskräfte beauftragt worden waren – und dann die Gewalt anheizten. Viele gewählte Vertreter der Stadt, Polizeibeamte, Richter und Geschäftsleute gehörten dem rassistischen Ku-Klux-Klan an.

Niemand wurde je juristisch wegen des Massakers zur Verantwortung gezogen. Die Familien der Opfer erhielten keine Entschädigungen. "Fast 100 Jahre lang hat sich niemand für uns interessiert", sagte die Überlebende Fletcher Mitte Mai vor dem Kongress. "Wir und unsere Geschichte wurden vergessen, weggewaschen."

2018 kündigte Tulsas Bürgermeister G.T. Bynum eine Suche nach möglichen Massengräbern an. Im Oktober 2020 wurden in einem Gebiet mindestens zwölf Särge entdeckt – unklar ist bislang aber, ob es sich bei den bestatteten Toten um Opfer des Massakers handelt.

Bidens Vorgänger Trump in Tulsa

Weltweite Medienaufmerksamkeit erhielt Tulsa vor einem Jahr – allerdings nicht wegen des Massakers: Am 20. Mai 2020 hielt der damalige US-Präsident Donald Trump in der Stadt seine erste Wahlkampfveranstaltung nach dreimonatiger Corona-Pause ab.

Polizist wirft Schülerin kopfüber zu Boden

Das Treffen inmitten der tödlichen Pandemie, bei dem die wenigsten Zuhörer Schutzmasken trugen, sorgte für viel Kritik und wurde für Trump zu einem Flop: Die für 19.000 Besucher ausgelegte Veranstaltungshalle wurde nicht annähernd voll, auf den Rängen herrschte teilweise gähnende Leere.

mad AFP

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