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UKRAINE: Grenzland zwischen Ost und West

Die Ukraine ist seit zehn Jahren unabhängig. Doch die Hoffnungen der etwa 50 Millionen Ukrainer auf größeren Wohlstand nach dem Ende der Sowjetunion 1991 haben sich nicht erfüllt.

Die Ukraine ist seit zehn Jahren unabhängig. Doch die Hoffnungen der etwa 50 Millionen Ukrainer auf größeren Wohlstand nach dem Ende der Sowjetunion 1991 haben sich nicht erfüllt. Halbherzige Reformen ließen Europas zweitgrößten Flächenstaat noch tiefer in der wirtschaftlichen Krise versinken als andere ehemalige Sowjetrepubliken. Dabei könnte die Ukraine ein blühendes Land sein: Sie verfügt über die weltweit größten Flächen an fruchtbarer Schwarzerde und eine leistungsfähige Industrie.

Politisch gibt es immer noch eine Kluft zwischen der Westukraine, der Wiege der ukrainischen Nationalbewegung, und dem russisch geprägten Osten der Republik. Die Hauptstadt Kiew am Strom Dnjepr hält die Waage zwischen den beiden Landesteilen.

Die Ukraine hat dem Westen eine Reihe von Zugeständnissen gemacht: Sie gab die geerbten sowjetischen Atomwaffen an Russland ab und schloss im Dezember 2000 das Unglückskernkraftwerk Tschernobyl. Der seit 1994 amtierende Präsident Leonid Kutschma näherte sein Land an die Europäische Union (EU) und NATO an. In letzter Zeit wandte sich der Westen jedoch wegen politischer Skandale von Kutschma ab, der wieder stärker auf die Bindung an Moskau setzt. Aus Russland kommen die Energielieferungen, von denen die Ukraine abhängig ist.

Kirchlich gespalten

Die Ukraine ist religiös so gespalten wie kaum ein anderes Land. Drei orthodoxe Kirchen, zwei katholische Kirchen, dazu andere Glaubensgemeinschaften wetteifern um die Seelen der knapp 50 Millionen Ukrainer. Die Spaltung ist ein Ergebnis der tausendjährigen Geschichte der Ukraine als Grenzland zwischen Ost- und Westeuropa.

Im Jahr 988 ließ Großfürst Wladimir sein ostslawisches Großreich, die Kiewer Rus, taufen. Das heute ukrainische Gebiet wurde zur Wiege der russisch-orthodoxen Kirche, deren Schwergewicht sich über die Jahrhunderte von Kiew nach Moskau verlagerte.

Noch heute ist die Orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat) mit etwa 9050 Gemeinden die größte Glaubensgemeinschaft der Ukraine. Für die Moskauer Kirche, geführt von Patriarch Alexi II., sind die ukrainischen Kirchenprovinzen wichtig, denn von dort stammt ein Großteil des Priesternachwuchses.

Nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 versuchten einige Priester mit Rückendeckung der politischen Führung, eine nationale Kirche zu gründen. Diese Ukrainische orthodoxe Kirche (Kiewer Patriarchat) zählt 2780 Gemeinden. Daneben gibt es noch eine Autokephale ukrainische orthodoxe Kirche.

Große Kirchenspaltung 1054

In der großen Kirchenspaltung von 1054 trennten sich in Europa endgültig die Wege der Katholiken im Westen und der Orthodoxen im Osten. Die Römisch-katholische Kirche ist vor allem der Westukraine stark, die über Jahrhunderte zu Polen gehörte. Heute gibt es dort 870 000 römisch-katholische Gläubige in 800 Gemeinden.

Ein Versuch, die Kirchenspaltung zu überwinden, war 1596 die Gründung der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in der Union von Brest. Diese Unierte Kirche folgt in Theologie und Liturgie der orthodoxen Kirche, erkennt aber die Oberhoheit des Papstes an.

Als die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg die Westukraine besetzte, wurde die Unierte Kirche verboten. Ihre Gebäude fielen an die Russisch-orthodoxe Kirche. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine verlangten die Unierten ihre Gotteshäuser zurück. Diese Konflikte, oft handgreiflich ausgefochten zwischen den Gläubigen eines Dorfes, werden vom Moskauer Patriarchat als Haupthindernis für eine Verständigung mit dem Papst angesehen. Die Unierte Kirche in der Ukraine zählt heute etwa 5,5 Millionen Gläubige in 3300 Gemeinden.

Martyrium und Wiedergeburt

Die Unierte Kirche der Ukraine, geistliche Heimat der meisten Westukrainer, hat eine leidvolle Geschichte hinter sich. Sie entstand vor 400 Jahren in der Union von Brest, als vier orthodoxe Bistümer auf polnischem Gebiet sich dem Papst unterstellten.

Um dem ukrainischen Nationalbewusstsein das Rückgrat zu brechen, verfolgte die Sowjetmacht die Kirche schon bei der ersten Besetzung der Westukraine 1939. Nach der endgültigen Eingliederung des Gebiets in die Sowjetunion wurde die Unierte Kirche 1946 verboten, ihre Gebäude fielen an die orthodoxe Kirche. Viele Priester, Bischöfe und Gläubige wurden ermordet oder zu Lagerhaft verurteilt.

Liberalisierung unter Gorbatschow

Trotzdem existierte die Kirche im Untergrund weiter. In der Liberalisierung unter Michail Gorbatschow Ende der 80er Jahre bekannten sich mehr und mehr Ukrainer wieder öffentlich zu den Unierten. Nach der Wiederzulassung 1989 verlangte die Kirche ihre Gebäude zurück, was zu Konflikten mit den Orthodoxen führte.

Als griechisch-katholische Kirche folgen die Unierten der ostkirchlichen Liturgie, erkennen aber den Papst als ihren Oberhirten an. Heute zählt die Kirche mit Hauptsitz in Lwow (Lemberg) etwa fünf Millionen Gläubige. Oberhaupt ist Großerzbischof Ljubomir Gusar.