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Ukraine und die Fußball-EM Die Angst geht um


Die Diskussion um einen EM-Boykott macht das politische Kiew nervös. Und die kleinen Leute sind zwar froh, dass endlich jemand Tacheles redet - doch sie befürchten, dass die Touristen ausbleiben.
Von Nina Jeglinski, Kiew

Die ukrainische Hauptstadt wirkt wie ausgestorben, die meisten Ukrainer nutzen die sommerlichen Temperaturen und die Mai-Ferien und sind auf ihre Datscha gefahren. Doch der Hungersteik der in der Haft schwer erkrankten und misshandelten Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko führt zu Protesten. Vor allem die Absage des Ukraine-Besuchs von Bundespräsident Joachim Gauck und die Drohung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sie werde die Fußball-EM boykottieren, solange Timoschenko in Haft ist, verunsichert das politische Kiew.

Der im eigenen Land unbeliebte, autokratisch regierende Viktor Janukowitsch wollte die EM dazu nutzen, sich und sein Land international als modern und weltoffen zu präsentieren. Fotos mit Staats- und Regierungschefs sowie hochrangigen Vertretern internationaler Großkonzerne in den neuen Stadien, in Nobelhotels und in den VIP-Lounges der extra für das Turnier erbauten Flughäfen sollten den Präsidenten ins rechte Licht rücken. Doch daraus wird wohl nichts.

Kritik aus dem Westen kommt im Volk gut an

Eigentlich war die Verurteilung seiner größten politischen Konkurrentin und ihres halben ehemaligen Kabinetts im Sommer 2011 als Schlussstrich einer ganzen Reihe "politischer Aufräumarbeiten" gedacht. Zweieinhalb Jahre nach Amtsantritt Janukowitschs ist die Ukraine ein vollkommen anderes Land geworden. "Mit Bulldozer-Methoden hat er eine Machtvertikale gezogen und alle wichtigen Posten mit Vertrauten oder Verwandten besetzt", schrieb die Onlinezeitung "Ukrainska Pravda" bereits vor eineinhalb Jahren. "Niemals hat sich Präsident Janukowitsch träumen lassen, dass ihn diese Geschichte nun vor aller Welt als Diktator bloßstellt", so ein hochrangiger Diplomat zu stern.de.

Die Prozesse gegen hochrangige Oppositionelle haben die meisten Ukrainer eingeschüchtert. Bisher galt: Einflussreiche und vermögende Menschen müssen die Justiz nicht fürchten, sie werden für Straftaten wie Korruption oder Amtsmissbrauch nicht zur Verantwortung gezogen. Doch seit der Verurteilung von Julia Timoschenko sehen die Ukrainer das anders: Wenn selbst eine reiche und international gut vernetzte Frau wie sie unter Janukowitsch ins Gefängnis wandert, haben protestierende Otto-Normal-Bürger erst recht keine Chance auf Gerechtigkeit. Es ist wieder wie zu UdSSR-Zeiten in den 70er Jahren - kritisiert und geschimpft wird innerhalb der Familie, aber selten öffentlich. Die heftige Kritik aus dem Westen kommt daher im Volk gut an: Viele sind erleichtert, dass eine Politikerin vom Kaliber der Bundeskanzlerin endlich Tacheles redet und EU-Präsident Barroso seinen EM-Besuch in der Ukraine abgesagt hat.

Angst, dass die Touristen ausbleiben

Der Unmut der Menschen ist groß, das tägliche Leben beschwerlich, die Löhne niedrig und die Chance auf wirtschaftliche Verbesserungen gering. Dabei hatte Janukowitsch seinen Wählern beim Präsidentschaftswahlkampf 2009/2010 Wirtschaftswachstum und Wohlstand versprochen. Während die Machtelite der Ukraine sich ungehindert bereichert - was auch bei den Vorbereitungen zur EM immer wieder kritisiert wurde - muss der Großteil der Ukrainer mit Monatslöhnen um die 190 Euro auskommen.

Doch nicht nur das politische Kiew wird nun nervös, auch diejenigen, die an den Touristen verdienen wollten, treibt jetzt die Angst um: "Ich kann mich aufhängen, wenn viel weniger Fans als erwartet in die Ukraine reisen", klagt Vladislaw. Er hat zwei Kneipen in Lwiw renoviert und hofft, dass möglichst viele deutsche Fans bei ihm ihr Bier trinken. Auch die vielen Vermieter privater Unterkünfte sehen die Diskussion um einen Boykott der EM, die am 8. Juni beginnt, mit Sorgen. In den Austragungsorten Kiew, Donezk, Lemberg, und Charkow hoffen Wohnungsbesitzer darauf, dass Fans sich bei ihnen einmieten, um die hohen Hotelkosten zu sparen. So wie Igor. Der Familienvater hat seinen kompletten Jahresurlaub für die EM geopfert. Die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in Kiew, die er zusammen mit seiner Frau, dem Sohn und der Schwiegermutter bewohnt, soll von Ende Mai bis Anfang Juli deutschen und niederländischen Touristen als Unterkunft dienen. In der Zeit ziehen sie auf die Datscha von Freunden. Um sicherzugehen, dass seine Mieter auch wirklich kommen, hat er mit ihnen geskypt: "Noch hat keiner bei mir abgesagt."


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