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Untersuchungsbericht: US-Geheimdienste an Folter beteiligt

Erstmals hat ein US-General eine Verstrickung von Geheimdienstmitarbeitern in die Folterfälle im irakischen Militärgefängnis Abu Ghraib eingeräumt. Ihnen könnte nun der Prozess gemacht werden.

An den Misshandlungen irakischer Häftlinge im Militärgefängnis von Abu Ghraib bei Bagdad waren auch Mitarbeiter der US-Geheimdienste beteiligt. Bei der Vorlage eines Berichts über die Rolle der Geheimdienste in der umstrittenen Haftanstalt räumte US-General George Fay am Mittwoch in Washington erstmals einige wenige Fälle von Folter ein. Außerdem gab die US-Armee zu, dass insgesamt acht irakische Häftlinge als so genannte Geister-Gefangene vor dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) versteckt worden seien. Einer der Männer sei an den Folgen von Misshandlungen gestorben.

Nach den Worten von General Paul Kern sollen 23 Geheimdienstmitarbeiter sowie vier Verhörspezialisten von Privatfirmen an insgesamt 44 Misshandlungsfällen in dem irakischen Gefängnis beteiligt gewesen sein. Sie hätten entweder selbst Gefangene misshandelt oder dazu aufgefordert, ermutigt und Folter geduldet. Bislang wurden sieben Militärpolizisten der Misshandlung Gefangener beschuldigt. In dem Bericht werden auch dem ehemaligen Oberbefehlshaber der US-Truppen im Irak, General Ricardo Sanchez, Fehler vorgeworfen.

Jugendliche wurden gezwungen, sich selbst mit Fäkalien zu beschmutzen

Die Ermittler nannten zudem den Kommandeur der 205. Militärgeheimdienst-Brigade in Abu Ghraib, Thomas Pappas, gegen den Disziplinarmaßnahmen verhängt werden könnten. Eine strafrechtliche Anklage gegen Pappas könnte folgen. Der 143 Seiten starke Bericht von Fay und Jones schildert unter anderem einen Vorfall, in dem US-Soldaten einen regelrechten Wettkampf aufführten, wer mit Hunden jugendliche Gefangene zuerst so weit in Angst und Schrecken versetzt, dass sie sich selbst mit Fäkalien beschmutzen.

Einer Soldatin, die im medizinischen Bereich Dienst tat, wirft der Bericht vor, sie habe es versäumt zu melden, dass sie gesehen habe, wie nackte Gefangene gezwungen wurden, "eine menschliche Pyramide" zu bilden. Einem weiteren Soldaten wird vorgeworfen, er habe es lustig gefunden, Gefangene vor Hunden weglaufen zu sehen. Außerdem habe er keine Meldung darüber gemacht, dass Gefangene nackt in gekrümmter Haltung zusammengekettet wurden, so als hätten sie Geschlechtsverkehr miteinander.

"Eine kleine Gruppe moralisch verdorbenenr Soldaten und Zivilisten"

"Die Misshandlungen reichen von Unmenschlichkeit bis hin zu Sadismus einer kleinen Gruppe moralisch verdorbener Soldaten und Zivilisten", heißt es in dem Bericht. Zudem habe es "einen Mangel an Disziplin eines Teils der militärischen Führung des Militärgeheimdienstes in Abu Ghraib" gegeben.

Es war bereits der zweite Untersuchungsbericht des US- Verteidigungsministeriums zu den Misshandlungen in Abu Ghraib, der binnen 24 Stunden vorgestellt wurde. In beiden Berichten wird der politischen und militärischen Führung der USA Mitverantwortung und Begünstigung für den Misshandlungsskandal zugeschrieben. Ein Rücktritt von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als Konsequenz aus den Misshandlungsfällen wird jedoch abgelehnt.

Institutionelle und persönliche Verantwortung bis nach Washington

Bereits am Dienstag war der ehemalige US-Verteidigungsminister James Schlesinger in seinem Bericht zu dem Schluss gekommen, dass das Fehlen von Plänen für die Besatzungszeit und die Behandlung von Gefangenen, der eklatante Mangel an Personal und Mitteln sowie die Vernachlässigung der Aufsichtspflicht eine Atmosphäre des Chaos ermöglicht hätten. "Es gibt eine institutionelle und persönliche Verantwortung der gesamten Befehlskette hinauf bis nach Washington", sagte Schlesinger.

Der Untersuchungsbericht über die Rolle der Geheimdienste kommt zu dem Schluss, dass es nur in wenigen Fällen heimliche Absprachen zwischen Wachpersonal und Spezialisten gegeben habe, irakische Gefangene vor Verhören "weich zu klopfen." Das sei aber keine Generallinie gewesen. Einige Ermittler hätten Druck verspürt, bei den Verhören Informationen zu produzieren, hieß es weiter.

DPA