HOME

Uran-Munition: Der Fluch des Krieges

Im Irak kommen immer mehr Kinder mit Missbildungen zur Welt. Vermutliche Ursache: Uran-Munition aus dem Golfkrieg 1991. Sie wird auch jetzt wieder eingesetzt.

Es sind Bilder, die einen verfolgen, wenn man den Blick abwendet. Manche so furchtbar, dass man sie nicht drucken kann. Das Foto eines Neugeborenen mit einem Monster-Kopf wie ein Ballon und Gesichtszügen wie ein Frosch. Das Porträt eines anderen, der statt einer Nase einen Spalt in der Stirn hat, aus dem so etwas wie ein Zyklopenauge starrt. Kinder ohne Kopf. Oder ohne Haut. Oder ohne Gliedmaßen. Rote Bündel bloß, Klumpen von verwachsenem Fleisch.

Hunderte solcher Bilder

enthält der Horrorkatalog, den Dr. Jenan Hassan zusammengestellt hat. Die Ärztin arbeitet im Mutter-Kind-Spital in der südirakischen Stadt Basra. In ihrer Klinik, sagt die Professorin, habe es allein im vergangenen Jahr über 300 Missgeburten gegeben: "Ein dramatischer Anstieg. Und Fälle, die in keinem Lehrbuch stehen."

Während diese Kinder tot geboren werden oder nach wenigen Stunden sterben, kämpfen andere auf der Krebsstation um ihr Überleben. Dort ist besonders die Zahl der Leukämiefälle dramatisch gestiegen. Die Mütter, die apathisch neben ihren kranken Töchtern und Söhnen sitzen und auf die kahlen Wände starren, wissen: Schon die Diagnose Krebs ist das Todesurteil für ihre Kinder. Hier gibt es kein Medikament, das sie retten kann.

"Die Trauer und Leere in den Augen dieser Frauen sind kaum zu ertragen", sagt die Wiener Strahlentherapeutin Eva-Maria Hobiger, die zwei Jahre lang immer wieder Krankenhäuser im Irak besucht hat und gerade aus Basra zurückgekehrt ist. Die Millionenstadt, mit ihren schmucken Kanälen einst ein "Venedig des Ostens", ist zu einem Slum verkommen, in dem Abwässer in den Straßen stehen und Sirenen täglich Angriffe alliierter Flugzeuge ankündigen. Die Krankenzimmer im Mutter-Kind-Spital sind oft bloß noch ein Hort der Hoffnungslosigkeit.

Da liegen nicht nur Babys

mit tiefen Hautfalten, die wegen Unterernährung schon jetzt aussehen wie Greise. Nicht nur Säuglinge wie der todgeweihte Mohammed, dessen Bauch durch die früher ausgerottete Armutskrankheit "Kala Azar" so aufgetrieben ist, dass er nur noch mühsam nach Luft schnappt. "In zehn Tagen wurden acht neue Krebsfälle diagnostiziert", sagt die Onkologin Hobiger, "die Zahlen explodieren geradezu." Laut Krankenhausstatistik stiegen sie seit dem Golfkrieg im Jahr 1991 um das Achtfache - und gerade bei Kindern, die noch nicht mal fünf Jahre alt sind.

Schon bei jungen Mädchen wachsen tödliche Geschwüre in Brust und Unterleib, und die siebenjährige Noor ("Licht") kann ihren Kopf nicht mehr drehen, weil sie einen riesigen Lymphknoten am Hals hat. Sie ist so todgeweiht wie ein zweijähriges Kind mit einem aufgeblähten Tumor-Kopf, das die Wiener Medizinerin in einem Krankenhaus in Bagdad traf: "Als die Mutter das Tuch wegzog, war da kein Gesicht mehr."

In Basra ist die Panik vor Missbildungen inzwischen so groß, dass viele Frauen gar nicht mehr schwanger werden wollen. Die schlimmsten Fälle werden mit einem neuen Ultraschallgerät entdeckt und abgetrieben, aber dennoch geht im Mutter-Kind-Spital nach jeder Geburt die Angst um: "Die Frauen fragen jetzt nach der Entbindung zuerst nicht mehr nach dem Geschlecht des Kindes, sondern danach, ob es normal oder entstellt ist", sagt Dr. Jenan Hassan. Und die Professorin ist sich sicher: "Hier muss etwas Furchtbares passiert sein."

Die Spur zum GAU führt in die Wüste, glauben irakische Ärzte. Zu den Schlachtfeldern bei Basra, wo 1991 der "Desert Storm" tobte. Wo die US-Armee erstmals in einem Krieg eine neue Wunderwaffe einsetzte: DU-Munition, Geschosse mit einem Kern aus "Depleted Uranium", aus abgereichertem Uran.

So schwer und dicht

ist dieser silberweiße Stoff, dass er eine Panzerung mit Leichtigkeit durchschlagen kann - ohne jede Sprengladung. Wenn die US-Soldaten ihre "silver bullets" mit dreifacher Schallgeschwindigkeit aus den Bordkanonen der A-10-Jets jagten, hatten die Iraker am Boden keine Chance. Allein die kinetische Wucht des Schwermetalls reicht aus, um sich durch die Wände von Panzern zu bohren. Die frei werdende Energie lässt die Temperatur auf über tausend Grad ansteigen, sodass die panzereigene Munition oft von allein zündet. Bis zu 70 Prozent des DU-"Penetrators" verdampfen. Lösen sich auf in Uranoxide. Lagern sich ab als feiner, unsichtbarer Staub.

Südlich von Basra gibt es heute noch Friedhöfe von zerschossenen irakischen Militärfahrzeugen, wo zwischen vertrockneten Sträuchern Reste der Wundermunition liegen. Zigarrengroße Projektile, jedes fast vier Kilo schwer. 320 Tonnen DU haben die Alliierten bei ihren Angriffen im Jahr 1991 eingesetzt, das meiste davon bei Basra. Und der Geigerzähler rattert, wenn man sich den getroffenen Panzern nähert. Das Metall rund um die Einschusslöcher ist immer noch "heiß".

Kein Wunder, denn abgereichertes Uran ist Atommüll. Abfallprodukt der Herstellung von Kernbrennstäben, von dem rund 500 000 Tonnen in den USA lagern. Ein radioaktiver Stoff, der eine Halbwertzeit von 4,5 Milliarden Jahren hat. Seine Alpha-Strahlung reicht nur wenige Zentimeter weit - dennoch kann sie höchst gefährlich sein.

Während das amerikanische Verteidigungsministerium

schon Experten aufmarschieren ließ, die seine geringe Radioaktivität mit einem "TV-Gerät der 50er Jahre" verglichen, fürchten Strahlenbiologen die Anreicherung im Körper - besonders in den Knochen, wo der Schwach-Strahler über längere Zeit Leukämie auslösen kann.

Unbestritten ist: Das Zeug ist extrem giftig. Und es kann nicht nur über Wunden ins Blut gelangen und über Wasser und Nahrung in den Magen, es ist auch "atemfähig", sobald die Partikel in einem Aerosol schweben. "Es kann von jedem eingeatmet werden: von Babys, von schwangeren Frauen, von Alten und Kranken", sagt die Radiobiologin Rosalie Bertell, die für amerikanische und kanadische Behörden arbeitete, "es kann sich in der Luft kilometerweit von der Stelle verteilen, wo es entstanden ist".

Irakische Ärzte behaupten, dass die Krebsfälle gerade in den Gegenden besonders zugenommen haben, die in der Windrichtung der Kampfgebiete von "Desert Storm" lagen. Und sie wollen festgestellt haben, dass die Väter von missgebildeten Babys auffällig oft Soldaten aus dem letzten Krieg sind.

Auch wenn das in den USA als Propaganda abgetan wird: Die amerikanische Armee hat schon 1990 intern zugegeben, dass abgereichertes Uran, als Aerosol eingeatmet, Strahlenkrebs und Nierenvergiftung hervorrufen kann. "Die potenziellen Belastungen", hieß es damals, "wären unter Friedensbedingungen inakzeptabel." Wie gefährlich der zerstäubte Atommüll auch noch nach dem Ende des Kriegs ist, erlebten amerikanische Soldaten am eigenen Leib.

Doug Rokke gehörte zu einem Team von rund 100 Männern, das in der Golfregion 31 amerikanische gepanzerte Fahrzeuge untersuchen sollte, die irrtümlich aus den eigenen Reihen mit DU-Munition beschossen worden waren. Der Uran-Experte des Pentagon fand eine "ausgedehnte radioaktive Verseuchung", so stark, dass man einen Teil des Materials zu einer Atommülldeponie in den USA verschiffte. Weil der Rest zu verstrahlt für den Rücktransport war und laut Pentagon eine "substanzielle Gesundheitsgefahr" darstellte, verbuddelte man ihn einfach im Wüstensand.

Aber offenbar hatten Rokkes Männer zuvor schon so viel giftigen Staub eingeatmet, dass viele von ihnen Atembeschwerden und Hautausschlag bekamen. Später folgten Nierenprobleme und Krebserkrankungen. Heute, sagt der Physiker, der den Dienst beim Pentagon quittierte, sind 20 Leute aus der Räumungstruppe tot.

Weit über 100 000 Golfkriegsveteranen

aus den USA, Kanada und Großbritannien haben nach dem Feldzug über rätselhafte Gesundheitsstörungen geklagt: Erschöpfungszustände, Nervenleiden, Nierenversagen. Sie wurden auch durch Leukämien und Missbildungen bei ihren Kindern aufgeschreckt. Aber obwohl viele Soldaten DU als Mitverursacher im Verdacht haben, veranlasste das US-Verteidigungsministerium keine umfassenden Untersuchungen.

Im Gegenteil: Nachdem der Nuklearmediziner Asaf Durakovic in einem Veteranenhospital in Delaware Uran-Spuren im Urin von Ex-Soldaten gefunden hatte, gingen Proben und Protokolle auf rätselhafte Weise verloren. Der Ex-Oberst, der selbst am Golf gewesen war, verlor seinen Job. Bei 14 von 27 Erkrankten, die er später für eine kritische kanadische Organisation testete, fand er wieder hohe Rückstände von Uran im Urin - neun Jahre nach seinem Einsatz.

"Wir haben keine Verbindung zwischen der DU-Exposition und einer Krankheit oder Symptomen des Golfkriegssyndroms feststellen können", hat das Pentagon immer wieder beteuert. Selbst die 102 Soldaten, die von "friendly fire" getroffen wurden und teilweise mit eingekapselten DU-Splittern im Körper leben, hätten bisher weder Tumore noch Nierenprobleme bekommen - dabei haben sie statt 0,05 bis zu 30 Mikrogramm Uran im Urin.

Ein Versuch mit Ratten, vom Verteidigungsministerium in Auftrag gegeben, hat allerdings ergeben, dass die Tiere durch eingepflanzte DU-Stücke sehr wohl krebsartige Geschwüre entwickeln können. Alarmierend auch: Rattenmütter gaben das abgereicherte Uran an ihre Föten weiter. Und die offizielle Sorglosigkeit des Pentagon steht in auffälligem Kontrast zu den Schutzmaßnahmen, welche die Nato sonst immer wieder für nötig hielt.

So wurde auf Truppenübungsplätzen in Deutschland extra das Erdreich abgetragen, nachdem US-Panzer dort irrtümlich zwei Granaten abgefeuert hatten. Auf dem Balkan, wo die Alliierten ebenfalls 13 Tonnen der Wundermunition einsetzten, durften britische Soldaten nur in voller Schutzkleidung zu DU-getroffenen Panzern.

Auch für Bundeswehrsoldaten

galt eigentlich Alarmstufe Rot: "DU-Munition: Vermeide jeden Kontakt! Halte 50 Meter Abstand zur erkannten Gefahrenstelle! In der Nähe von DU-Munition/-Stäuben nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen!", hieß es auf einem Warnblatt. Bloß kam der Befehl bei der Truppe vor Ort oft nicht an.

So atmeten auch deutsche Kampfmittelräumtrupps nichts ahnend Uran-Stäube, als sie im Kosovo serbische Panzerwracks räumten - bisher offenbar ohne Folgen. Aber die können langfristig sein, warnen Strahlenbiologen. Eine UNEP-Studie zum Kosovo befürchtet, dass DU-Granaten, die tief ins Erdreich eingedrungen sind und dort korrodieren, ihre strahlenden Partikel erst nach Jahren an das Grundwasser verteilen. Zudem steht inzwischen fest, dass DU-Munition - die von der Bundesregierung ausdrücklich abgelehnt wird - auch noch mit Plutonium verseucht sein kann.

Und Basra? Bisher gibt es nur Indizien, aber keine eindeutigen Beweise, dass die Monster und Mutationen aus dem Mutter-Kind-Spital durch DU verursacht wurden. Die Menschen im Südirak können 1991 allen möglichen Giften ausgesetzt gewesen sein: den Gasen qualmender Ölquellen, die Saddams Armee in Brand steckte. Chemischen Kampfstoffen, die bei der Bombardierung seiner Arsenale frei wurden. Napalm und Säuren, die der Henker von Bagdad gegen die aufständischen Schiiten in den Marschen einsetzte. Und kein Wissenschaftler der Welt weiß, wie sich die Wirkungen dieser Gifte addieren.

Alle Wahrscheinlichkeit aber

spricht dafür: Es war der Fluch des letzten Krieges, der diese beispiellose Katastrophe auslöste, und zwölfjährige UN-Sanktionen haben die Situation in den Hospitälern von Basra zu einer Hölle gemacht.

"Über 80 Prozent der Kinder, die dort an Leukämie sterben, könnten wir in Europa heilen", sagt die Radioonkologin Eva-Maria Hobiger: Es fehlen nicht nur Medikamente für Chemotherapie und Kühlschränke für Blutkonserven, sondern auch Spezialgeräte, die in Deutschland zum Standard zählen. Aber deren Lieferung hat der US-Vertreter im UN-Embargo-Ausschuss immer wieder blockiert.

Einige dieser Geräte hat die Wiener Ärztin jetzt für ihr Kinderhilfsprojekt "Aladins Wunderlampe" nach Basra geschafft, unter bewusster Umgehung des Embargos - auch wenn sie damit eine Bestrafung riskiert. Aber das gespendete Material ist bloß ein Hoffnungsschimmer in einer "furchtbar traurigen und dramatischen Situation", wie sie auch der Cap-Anamur-Vorsitzende Elias Bierdel in der südirakischen Stadt angetroffen hat. "Und welche Spur der Verwüstung mag ein neuer Krieg noch ziehen?"

Die US-Truppen sind in Stellung. Und sie haben wieder die "silver bullets" im Kanonenrohr.

Wolfgang Metzner/Mitarbeit: Uli Hauser

print
Themen in diesem Artikel