US-Republikaner "Alles spricht gegen die Republikaner"


Er war Bushs wichtigster Redenschreiber und erfand einst den Begriff "Achse des Bösen". Doch David Frum hat sich seither zum Kritiker gewandelt. Im stern.de-Interview erläutert er, warum die Republikaner ein gewaltiges Problem bei diesen Wahlen haben und McCains Vizewahl Sarah Palin ein riskantes Spiel ist.

Herr Frum, nach dem grandiosen Auftritt Obamas in der vergangenen Woche - wie sollen die Republikaner diese Wahlen überhaupt noch gewinnen?

Die Republikaner haben in der Tat ein gewaltiges Problem. Und dies ist nicht das Thema Irak, sondern die Wirtschaft. Denn vom starken Wirtschaftswachstum in den ersten Jahren der Bush-Regierung hat die amerikanische Mittelklasse so gut wie gar nicht profitiert. Und so ist es nicht erstaunlich, dass heute vier von fünf Amerikanern glauben, das Land sei auf dem falschen Weg. Und zwei von drei Amerikanern sind unzufrieden mit dem Präsidenten. Die Menschen sind sehr pessimistisch, was die Wirtschaft betrifft. Die Stimmung ist so schlecht wie seit 1992 nicht mehr...

... damals gewann ein unbekannter Gouverneur aus der Stadt Hope in Arkansas die Wahlen. Er hieß Bill Clinton...

... ja, aber das heißt nicht, dass in diesem Jahr Barack Obama gewinnen wird. Auch, wenn eigentlich alles gegen die Republikaner spricht.

Welche Chancen räumen Sie dem immerhin 72-jährigen Kandidaten John McCain ein?

In diesem Jahr wollen die Wähler Wandel. Aber Wähler sind eben auch vorsichtig, sie wollen eigentlich keine Risiken eingehen. Und genau so positioniert sich John McCain gerade - als erfahrener Kandidat des Wandels ohne Risiko - ganz anders als Obama.

Doch McCain gehört der Partei Bushs an, er befürwortet den Krieg im Irak, versteht nur wenig von Ökonomie und er gilt als unberechenbarer Außenseiter.

Genau diese Außenseiter-Rolle könnte ihm in diesen Wahlen sogar helfen. Denn John McCain hat die Regierung, sogar Präsident Bush, immer wieder kritisiert. Vor allem bei den Themen Steuern und Irak hat er sich mit Bush regelrecht angelegt. Er forderte ja schon früh, die Zahl der Truppen substanziell zu erhöhen. Er wich von dieser Überzeugung nicht ab. Und jetzt zeigt sich: John McCain hatte Recht, der Präsident hatte Unrecht. Außerdem gilt McCain als Reformer, als einer, der sich nicht scheut, die Regierung zu kritisieren - auch wenn die eigene Partei gerade die Macht hat. Und jeder im Land kennt ihn.

Welche Folgen hat die überraschende Wahl der völlig unbekannten Alaska-Gouverneurin Sarah Palin als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin?

Offenbar erhoffte man sich mit ihrer Nominierung eine positive Reaktion bei Frauen und Wechselwählern, den Unabhängigen. Aber jetzt scheint es, als ob vor allem die Konservativen in der Partei regelrecht begeistert von ihr sind. Seit ihrer Nominierung gibt es eine regelrechte Spenden-Welle, innerhalb weniger Tage gingen mehrere Millionen Dollar Wahlkampfspenden ein.

Nach offiziellen Angaben waren es mehr als zehn Millionen Dollar.

Aber natürlich ist diese Entscheidung zugleich ein Risiko: Wenn dem Präsidenten etwas passieren würde, dann läge das Schicksal der freien Welt in den Händen einer Frau, die bis vor wenigen Jahren Bürgermeisterin einer Kleinstadt in Alaska war.

Die Dame überrascht mit Neuigkeiten - wie etwa der Schwangerschaft ihrer 17-jährigen Tochter, einer Schülerin.

Die konservative Parteibasis sieht das eher als Bestätigung für die Standfestigkeit und die richtigen Überzeugungen Palins: gegen Abtreibung, für eine große Familie. Außerdem führt man dies als Beweis für die angebliche Einseitigkeit der angeblich linken Medien an. Die Presse habe mehr als ein Jahr lang über den Sexskandal des demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Edwards geschwiegen, heißt es jetzt.

Dennoch - hat sich McCain diese Entscheidung gut überlegt?

Offiziell heißt es ja, Sarah Palin habe einen rigorosen Prüfungsprozess durchlaufen. Aber es gibt Hinweise darauf, dass es doch eine Entscheidung in letzter Minute war. Aber innerhalb der Partei sieht man sie im Moment durchaus positiv. Sie hat eine gute Story - als Kämpferin gegen die Korruption. Sie ist eine charismatische Persönlichkeit. Ich kann schon verstehen, was McCain an ihr gefällt. Sie ist ihm in einigen Dingen ähnlich.

Aber verprellt er sich so nicht die unabhängigen Wechselwähler, die er für einen Wahlsieg dringend braucht?

Das kann im Moment niemand sagen. Und wäre ich ein Mitarbeiter in Obamas Stab, dann würde ich genau darauf zielen: Diese Entscheidung war ein riskantes Spiel, und sie zeigt, dass der weißhaarige Kandidat John McCain das eigentliche Risiko in dieser Wahl ist - und dass Barack Obama vielmehr der Vorsichtige ist, der für verlässliche Politik steht. Ich fürchte, dass dies der größte Schaden ist. McCains Slogan ist: "Das Land zuerst". Aber stellt er wirklich das Land über alles andere, wenn er eine unerfahrene Kleinstadtbürgermeisterin zur Vizepräsidenten macht? Es wird nicht einfach für die Republikaner, das Land wünscht einen Wechsel, man will den alten Amtsinhaber und seine Partei nicht mehr. Aber man weiß auch: für den Durchschnittswähler gelten die Demokraten, gilt Barack Obama als zu links. Und letztlich wird auch diese Wahl in einigen wenigen Wahlkreisen, in einigen wenigen Bundesstaaten entschieden. Und nur darum wird es letztlich gehen.

Interview: Katja Gloger

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