US-Wahlkampf Sechs Sieger und ein Profiteur


Obama, Edwards oder Clinton? Die Caucus-Wahlen am 3. Januar sollen die Entscheidung bringen, wer für die Demokraten bei der US-Präsidentenwahl kandidieren wird. Mit entsprechend großer Spannung wurde die letzte TV-Debatte vor den Wahlen erwartet. Sie endete ohne klaren Sieger, aber einem Profiteur: Barack Obama.
Von Jan Christoph Wiechmannn, Iowa

Der wichtigste Satz des Tages fiel lang vor Beginn der Debatte. Da standen Hillary Clinton und Barack Obama, die beiden führenden Demokraten, zehn Minuten lang allein auf der Landebahn des Flughafens in Iowas Hauptstadt Des Moines. Sie sprachen über das Wetter und den Wahlkampf, und gleich am Anfang sagte Hillary Clinton die entscheidenden Worte: "I am sorry."

Am Tag zuvor hatte ihr Berater Bill Shaheen in einem Interview Obamas wilde Jugend ins Spiel gebracht. Er verwies aus Obamas Drogenmissbrauch, Kokain und Marihuana und warnte davor, dass die Republikaner Obamas Kokainvergangenheit gnadenlos ausschlachten werden. Shaheens Botschaft: Wählt lieber Hillary. Da seid ihr auf der sicheren, der drogenfreien, der skandalfreien Seite. Gestern trat Shaheen zurück.

Verzweiflung im Clinton-Lager

Es war einer jener schmutzigen Angriffe, die Hillary Clinton sonst immer den Republikanern vorwirft. Drei Tage zuvor musste bereits ein Mitarbeiter ihres Teams zurücktreten, nachdem er eine Email weitergeleitet hatte, in der Obama als gefährlichen Moslem bezeichnet wurde. Es macht sich Verzweiflung breit im Clinton-Lager. Laut Umfragen ist Obama nicht nur in Iowa an ihr vorbeigezogen, sondern erstmals auch im Staat New Hampshire (Wahltag: 8. Januar). Es muss etwas geschehen. Irgendetwas.

Die Debatte im Vorort Johnston, die letzte vor den Entscheidung bringenden Caucus-Wahlen in Iowa am 3. Januar, sollte die Wende bringen, und es sah lange gut aus für die Senatorin aus New York. Sie war wie immer eloquent und scharfzüngig und setzte sich leidenschaftlich für eine neue Klimapolitik ein. Sie vermied jene persönlichen Angriffe, die die Wähler Iowas so verachten. Dennoch brachte sie zwischen den Zeilen Kritik an ihren Konkurrenten unter: "Jeder hier auf der Bühne hat seine Vorstellungen über den Wandel. Einige glauben, du erreichst ihn, in dem du ihn forderst" (sie meinte Ex-Senator John Edwards, derzeit auf Platz drei in Iowa). "Einige glauben, du bringst ihn zustande, indem du auf ihn hoffst" (sie meinte Obama). "Ich glaube, du schaffst den Wandel, in dem du hart daran arbeitest" (sie meinte sich selbst).

Wahlkampfdebatte unter Freunden

Hillary Clinton hatte nur ein Problem. Die anderen fünf Kandidaten auf der Bühne waren auch gut, selbst die Kandidaten der zweiten Reihe, Joe Biden, Christopher Dodd und Bill Richardson. Es war eine Debatte unter Freunden, aber um Längen besser als die der Republikaner am Tag zuvor. Barack Obama erzählte vom Weihnachtsbaumkauf mit seinen Töchtern und erinnerte an sein Vorbild Martin Luther King. John Edwards, der wie kein anderer Iowa bereist, bemühte manchmal etwas zu eindringlich seine Klassenkampfqualitäten. Und alle gemeinsam nahmen sich Präsident George W. Bush vor und forderten "Change", Wandel, radikalen Wandel, revolutionären Wandel, eindringlichen Wandel, Wandel mit Konsequenzen, der Begriff "Change" fiel 37 mal. Hillary glaubt, den substantiellen Wandel zu bringen, Edwards den revolutionären und Obama den wirklichen - keine Rückkehr in die goldenen 90er Jahre der Clintons.

"Wie wollen Sie sich von den Clinton-Jahren absetzen, wenn Sie sich doch mit vielen Beratern Bill Clintons umgeben", wollte die Moderatorin von Obama wissen. Es war die beste Frage des Abends. Für einen Moment sah es so aus, als könnte Obama straucheln. Hillary Clinton begann feist zu lachen und rief: "Das will ich jetzt hören." Das Publikum begann zu johlen. Und dann kam die Antwort. "Weißt du, Hillary, ich freue mich darauf, wenn auch du zu meiner Beraterin wirst." Ein Volltreffer. Der Satz des Abends.

Sechs strahlende Sieger

Werden Sie aus dem Spruch ein Wahlkampfspot machen, wollten die Reporter von Obamas Medienberater nach der Debatte wissen. Werden Sie ihn auf Youtube stellen? War das der Knock Out für Hillary? "Mal sehen", sagte David Axelrod. "Habe ich noch nicht drüber nachgedacht." In der anderen Ecke des Raumes stand Clintons Wahlkampfstratege Mark Penn und antwortete: "Keinesfalls. Hillary war klare Siegerin." Auch Edwards sah sich als Sieger und Dodd und Biden und auch Richardson. Sechs strahlende Sieger. Die große Harmonie. Dann regneten die Fragen der fast 200 Reporter auf sie nieder. Es ging um Drogen, Skandale und einen dreckigen Wahlkampf.


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