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US-Wahlkampf: Zwei Kandidaten und 32 Seiten Regeln

Wenn US-Präsident George W. Bush im ersten TV-Duell auf seinen Herausforderer John F. Kerry trifft, wollen beide Lager nichts dem Zufall überlassen. Ein ganzes Heer von Beratern ist damit beschäftigt, "ihren" Kandidaten richtig in Szene zu setzen.

32 Seiten mit Regeln gibt es für die drei geplanten und mit Hochspannung erwarteten Fernsehdebatten zwischen dem Republikaner George W. Bush und dem Demokraten John Kerry. Sogar die Raumtemperatur ist vorher zwischen beiden Seiten ausgehandelt worden: Keiner der beiden US-Präsidentschaftskandidaten will schließlich im jeweils 90-minütigen "Showdown" ins Schwitzen kommen. Erst recht nicht Kerry: Wie eine ganze Serie von Meinungsumfragen zeigt, geht sein Kontrahent Bush mit einem soliden Vorsprung von mindestens sechs Prozentpunkten in der Wählergunst in das erste TV- Duell am Donnerstagabend (Ortszeit 21:00 Uhr, MEZ 03:00 Uhr) in der Universität von Miami in Coral Gables, Florida.

Sein oder Nichtsein

Daher stimmen Wahlkampfexperten darin überein, dass für Kerry bei den Debatten ganz klar mehr auf dem Spiel steht als für Bush. Sollte der Präsident nicht gerade einen Riesenschnitzer machen, könnte ihm nach Einschätzung von Analytikern allenfalls die Rückkehr zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen drohen, wie es sich bis zum republikanischen Wahlparteitag Ende August abgezeichnete hatte. Für Kerry geht es dagegen wahrscheinlich um Sein oder Nichtsein, das heißt, die Debatten könnten sehr wohl seine letzte Chance sein, "sein letztes Werkzeug, um das Ruder herumzureißen", wie es der republikanische Chefwahlkampfstratege Matthew Dowd formuliert.

Worauf es für Kerry inhaltlich vor allem in der ersten Debatte mit dem Schwerpunkt nationale Sicherheit und Außenpolitik ankommen wird, haben er und seine Berater ebenfalls jüngsten Umfragen entnehmen können. "Kerrys Hauptziel muss es sein, unmissverständlich klar zu machen, was er als Präsident tun wird", bringt es der demokratische Berater Greg Schneiders auf einen Nenner. Den Umfragen zufolge bevorzugt nämlich eine Mehrheit der Amerikaner Bush, obwohl sie wachsende Probleme mit seinem Irakkurs und auch mit seiner Wirtschaftspolitik hat.

Als Grund wird angegeben, dass Kerry nach wie vor nicht deutlich gemacht habe, wofür er selbst steht. "Wischiwaschi"-Positionen hat ihm auch Bush wiederholt vorgeworfen und dazu, in Sachen Irak ein "Flip-Flopper" zu sein - jemand, der seine Meinung immer wieder ändert. Diese "Botschaft" ist anscheinend bei vielen Amerikanern angekommen.

Allerdings sind sich Experten auch darin einig, dass in den TV- Diskussionen nicht nur der Inhalt zählt, sondern vor allem auch, wie dieser Inhalt vermittelt wird. Beide, Kerry und Bush, gelten auf ihre Weise als gute Debattierer. Kerry besticht durch Detailwissen, und ihm wird Nervenstärke auch unter großem Druck nachgesagt. Das zeigte er in einer Serie von Duellen mit seinem Kontrahenten William Weld während des Senatsrennens 1996, in die er als "Underdog" ging, um dann mit Bravour zu bestehen.

Bush seinerseits schlug sich in den Debatten gegen Al Gore vor vier Jahren mehr als beachtlich. Er überzeugte nach allgemeinem Urteil zwar nicht durch hervorragenden Intellekt, aber dafür durch seine persönliche Ausstrahlung: Er wurde als sympathisch und umgänglich empfunden, Gore dagegen als steif und distanziert.

Emotionen spielen Rolle wie selten zuvor

Und ähnlich wie Gore könnte es dem vornehm-aristokratisch wirkenden Kerry ergehen, befürchten viele Demokraten angesichts seines "coolen" Naturells und der Tatsache, dass bei diesen Wahlen Emotionen eine so große Rolle spielen wie selten zuvor. "Bush hat es gelernt, wie man seine Persönlichkeit zeigt und damit ankommt", sagt auch Donna Shalala, einst Mitglied im Kabinett von Bill Clinton. "Genau das muss man tun, damit sich die Menschen wohl fühlen." So haben Experten Kerry eingehämmert, dass man manchmal auch lächeln muss, um am Ende etwas zu lachen zu haben.

Insgesamt hat sich ein ganzes Heer von Beratern damit beschäftigt, "ihren" Kandidaten vor den Kameras richtig in Szene zu setzen: Von der zu bevorzugenden Gestik und Mimik bis zur Anzugs- und Schlipsfarbe, ja sogar der Breite des Jackettrevers wurde alles ausgetüftelt. Das gilt auch für den Winkel, in dem man sich am besten den Kameras stellt: Schließlich hat jeder Kandidat - wenn sie es auch gegenseitig nicht zugeben - eine Schokoladenseite.

Gabriele Chwallek/DPA / DPA