HOME

Venezuela: Lilian Tintori – Das Gesicht des Widerstands

Lilian Tintori kämpft in Venezuela gegen das diktatorische Regime Nicolás Maduros – und für die Freiheit ihres Mannes.

Venezuela: Lilian Tintori – Das Gesicht des Widerstands

Lilian Tintori bei einer Demonstration in Caracas. Ihr T-Shirt zeigt das Bild ihres Mannes, des Oppositionsführers Leopoldo López. Auf ihrem Plakat fordert sie die Freilassung aller politischen Gefangenen in Venezuela

Es scheint, als hätte Lilian Tintori alles kommen sehen: die Festnahmen der Regimegegner, den Putsch gegen die Nationalversammlung, die Absetzung der Generalstaatsanwältin. Diesen gesamten Feldzug von Venezuelas Präsident gegen die letzten Reste von Demokratie und Rechtsstaat.

"Sie werden die Unterdrückung massiv verstärken", sagte sie dem stern vor wenigen Wochen zu Beginn einer Demonstration im Miranda Park in der Hauptstadt . "Sie werden uns verhaften. Und vereinzelt freilassen. Und gegeneinander ausspielen. Jeden Widerstand brutal niederschlagen. Sie töten uns. Aber besiegen werden sie uns nicht. Wir haben einen langen Atem."

Wie immer trug sie keinen Helm, keine Gasmaske, keine schusssichere Weste

Dann trat die Frau des Oppositionsführers in die vorderste Reihe von 100.000 Demonstranten und stimmte ein Freiheitslied an. Kurz darauf schon trafen sie wieder Tränengas und Gummigeschosse der Nationalgarde. Wie immer trug sie keinen Helm, keine Gasmaske, keine schusssichere Weste, nur ein weißes T-Shirt mit dem Foto ihres inhaftierten Mannes und dem Schriftzug "Befreit Leopoldo".

Seit der vergangenen Woche ist es so weit: Das Imperium des Nicolás Maduro schlägt zurück. Nach vier Monaten Protest gegen seine diktaturähnliche Regierung, nach mehr als 120 Toten, 15.000 Verletzten und 5000 Verhaftungen, stellte er die letzte demokratische Institution kalt, die von der Opposition kontrollierte Nationalversammlung. Dafür gibt es nun eine Verfassungsgebende Versammlung, die befähigt ist, ihm sämtliche Machtbefugnisse auszuhändigen.

Regierungsgegner entzünden Barrikaden. Seit Monaten erschüttern Proteste das Land

Regierungsgegner entzünden Barrikaden. Seit Monaten erschüttern Proteste das Land

Er ließ seine Gegnerin, die einst regimetreue Generalstaatsanwältin Díaz, 59, absetzen, weil sie es gewagt hatte, seine zunehmend totalitären Züge zu kritisieren. Er ließ reihenweise Oppositionelle verhaften, darunter Caracas' Bezirksbürgermeister Antonio Ledezma und eben erneut Lilian Tintoris Mann Leopoldo López, der bereits drei Jahre im Militärgefängnis Ramo Verde eingesessen hat.

Am Samstag ließ er beide wieder frei – in den Augen von Lilian Tintori Teil einer "Zuckerbrot- und Peitsche-Strategie. Sie soll uns zermürben und spalten".

Der ehemalige Busfahrer Nicolás Maduro und seine Chavistas befinden sich schon seit Monaten auf einem Feldzug gegen die Restposten der Demokratie, gegen Parlament, Medien, Justiz, gegen die OAS (Organisation Amerikanischer Staaten) und alle Kritiker, die sie pauschal als "gewalttätige Faschisten" bezeichnen. Sie haben Zeitungen geschlossen, Reporter verprügelt und Studenten entführt. Sie haben den Widerstand im niedergeschlagen – wie die Rebellion in der drittgrößten Stadt Valencia am vergangenen Sonntag – und ihre Kritiker diffamiert. Für Maduro ist die Menschenrechtsaktivistin Tintori schlichtweg eine "Terroristin", die "neutralisiert" werden müsse. Kritiker in UN und IWF sind für ihn stets "Alliierte des Imperiums USA".

Er ein charismatischer Politiker, sie ein Fernsehstar

Tintori hat harte Jahre hinter sich. Gerade erst war ihr zweites Kind geboren, da wurde ihr Mann Leopoldo wegen seiner Rolle bei den Protesten im Februar 2014 festgenommen. Sie galten damals als Traumpaar Venezuelas – und damit als Hauptgefahr für Maduro: er ein charismatischer Politiker, sie ein Fernsehstar. Beide Kämpfer für Menschenrechte, beide Extremsportler. Beim ersten Date gingen sie morgens um fünf Uhr mit seiner Leibgarde joggen. Beim zweiten Date bergsteigen auf dem Ávila, dem Hausberg von Caracas. Bei Tintoris Rekordversuch im Kitesurfen begleitete Leopoldo sie 60 Kilometer im Boot, Marathons liefen sie gemeinsam und durchschwammen den Río Orinoco.

López, 46, dieser dynamische, eloquente, aber bisweilen autoritäre ehemalige Bezirksbürgermeister von Caracas, war das Gesicht der Opposition.

Präsident Nicolás Maduro bei einer Ansprache am vergangenen Wochenende

Präsident Nicolás Maduro bei einer Ansprache am vergangenen Wochenende

Tintori, 39, die warmherzige, stets lächelnde Athletin, war das Gesicht von ganz Venezuela.

Nun ist sie auch das Gesicht des Widerstands. Drei Jahre lang hat sie Tag für Tag gegen die Menschenrechtsverstöße gekämpft, während ihr Mann im Militärgefängnis saß. Sie hat bei ihren Besuchen dort Intimdurchsuchungen über sich ergehen lassen müssen. Sie traf sich mit Joe Biden, Donald Trump und auch mit Papst Franziskus, um López' Freilassung zu erreichen. Jeden Tag geht sie mit Müttern auf die Straße, deren Söhne und Ehemänner ebenfalls politische Gefangene sind.

Die Leute fragen: Wie geht es Leopoldo im Knast? Sie antwortet: "Nicht gut. Aber nicht so schlecht wie unserem Land."

"Die Diktatur wird schon bald scheitern", sagte sie damals vor einigen Wochen dem stern. "Sie hat keinen Rückhalt mehr im Volk, die Menschen hungern und sind ohne Medikamente. Die Militärs werden sich das nicht mehr lange anschauen."

"Es ist wert, für Venezuela zu kämpfen. Lasst uns den Kampf nicht aufgeben."

Danach sieht es momentan nicht aus. Erst einmal hat Nicolás Maduro seine Macht mithilfe des Repressionsapparats gestärkt und dabei geradezu nordkoreanische Personalpirouetten vollführt: Er setzte Ehefrau, Sohn und einige Freunde in die Verfassungsgebende Versammlung, damit sie ihm mehr Machtbefugnisse erteilen. Doch an seiner Seite stehen neben Nationalgarde und Militär nur noch Russland und die sozialistischen Bruderstaaten Bolivien, Kuba, Nicaragua.

Seine Gegner sind nun der Rest der Welt und – nach Umfragen – mehr als 80 Prozent der Venezolaner.

Leopoldo López mit der Flagge seines Heimatlandes

Leopoldo López mit der Flagge seines Heimatlandes

Lilian Tintori will sich jetzt erst mal in Sicherheit bringen. Die Geheimpolizei schüchtert sie täglich ein und lauert ihr auf: "Ich habe zwei kleine Kinder, die zu Hause ängstlich auf mich warten."

Sie hat zudem einen Mann, der nicht klein beigibt und auch aus dem Gefängnis für den Umsturz arbeitet und zum Widerstand auffordert: "Es ist wert, für Venezuela zu kämpfen. Lasst uns den Kampf nicht aufgeben." Seine Motivation sei jetzt wegen seiner Frau umso größer.

Denn das ist eine weitere Herausforderung: Lilian Tintori ist im fünften Monat schwanger.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren