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Krise in Venezuela: Wenn man in der Schlange vor dem Supermarkt übernachten muss

Venezuela steht vor dem wirtschaftlichen Ruin. Die Lage ist dramatisch, es mangelt an allem. Vier Menschen haben dem stern vom Leben in der Krise erzählt.

Die Stimmung in Venezuela ist aufgeheizt

Venezuela in der Krise: Die Menschen wollen nicht schweigen

Seit Monaten herrscht in Venezuela der Ausnahmezustand. Der Verfall des Ölpreises und jahrelange Misswirtschaft haben das ölreiche Land in eine schlimme Wirtschaftskrise gestürzt. Hinzu kommt eine schwere Dürre. Es mangelt an allem: Strom, Wasser, Lebensmittel, Medikamente, Dinge des täglichen Bedarfs. Auf den Energiemangel reagierte die Regierung von Präsident Nicolás Maduro bereits mit absurden Maßnahmen: Freitage wurden zu Feiertagen erklärt, die Zeitzone geändert, Frauen sollen ihre Haare nicht mehr föhnen.

In den vergangenen Wochen hat sich die Lage dramatisch verschlimmert. Vor den Supermärkten bilden sich lange Schlangen. Im ganzen Land kommt es zu Protesten gegen die politische Führung, immer wieder gibt es auch Zusammenstöße mit Sicherheitskräften.

Wie fühlt sich das Leben inmitten der Krise an? Der stern hat mit vier Venezolanern gesprochen. Ihren Namen möchten sie geheim halten, aus Angst vor Repressalien. "Es könnte mir sogar den Tod bringen", sagt einer.

Andrés*, 37, Kellner, Isla de Margarita

"Wie ein Tier"

Ich darf einmal in der Woche einkaufen gehen, immer Mittwochs. Man muss schon einen Tag vorher beim Supermarkt sein, um sich in die Schlange einzureihen. Wenn man das nicht tut, läuft man Gefahr, nicht unter den ersten zu sein, und eventuell keine Lebensmittel mehr zu bekommen. Man schläft zusammengerollt auf dem Boden, wie ein Tier. Das Lächerlichste ist, dass man in der Schlange schläft, ohne zu wissen, ob sie überhaupt etwas verkaufen. Es kann sein, dass man morgens erfährt, dass sie nichts verkaufen. Manchmal steht man an, und dann bekommt man nur zwei Packungen Mehl. Letztens habe ich sechs Supermärkte abgeklappert und nur neun Packungen Harina Pan (Anm. : Maismehl, aus dem Fladen hergestellt werden) gekauft. Ich fühle mich machtlos und wütend. Ich habe drei kleine Söhne und ich danke Gott, dass wir bislang keinen Hunger leiden mussten. Es gibt Menschen, denen es noch schlechter geht. Ich habe schon daran gedacht, das Land zu verlassen. Aber wegen meiner Söhne mache ich es nicht.

Miguel, 18, Straßenarbeiter, Maracaibo

"Alle haben Angst"

Ich habe letztes Jahr meinen Schulabschluss gemacht, aber wegen der Krise konnte ich kein Studium aufnehmen. Seitdem hatte ich verschiedene Jobs auf der Straße, aktuell arbeite ich in einem Fast-Food-Lokal. Ich erinnere mich daran, dass als ich klein war, es in den Supermärkten alles gab! Jetzt sind die Regale leer. Reis, Öl, Zucker, Kaffee, Nudeln, Milch, Getreide und viele andere Grundnahrungsmittel gibt es nicht mehr - oder nur auf dem Schwarzmarkt zu verrückten Preisen. Früher haben wir drei Mal am Tag gegessen, jetzt gibt es häufig nur noch einmal am Tag Essen. Noch schlimmer ist die Situation im Gesundheitsbereich. Jeden Tag sterben Menschen, weil Medikamente fehlen. Die Krankenhäuser verfallen. Krebskranke Kinder sterben, weil sie keine Chemotherapie bekommen können. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es auf den Straßen von Venezuela nach 19 Uhr wie auf einem Schießplatz zugeht. Natürlich kommt es drauf an, wo man lebt. Aber es passieren Überfälle und Morde, inzwischen ist den Menschen alles egal. Manchmal wache ich nachts von Schüssen auf. Ich habe Angst, alle Venezolaner haben Angst, auch, wenn viele es nicht zugeben. 

Carolina, 39, Architektin, San Cristóbal

"Familien rücken näher zusammen"

Ich lebe an der Grenze zu Kolumbien. Die Lebensmittel hier werden immer knapper. Das hat damit zu tun, dass die Firmen wenig produzieren. Ein Problem sind aber auch die sogenannten "Bachaqueros". Menschen, die Produkte aufkaufen, um sie dann teuer weiter zu verkaufen. Die "Bachaqueros" sind inzwischen im ganzen Land, es hat sich eine richtige Mafia herausgebildet. Viele Supermärkte oder Apotheken verkaufen zuerst an die "Bachaqueros", denn für beide Seiten springt etwas dabei heraus. Nur das wenige, was bleibt, ist für die restlichen Menschen. Die Krise ist überall im Alltag zu spüren, aber die Knappheit von Lebensmitteln und Medikamenten ist das schlimmste. Ich leide unter Bluthochdruck, aber nirgendwo komme ich an mein Medikament. All das erzeugt Verzweiflung. Ich lebe bei meinem Vater, und mit dem, was ich verdiene, komme ich gerade so über die Runden. Die Familien rücken näher zusammen und helfen sich gegenseitig. Man isst weniger und reduziert die Ausgaben auf ein Minimum. Wer ein Auto hat, benutzt es nicht mehr. Angst habe ich nicht. Eher fühle ich Machtlosigkeit oder Verzweiflung. Und es macht mich traurig. Zu sehen, was aus einem so wohlhabenden Land geworden ist.

Ana, 41, Buchhalterin, Los Teques (Caracas)

"Bis zu 15 Tage ohne Wasser"

Jeden Sonntag und Montag wird in meinem Viertel das Wasser rationiert. Es gibt dann drei Mal am Tag für jeweils eine Stunde fließendes Wasser. Aber es gibt auch Zonen, in denen die Menschen bis zu 15 Tage ohne Wasser auskommen müssen. Zwei Arbeitskolleginnen von mir ergeht es so. Sie kommen dann früher und waschen sich auf der Arbeit. Was mir große Sorgen bereitet ist, dass Medikamente knapp werden. Für viele kranke Menschen ist das gefährlich, es gab sogar schon Todesfälle. Man fühlt sich im Allgemeinen nicht mehr so sicher. Das ist schlimm. Einer Freundin von mir sind sie letztens in die Wohnung eingestiegen und haben Küchengeräte, die Waschmaschine, den Fernseher, Lebensmittel, Kleidung, den Computer und Körperpflegeprodukte geklaut. Wenn du dein Auto irgendwo stehen lässt, läufst du Gefahr, dass man dir die Batterie oder die Reifen klaut. Ich arbeite meist bis spät abends und gehe gerne danach mit Freunden noch etwas trinken. Das wird jeden Tag schwerer. Denn Kaufhäuser und viele Geschäfte schließen wegen der unsicheren Lage schon am frühen Abend.


* Alle Namen geändert