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Verfassung: Nach 15 Monaten läuten für Serbien-Montenegro die Totenglocken

Der jüngste Staatenbund der Erde ist noch nicht einmal aus den Kinderschuhen heraus und schon läuten die Totenglocken. Montenegros Ministerpräsident will 2005 das Ende des Staatenbundes durch einen Volksentscheid besiegeln.

Im Februar 2003 hatte die Europäische Union mit starkem politischen Druck die Gründung Serbien-Montenegros erzwungen. Doch die ungleichen Brüder aus dem letzten Überbleibsel des auseinander gebrochenen Vielvölkerstaates Jugoslawien setzen alles daran, sich möglichst schnell zu trennen. Der fast menschenleere pompöse Regierungssitz der Union in Neu-Belgrad bietet ein Bild des Jammers. Symbolträchtig stoßen die einst prächtigen Wasserfontänen vor dem Hauptportal nur noch dünne Rinnsale in die Luft.

Nur getrennt eine Zukunftschance?

Der Ministerpräsident Montenegros, Milo Djukanovic, will schon im nächsten Jahr das Ende des Staatenbundes durch einen Volksentscheid besiegeln. Der stellvertretende serbische Regierungschef Miroljub Labus wiederholt immer wieder, die beiden ungleichen Landesteile hätten nur getrennt eine Zukunftschance. Gemeinsames kann man in der Tat kaum ausmachen. Die fünf Bundesminister haben keinerlei wirkliche Macht. Der formale Staatschef Svetozar Markovic muss in seinen wasserfallartigen Reden stets so allgemein bleiben, dass ihm kaum jemand noch zuhört. Die montenegrinische Opposition boykottiert seit einem Jahr das Bundesparlament, das offensichtlich nicht so richtig weiß, was es tun soll.

Die 600.000 Montenegriner zahlen mit Euro, die 12 Mal so viel zählenden Serben mit Dinaren. Gegenseitige Zölle erschweren den Binnenhandel. Polizei und Justiz sind streng getrennt. Nicht einmal ein Staatswappen oder eine Nationalfahne existiert. Jetzt gibt es Vorschläge, das traditionelle Rot-Blau-Weiß der serbischen Flagge mit dem hellblauen Halbstreifen Montenegros zu kombinieren. Viele Ästheten und Staatsrechtler reagierten mit einem Aufschrei.

Weder gemeinsame Fahne, noch Hymne

Auch das Problem mit der Nationalhymne scheint kaum zu lösen, da jeder Landesteil auf seiner Tradition besteht. Deshalb wird jetzt überlegt, die serbische Hymne "Gott, der Gerechte" mit der montenegrinischen Hymne "Oh, du helle Mai-Morgenröte" zu kombinieren.

Doch die Europäische Union will sich noch nicht geschlagen geben. Sie besteht darauf, dass der Bund "jetzt wirklich mit Leben erfüllt wird", wie EU-Spitzenpolitiker ständig wiederholen. Sie treibt die Sorge um, dass der Zerfall des früheren Jugoslawien in Kleinststaaten noch weiter geht und die gesamte Balkanhalbinsel instabiler wird. Die EU-Kommission hat daher klar gemacht, dass für Belgrad und Podgorica eine Annäherung an Brüssel nur gemeinsam möglich ist.

Thomas Brey, dpa / DPA