Verkehrsdschungel Könige im Chaos


Zu Saddams Zeiten waren Verkehrspolizisten noch kleine Könige. Wenn ein Fahrer nicht spurte, brummte er im schlimmsten Fall eine Woche im Gefängnis ab. Doch nach dem inoffiziellen Kriegsende herrschen auf irakischen Straßen Chaos und Anarchie.

Vier Monate nach dem inoffiziellen Kriegsende herrschen auf irakischen Straßen Chaos und Anarchie. Zum Leidwesen vieler Autofahrer beginnt jetzt die neue Verkehrspolizei durchzugreifen. Nach massiver Kritik aus der Bevölkerung machen Streifen vor allem Jagd auf Zehntausende gestohlener Privatautos und den verschwundenen Wagenpark des früheren Regimes von Saddam Hussein. Deshalb und auch als Folge der von der US-Armee verfügten Straßensperren bringen lange Staus und die Sommerhitze Autofahrer in der Fünf-Millionen-Metropole Bagdad täglich in Rage.

Unüberschaubares Chaos

Seit Wochenbeginn versucht die neu formierte Verkehrspolizei mit Hilfe von US-Patrouillen, die Staatsautorität im Verkehrsdschungel wieder herzustellen. Das Chaos ist unüberschaubar. "Viele haben ihre Nummernschilder einfach abgeschraubt, um keine Strafen zu bekommen", sagt Leutnant Ali Hamzi. "Andere haben Autos einfach gestohlen und fahren jetzt ohne Nummer."

Autoräubern, die Fahrer am Lenkrad erschossen haben, soll es nun an den Kragen gehen. Wer auf der Straße festgenommen wird, kommt vor Gericht. Nach den Plünderungen und Brandschatzungen nach Kriegsende haben 150 der 400 irakischen Gerichte ihre Arbeit wieder aufgenommen.

An der Anarchie trügen die US-Armee und die US-Zivilverwaltung ein gerüttelt Maß an Mitschuld, heißt es auf irakischer Seite. "Die Amerikaner haben viele Autos aus dem Ausland ohne Zoll und ohne Registrierung bei der Verkehrspolizei ins Land gelassen", sagt Leutnant Ali.

60 000 Fahrzeuge seit Kriegsende eingetroffen

Nach Angaben der Hafenbehörden im jordanischen Aqaba sind seit Kriegsende rund 60 000 Fahrzeuge mit Schiffen eingetroffen; jedes achte war für den Irak bestimmt. Am Grenzübergang von Jordanien zum Irak stehen täglich Hunderte von Autos. Vor allem ältere Luxuskarossen der Marken BMW oder Mercedes haben noch ihre deutschen Nummernschilder. Da die Wagen an der Grenze nicht registriert werden, fahren sie anschließend mit ihrer alten ausländischen Nummer oder ohne Nummernschild oder mit erfundenen Angaben durch die Gegend.

Alle gutgläubigen Käufer im Irak hoffen, dass der illegale Import irgendwann von der Zivilverwaltung oder dem Provisorischen Regierungsrat anerkannt wird, um sich den Ärger und die Wutausbrüche aufgebrachter Fahrzeugbesitzer zu ersparen. Andererseits reagierte der Automarkt prompt auf die Kontrollen: Selbst völlig verrostete Autos mit gültiger irakischer Nummer sind inzwischen teurer als wesentlich jüngere Modelle der selben Automarken ohne gültige Nummer.

Kleine Könige

Zu Saddams Zeiten waren Verkehrspolizisten noch kleine Könige. Wenn ein Fahrer nicht spurte, brummte er im schlimmsten Fall eine Woche im Gefängnis ab. Sein Auto wurde für ein bis zwei Wochen beschlagnahmt. Üblich sei auch gewesen, erzählen Iraker, dass man gegen ein Bakschisch Verkehrssünden "ungeschehen" machen konnte. Mit diesem Zusatzeinkommen für die Beamten soll es nun vorerst vorbei sein. Viele Autofahrer nehmen die neue Verkehrspolizei aber überhaupt nicht Ernst. "Wir haben keine Macht, die Fahrer haben keine Disziplin, sie respektieren uns nicht, und sie greifen uns manchmal sogar an und schimpfen und fluchen die ganze Zeit", sagt Leutnant Ali. Sein Schmerz über die verlorene Autorität mildert ein Monatsgehalt von 300 US-Dollar, mehr als vier Mal so viel wie zu Zeiten Saddams.

Auch mit anderen neumodischen Bestimmungen hat der Polizist seine Probleme. Zu Saddam Husseins Zeiten durften alle Autos, die älter als 18 Jahre waren, nicht mehr in der Hauptstadt fahren. Lastkraftwagen fuhren nur nachts in die Fünf-Millionen-Metropole, und Autos mit dem Lenkrad auf der rechten Seite waren generell verboten. "Man kann nie mehr den Verkehr kontrollieren; selbst wenn man die Zahl der Polizisten verdoppelt oder vervierfacht", ist sich Leutnant Ali sicher.

Ziad Haris und Hans Dahne DPA

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