Very British Briten stellen sich auf schwere Zeiten ein


Sie haben die Mehrwertsteuer gesenkt, die Banken gerettet und nun soll ein neues Milliarden-Programm mittelständische und kleine Betriebe retten. Doch der Aktionismus der britischen Regierung zahlt sich bisher nicht aus: So schlecht wie im Januar war die Stimmung in Großbritannien seit Jahrzehnten nicht mehr.
Von Cornelia Fuchs, London

Wieder ein neues Finanzpaket. Diesmal garantiert die britische Regierung Kredite über 20 Milliarden Pfund (etwa 22 Milliarden Euro), die den Geldfluss an kleinere Betriebe wieder in Gang bringen sollen. Und das ist erst der Anfang: Wirtschaftsminister Peter Mandelson plant nach Informationen mehrerer Tageszeitungen weitere Milliarden-Garantien in den nächsten Wochen, diesmal für Hypotheken-Inhaber und größere Betriebe. 500 Milliarden Pfund stehen schon seit vergangenem Jahr für Banken in Not zur Verfügung, gleich drei Finanzinstitute gehören inzwischen teilweise oder ganz dem Staat. Vor zwei Monaten senkte die Regierung Brown die Mehrwehrtsteuer um zwei Prozent - was aber nicht verhindern konnte, dass britische Einzelhändler mitten im Weihnachtsgeschäft reihenweise Pleite gingen. Nach der Kaufhaus-Kette Woolworths haben inzwischen die Sporthandlung JJB und das Möbelgeschäft "Land of Leather" für immer die Türen ihrer Filialen geschlossen.

Und wie seit Wochen konkurrieren die Schlagzeilenmacher über die neuen Regierungshilfen mit immer schlechteren Nachrichten aus der Wirtschaft: Die Bank Barclays streicht über 2500 Jobs, der Investor Merril Lynch schmeißt 1900 Leute raus, und das Kaufhaus Marks&Spencer will 1200 Angestellte entlassen und 30 Läden schließen. Sogar der Billig-Supermarkt Tesco meldete Anfang der Woche das schlechteste Weihnachtsgeschäft seit 1990. Anscheinend sind die Briten, aufgeschreckt von den düsteren Aussichten, im vergangenen Monat bei der noch billigeren Konkurrenz aus Deutschland einkaufen gegangen. Aldi verzeichnete einen Zuwachs von 22,2 Prozent. Solche Ergebnisse fährt zurzeit in Großbritannien nur noch der Pfandleiher H&T ein.

"Wie ein kopfloses Huhn"

"Die Regierung verhält sich wie ein kopfloses Huhn", höhnt angesichts der bis jetzt anscheinend spurlos verschwundenen Konjunkturhilfen Oppositionsführer David Cameron in der "Financial Times". "Sie verwechseln Betriebsamkeit mit Wirksamkeit." Die Konservativen hatten schon im November ein 50-Milliarden-Garantie-Programm für Geschäftskredite gefordert. Dafür wollten sie die Ausgaben der öffentlichen Hand reduzieren, um auf jeden Fall Steuererhöhungen in späteren Jahren zu vermeiden. Nachdem Gordon Brown einige Monate bei Umfragen punkten konnte, scheint er jetzt wieder zu verlieren: Die Konservativen liegen mit 43 Prozent zehn Prozentpunkte vor der Regierungspartei Labour.

Gewinnen kann im Moment nur, wer sich auf schwere Zeiten einstellt. In den Bestseller-Listen stehen Bücher mit Sparhilfen und Rezessions-Rezepten ganz oben. Die Mode- und Styleredakteurin India Knight hat ein Buch mit Tipps geschrieben, wie man für wenig Geld fabelhaft leben kann. Sie hat die alten Näh-Anleitungen ihrer Mutter herausgekramt dazu Rezepte für Eingemachtes und selbstgemachte Lunch-Pakete. Knight stand schon zweimal kurz vor der Privatinsolvenz. Schuld waren ihre enormen Kreditkarten-Schulden, angesammelt durch regelmäßige Einkaufstouren in Londons Modetempeln. Mit ihrem Geiz-Buch "The Thrift Book" hat sie sich nun selbst saniert - und, so schreiben die Rezensenten, die neue Ära der Sparsamkeit in Großbritannien eingeläutet.

Briten vertrauen ihrer Regierung nicht

Die Briten scheinen sich auf eine längere, schwere Zeit einzurichten. Nur zwei Prozent glauben daran, dass sich die Wirtschaft in absehbarer Zeit verbessern wird. Und trotz aller Finanzpakete: Bei der Frage, ob sie ihrer Regierung in der Krise vertrauen, gaben die Briten ihrem Premierminister auf einer Skala von eins bis zehn magere 4,5 Punkte.

Es gab nur drei Regierungen, die schlechter bei dieser Umfrage in 17 Ländern abschnitten: Island, Deutschland und Japan.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker