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Wahl in Afghanistan: Massiver Wahlbetrug in Afghanistan?

Die Wahl in Afghanistan könnte zur Farce werden. In der Provinz Logar stellte stern-Reporter Christoph Reuter eine bedenklich niedrige Wahlbeteiligung fest - trotz anderslautender Meldungen.

Der frühe Morgen ist mild in den Hügeln von Logar, Kabuls gefährlicher Nachbarprovinz im Süden. Logar ist bekannt für Haschisch, Maulbeeren und Taliban. Seit dem Frühjahr hat es hier heftige Kämpfe zwischen ihnen und US-Truppen gegeben. Noch vor drei Wochen flog kurz vor dem Auto des stern-Teams ein amerikanischer Militärtruck in die Luft.

Wie also würden hier die Wahlen verlaufen? Falls überhaupt. Doch noch einen Grund gab es, sich diese heikle, stockkonservative Paschtunen-Provinz auszusuchen: Während der Registrierungsperiode für Wahlkarten waren mehr als zwei Drittel der Antragssteller Frauen, die hier sonst kaum das Haus verlassen. Im Distrikt Mohammed Agha kamen sie sogar auf fast drei Viertel: 3463 Männer und 12.094 Frauen, ausweislich der offiziellen, aber nicht veröffentlichten Zahlen der Wahlkommission. Woher kamen all diese Frauen? Erst recht, nachdem die Taliban und ihre Partnerorganisation Hizb-i Islami schon seit Winter davor gewarnt hatten, sich registrieren zu lassen. Stammen einige tausend der drei bis fünf Millionen gefälschten Wahlkarten hierher?

Im Süden Afghanistans ist die Sicherheitslage extrem schwierig. Zudem sind dort weder lokale noch internationale Wahlbeobachter zugegen. Eine interne Wahl-Untersuchung geht davon aus, dass Hamid Karzai in diesen Regionen, zu denen auch Logar gehört, bis zu zwei Millionen Stimmen durch Wahlbetrug gewinnen könnte. Bei einem wie zu erwartenden knappen Ergebnis, könnten genau diese Stimmen entscheidend sein, ob es zu einer Stichwahl zwischen Karzai und Abdullah Abdullah kommt oder nicht.

Die Wählerinnen bleiben aus

Noch vor Sonnenaufgang verlassen wir Kabul, vorbei an Checkpoints nervöser Polizisten, die Straßen sind leerer als sonst. Punkt sieben sind wir am Distrikthauptquartier, einer kleinen Festung, um die sowieso immer Soldaten stehen, mild scheint die Morgensonne, und der uralte Nur Mohammed lächelt: "Ich wollte der erste Wähler sein! Das scheint mir gelungen." Nur das Wahllokal hat noch gar nicht auf, drinnen werden noch Urnen, Stifte und Lochzangen fürs Markieren der Wahlkarten verteilt, bis Nur Mohammed eine halbe Stunde später endlich die ersten Stimmzettel bekommt, seinen Finger ins violette Tintenfass steckt und stolz heraustritt. Welchen Präsidentschaftskandidaten er gewählt hat, mag er nicht verraten, aber welcher afghanische Staatsschef als letzter das Land gut geführt habe, schon: "Na, Amanullah Khan!" Der afghanische König, der 1928 Berlin besuchte. "Die nach ihm kamen, ach, gut war keiner von denen! Aber ich wähle trotzdem."

Auch nach Nur Mohammed kommt erstmal - niemand. Der Wahlleiter sagt noch, es sei doch alles bereit, nun müssten nur die Wähler erscheinen, da geht zwei Minuten später einen halben Kilometer entfernt ein kleiner Sprengsatz hoch. Oder eine Mörsergranate ist eingeschlagen. Auf jeden Fall schaut der Wahlleiter nun ziemlich betrübt: "Jetzt kommen noch weniger." Einzeln, zu zweit tröpfeln die Wähler ein. Bis um zwölf Uhr mittags sind 76 Männer und keine einzige Wählerin erschienen.

Die Taliban-Drohungen wirken

Auch in der "Mohammed Agha Highschool", dem größten der 18 Wahlzentren des Bezirks direkt im Zentrum, sind es mittags kaum über 100 Männer und sieben Frauen. In der Grundschule von Safed Sangi ein paar Kilometer entfernt haben drei der weiblichen Wahlangestellten gewählt und weniger als 100 Männer. Das sind die drei größten Wahlzentren von 18 in einem Distrikt mit "ungefähr 100.000 Wahlberechtigten", schätzt Dr. Nisar, der örtliche Vorsitzende der relativ unabhängigen afghanischen Wahlbeobachterkommission Fefa. "Aber wundert euch das?", fragt ein junger afghanischer Wahlbeamter: "Hizb-i Islami hat noch vor Tagen nachts Flugblätter vor die Häuser gelegt: ‚Geht nicht wählen! Wir sind unter euch! Wir werden euch bestrafen!' Egal, ob etwas passiert: Die Leute haben Angst."

Und warten ab. Ein Lastwagenfahrer, der gegen eins erscheint, will partout seinen Finger nicht ins Tintenfass stecken: "Ey, Leute, ich fahre überall durch den Süden! Wenn die Taliban meinen Finger sehen, hacken die den doch glatt ab!" Ein Kompromiss wird gefunden: Die Fingerkuppe wird gefärbt, der Nagel nicht. Nach 15 Uhr kommt fast niemand mehr.

Gerüchte lassen Schlimmes ahnen

Kurz vor Schließung um viertel vor Vier haben 385 Männer in der Highschool gewählt - und immerhin 35 Frauen. Im Distriktzentrum sind es Minuten vorher insgesamt 115 Männer. Und 85 Frauen, wobei das Seltsame ist, dass die Polizisten am Tor "höchstens 20 bis 30" den Tag über haben hereinkommen sehen. In der Grundschule von Safed Sangi sind die Wahlleute um kurz nach vier schon am Auszählen, geben an, es seien "200 - 300 Männer und ein paar Dutzend Frauen" da gewesen.

Maximal 1000 Wähler in den drei größten von 18 Wahlzentren. In einem Distrikt mit 100.000 Wahlberechtigten. In dem sich allein 15.656 Menschen dieses Jahr für die Wahl haben registrieren lassen. Und in Mohammed Agha musste kein Wahlzentrum wegen Angriffen schließen.

Nun wird abzuwarten sein, welche Wahlbeteiligung die Wahlkommission in Kabul veröffentlichen wird. Schon kursieren die ersten Gerüchte, dass für den Süden eine geradezu überraschend hohe Wahlbeteiligung offiziell bekanntgegeben werden soll.

Christoph Reuter