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Wahlen: "Wir Italiener sind angewidert"

Dolce Vita in Italien - das war einmal! Das Volk ist von der Politik genervt, das Leben ist teuer - und, oh weh, die Männer haben ihren Charme verloren. Die Lösung: ein Neuanfang. Am besten mit einem jungen, charismatischen Regierungschef. Und dabei, verrät der italienische Schauspieler Bruno Maccallini im stern.de-Interview, denkt er nicht an Berlusconi.

Herr Maccallini, in Deutschland verabredet man sich gern zum Kaffee, um sich näher kennen zu lernen. Wie ist das in Italien, wird dort während eines Caffès auch mal heftig geflirtet?

Na klar, auch in Italien kann das Kaffeetrinken einen in Flirt-Laune versetzen. Ich verrate Ihnen ein paar Tipps: Der Kaffee nach dem Abendessen suggeriert "komm, ich weck dich ein bisschen auf", schließlich hat man noch viel vor. Und nach einem Vormittag am Strand kann auch der 16-Uhr-Kaffee eine klare Nachricht übermitteln: "Ach, lassen wir uns doch ein bisschen Zeit und genießen den Tag". Das sind natürlich nicht meine eigenen Flirtregeln - das ist allgemeine Praxis (lacht).

Vermutlich ist der deutsche Kaffee für Sie - wie für alle Italiener - ungenießbar und der italienische Caffè das einzig Wahre…

Ach was, ich muss sagen, dass ich hier in Deutschland schon wirklich guten Kaffee getrunken habe, und das soll keine Schmeichelei sein. Aber wenn ich eine Rangliste machen sollte: An den neapolitanischen Kaffee, der mit einer speziellen Mokkamaschine gebrüht wird, kommt kein anderer heran. Wenn ich zum Beispiel in Neapel bin, hole ich mir sofort einen San Giuseppe, das ist ein Spritzkuchen mit Crème-Füllung, und ein Tässchen Caffè, das ist das Allerbeste!

Würden Sie mit Silvio Berlusconi einen Kaffee trinken?

Nein. Ich wüsste nicht, was ich ihm sagen sollte. Zugegeben, anfangs hatte ich sogar gewisse Sympathien für ihn als Unternehmer, auf den ersten Blick ist es erstaunlich, zu was er es gebracht hat. Aber als Politiker hat er mich abgeschreckt.

Dieses Wochenende findet in Italien die Parlamentswahl statt, es wird die 62. Regierung seit 1945 gewählt. Hätte Italien nicht mal einen jungen, dynamischen Premierminister verdient, hübsch und charismatisch?

… so einen wie mich? (lacht)

… ja, genau, einen smarten Typen, der etwas verändern kann …

Ich verrate Ihnen jetzt etwas: Ich kann mir sogar vorstellen, bei dieser Parlamentswahl zum ersten Mal meinen Stimmzettel ungültig zu machen. Ich werde zur Wahl gehen, weil das meine Bürgerpflicht ist, aber ich weiß zum ersten Mal in 30 Jahren als wahlberechtigter Bürger nicht, welchem Kandidaten ich meine Stimme geben soll.

Gibt es viele Menschen, die so denken wie Sie?

Ja, ich kenne eine Menge Leute, die auf diese Art protestieren werden. Es ist traurig, aber das ist die einzige Möglichkeit, seine Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Glauben Sie mir, wir Italiener sind angewidert von 25 Jahren politischer Misswirtschaft, von einer Politikerriege, die nur die eigenen Interessen durchsetzt, sich bereichert und dabei zusieht, wie immer mehr Menschen in Armut leben. Die Italiener haben die Politiker satt.

Sie leben in Rom, aber Sie verbringen wegen Ihrer Beziehung mit der Schauspielerin Jutta Speidel viel Zeit in München. Was läuft hierzulande anders?

Sicherlich gibt es auch in Deutschland viel zu kritisieren, aber die wesentlichen Aspekte des alltäglichen Lebens funktionieren: die Infrastruktur, der öffentliche Dienst. In Rom gelingen diese Dinge nicht, ständig wird gestreikt. Das lähmt die Stadt und die Menschen. Auch auf politischer Ebene gibt es riesengroße Unterschiede. An der Großen Koalition in Deutschland lässt sich vieles ablesen: Klar, es gibt unzählige Streitpunkte und die Koalition kann nicht alle Probleme lösen. Aber eines ist sicher: Da machen Politiker ihre Arbeit. Die Deutschen krempeln die Ärmel hoch, wenn es darauf ankommt. Die italienischen Politiker packen die Probleme nicht an.

Was unterscheidet das urbane Leben in Italien und Deutschland voneinander?

In Rom wohne ich in Trastevere, einem wunderschönen Viertel. Aber wenn ich morgens mit dem Moped losfahre, bekreuzige ich mich, weil ich zwar weiß, wie ich das Haus verlassen habe, aber nicht weiß, wie ich zurückkehren werde. Der Verkehr ist einfach grauenvoll, es ist lebensgefährlich, auf die Straße zu gehen. In München hingegen habe ich ein Fahrrad, das mir eine unglaubliche Freiheit gibt. Die Leute in München grüßen dich auf der Straße und sind freundlich. In Rom sind alle genervt, kämpfen sich durch den Straßenverkehr und schimpfen tagein tagaus…

Wirklich? Ich dachte, das sei genau andersherum…

Nun, ich will nicht verallgemeinern oder Klischees strapazieren. Aber eins kann ich sagen: In den letzten 20 Jahren haben sich die Römer sehr verändert: Die Leute sind verunsichert, das Leben ist extrem teuer, viel teurer als in München. Die Menschen sind besorgt, weil das Geld nicht bis zum Monatsende reicht. Kein Wunder, dass von der Dolce Vita, dem süßen Leben zu Zeiten des Wirtschaftswunders, nicht mehr viel übrig geblieben ist.

Was funktioniert denn noch in Italien, worauf sind die Menschen stolz?

Ich will nicht nur Schlechtes über mein Land sagen. Natürlich können wir auf vieles stolz sein, auf unser Kulturerbe, die Landschaften, die italienische Küche… wir haben trotz all der Skandale und der Mafia großartiges zu bieten. Wir haben Hoffnung auf eine Art Renaissance. Heute beneiden uns die Leute nur noch wegen der Prada-Taschen und wegen Ferrari - das muss sich wieder ändern!

In einem Nescafé-Werbespot spielten sie vor einigen Jahren den italienischen Charmeur, der einer Frau mit Esprit und einer Tasse Cappuccino den Kopf verdreht. Gibt es diesen Typ Mann heute noch?

Leider nein. Heute sind die Italiener anders: Sie haben keinen Charme, halten der Frau nicht die Tür auf, füllen zuerst ihr Glas mit Wein… Ich finde es schade, dass es die guten Manieren nicht mehr gibt. Der einzige junge Mann, der noch diesem alten Bild entspricht, ist der Fußballer Luca Toni. Ja, vermutlich kam die Cappuccino-Werbung damals so gut an, weil diese sympathische Figur, die ich gespielt habe, mit ihrem Charme und ihrer Lässigkeit die Frauen überzeugt hat (lacht)… Vielleicht haben sie aber auch nur über meine Nase gelacht.

Wie wichtig ist in Italien heutzutage die Familie?

Ich glaube stark an die Institution Familie, sie ist extrem wichtig - leider war es nie meine Stärke, eine Familie zusammenzuhalten. Ich war zweimal verheiratet und habe eine 17-jährige Tochter. Zu meiner Ex-Frau habe ich ein sehr gutes Verhältnis, meine Tochter sehe ich relativ häufig. Sie wohnt auch in Rom. Ich blicke auf viele glückliche Jahre mit meiner Ex-Frau zurück. Heute führe ich eine wunderbare Beziehung mit Jutta Speidel.

Was unterscheidet die Italiener von den Deutschen - je drei Eigenschaften!

Die Italiener sind fantasievoll, manchmal haben sie zu viel Fantasie. Wir sind flexibler. Was uns außerdem auszeichnet: Wir hängen sehr an alten Dingen, ich nenne Ihnen ein Beispiel. Im Kleiderschrank eines Italieners tut sich nicht viel. Von einer Jacke, die ein Italiener bei einer bestimmten Verabredung getragen hat, die ihm gut in Erinnerung geblieben ist, wird er sich niemals trennen. Die Deutschen sind dagegen sehr streng. Das kann von Vorteil sein, denn sie wissen, was sie wollen. Es kann einen jedoch auch sehr unflexibel machen. Zudem sind sie sehr praktisch veranlagt, sie setzen zielstrebig durch, was sie erreichen wollen. Und: die Deutschen sind schnell.

Eine letzte Frage: Mit wem würden Sie gern einmal einen Kaffee trinken gehen?

Natürlich mit einer umwerfend schönen Frau. Also am liebsten mit Jutta. Oder mit … (überlegt). Nein, ich nenne keine weiteren Frauennamen, sonst wird Jutta eifersüchtig… (lacht).

Interview: Julia Stanek