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Corona-Pandemie : Putin schickt alle wieder zur Arbeit – trotz explodierender Infektionszahlen

Weltweit gibt es in Russland nach den USA mittlerweile die meisten Corona-Infektionen. Doch ausgerechnet an dem Tag, an dem ein neuer Rekordwert registriert wird, lockert Wladimir Putin die Anti-Corona-Maßnahmen. 

Wladimir Putin während einer Videokonferenz mit russischen Regierungsbeamten

Wladimir Putin während einer Videokonferenz mit russischen Regierungsbeamten. Russlands Präsident hat trotz der dramatischen Lage in der Corona-Krise die landesweit verordnete arbeitsfreie Zeit für beendet erklärt.

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Trotz rasant steigender Corona-Infektionszahlen in Russland hat Präsident Wladimir Putin das Ende des seit mehr als einem Monat geltenden bezahlten Urlaubs verkündet. Die Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie ende am Dienstag, sagte Putin in einer Fernsehansprache zur Lockerung der Corona-Beschränkungen. Der Kampf gegen die Corona-Pandemie sei allerdings noch nicht zu Ende, warnte der Kreml-Chef, dessen Land derweil einen Rekordwert bei der Zahl der Neuinfektionen registrierte. 11.656 neue Fälle wurden gemeldet. 

"Ab morgen, dem 12. Mai, endet der bezahlte Urlaub, der im ganzen Land und in allen Wirtschaftsbereichen gilt", sagte Putin in seiner Rede an die Nation. Darin sandte er ein Signal für eine schrittweise und "sehr gewissenhafte" Lockerung der Corona-Beschränkungen. Die Gefahr durch das neuartige Coronavirus bleibe bestehen, warnte Putin.

Russland habe die Zeit der Ausgangsbeschränkung genutzt, um sein Gesundheitssystem vorzubereiten, die Zahl der Krankenhausbetten zu erhöhen und "viele Tausende von Leben" zu retten, sagte Putin. Demnach wurde die Zahl der für Covid-19-Patienten geeigneten Krankenhausbetten seit März von 29.000 auf 130.000 erhöht. Dies ermögliche dem Land, "mit einer allmählichen Aufhebung der Beschränkungen zu beginnen".

Es liege "in unser aller Interesse, dass sich die Wirtschaft schnell wieder normalisiert", fügte Putin hinzu. Die Pandemie und die damit verbundenen Corona-Auflagen hätten starke Auswirkungen auf die Wirtschaft gehabt und Millionen Bürger getroffen. Baugewerbe, Landwirtschaft, Industrie und der Energie- und Rohstoffsektor könnten ihre Arbeit nun wieder aufnehmen. Putin appellierte jedoch an die Menschen, die strengen Hygienevorschriften bei der Arbeit einzuhalten.

Mehr als 230.000 Corona-Fälle in Russland 

Nach dem Rekordwert am Montag steigt die Zahl der Infektionen derweil weiter an. Am Dienstag wurden 10.899 neue Fälle registriert. Insgesamt haben sich damit mehr als 232.000 Menschen in Russland mit dem Coronavirus infiziert. Die offizielle Zahl der Todesfälle stieg auf mehr als 2100.

Nach Angaben der russischen Behörden sind die hohen Zahlen auf mehr Tests zurückzuführen. Demnach wurden 5,6 Millionen Menschen getestet. Beinahe die Hälfte der Infizierten zeigte den Angaben zufolge keine Symptome. Kritiker bezweifeln jedoch, dass die angegebene niedrige Sterberate der Realität entspricht. 

In Deutschland etwa wird jeder, der zum Zeitpunkt des Todes an Covid-19 erkrankt war, in die Statistik aufgenommen, auch wenn er weitere schwere Krankheiten hatte. In Russland scheint eine andere Praxis zu herrschen. "Wenn jemand an einem Herzinfarkt stirbt, aber auch Covid-19 diagnostiziert wurde, dann ist die offizielle Todesursache der Herzinfarkt", sagt Sergej Timonin vom Internationalen Laboratorium für Bevölkerung und Gesundheit an der Moskauer Higher School of Economics (HSE). "Mit anderen Worten: Nicht alle Todesfälle von Personen mit Corona werden als Todesfälle durch Corona gelistet." 

Wladimir Putin übergibt Verantwortung in die Regionen

Kreml-Kritiker und Oppositionsführer Alexej Nawalny reagierte im Onlinedienst Twitter mit einem ironischen Kommentar zur "Weisheit" des russischen Präsidenten, der "die nationalen Maßnahmen an dem Tag aufhebt, an dem eine Rekordzahl von Menschen erkrankt".

Der Großteil der Infektionsfälle wurde im Großraum Moskau registriert. Dort wurde die Ausgangssperre zuletzt bis Ende Mai verlängert. Nur Baustellen und Industrieanlagen dürfen in der Hauptstadt ihren Betrieb ab Dienstag wieder aufnehmen. 

"Unser Land ist groß, die Situation ist unterschiedlich. Wir können nicht überall mit dem gleichen Modell arbeiten", sagte Putin dazu. Einige andere Regionen haben hingegen bereits begonnen, die Corona-Beschränkungen zu lockern.

Das Coronavirus ist derweil in Putins engstem Kreis angekommen. Sein Sprecher hat sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. "Ja, ich bin krank und werde behandelt", zitierten die russischen Nachrichtenagenturen Tass, Interfax und RIA Nowosti am Dienstag Dmitri Peskow. Peskow wird demnach derzeit im Krankenhaus behandelt.

ivi / AFP