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Coronavirus-Pandemie: Strafverfahren, Drohungen, Maulkörbe: Wie Ärzte in Russland zum Schweigen gebracht werden

Fehlende Ausstattung, Fahrlässigkeit und Personalmangel: In Russland prangern immer mehr Ärzte unzumutbare Arbeitsbedingungen an. Kaum eine Woche vergeht ohne einen neuen Skandal. Doch die Regierung fürchtet Kritiker offenbar mehr als das Coronavirus.

Russland, St.Petersburg: Krankenwagen stehen Schlange

Russland, St.Petersburg: Krankenwagen stehen Schlange, um Patienten, die unter Corona-Verdacht stehen, in die Aufnahmeabteilung des Pokrowskaja-Krankenhauses zu bringen.

DPA

Am vergangenen Montag versammelte sich vor den Türen des Städtischen Krankenhauses Nr.1 in Omsk Dutzende Ärzte und medizinische Mitarbeiter. Sie reihten sich in eine lange Schlange ein, um sich auf Covid-19 testen zu lassen. Wenige Tage zuvor war die Klinik unter Quarantäne gestellt worden, nachdem dort Coronavirus-Fälle registriert worden waren. Doch wie kann es sein, dass Menschen, die sich offiziell in Quarantäne befinden, ohne jegliche Schutzausrüstung dicht an dicht stundenlang in einer Reihe anstehen? Diese Frage konnte auch die Klinik-Leitung nicht beantworten. Am nächsten Tag räumte der Direktor – angeblich auf seinen eigenen Wunsch – den Posten. Weil er "nicht in der Lage war, sein Team zu beschützen und die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen", lautete die Erklärung des Gesundheitsministeriums der Region. 

Der Vorfall in Omsk ist nur das jüngste Beispiel aus einer ganzen Reihe von Vorkommnissen, die von der desaströsen Situation in russischen Krankenhäusern zeugen. Bereits zu Beginn der Coronavirus-Pandemie klagten Ärzte über mangelnde Ausstattung mit dem grundlegendsten medizinischen Equipment.

Seitdem hat sich die Lage offenbar nicht zum Besseren verändert. Die Klagen und Hilferufe aus den russischen Kliniken häufen sich. Verzweifelt wenden sich Ärzte an die Öffentlichkeit. Wie etwa die Mediziner des epidemiologischen Forschungsinstituts in Sankt Petersburg, einer der größten medizinischen Einrichtungen in Russland, in der mehr als 2000 Ärzte arbeiten.

Bis zum 30. April wurden allein hier offiziell 111 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. Die Angestellten selbst vermuten jedoch, dass die Zahl der Infektionen unter dem medizinischen Personal viel höher ist. Die Ärzte seien sich sicher, dass es mindestens 200 Fälle gibt, berichtet die unabhängige Zeitung "Meduza". "Der Mangel an persönlicher Schutzausrüstung sowie die nachlässige Haltung der Vorgesetzten und verspätete Maßnahmen zur Verhinderung einer Infektion der Mitarbeiter sind die Ursachen für diese Masseninfektion", erklärte ein Mitarbeiter.

Wie in Omsk mussten sich die Ärzte auch hier in langen Schlangen anstellen, um Tests durchführen zu lassen, berichtete die Quelle weiter. Erst in der vergangenen Woche habe man angefangen, die Temperatur der Mitarbeiter am Eingang des Krankenhauses zu messen. Ein weiterer Mitarbeiter des Krankenhauses, der selbst mit dem Coronavirus infiziert ist, erzählte, dass man mit dem billigsten Equipment auskommen müsse.  

Kritikern drohen Ermittlungen und Bußgelder 

Auch aus anderen Regionen Russlands berichten Ärzte und medizinische Mitarbeiter, wie schutzlos sie zum Dienst antreten müssen. Für Aufsehen sorgte etwa der Rettungssanitäter Alexander Kosyakin. Im sozialen Netzwerk Vkontakte erhob er schwere Vorwürfe gegen die Leitung des Bezirkskrankenhauses Novousmansky in der Region Woronesch. Man zwinge die Rettungssanitäter praktisch ohne Schutz zu "fiebernden Patienten" zu fahren, erzählte er in einer wütenden Videobotschaft nach einer Nachtschicht. Einweg-Operationskittel und Mullmasken seien das einzige Schutzmaterial, das seinen Kollegen und ihm zu Verfügung stehe. Versuche, die Krankenhausleitung dazu zu bringen, persönliche Schutzausrüstung auszustellen, seien ergebnislos geblieben. "Ich weigere mich nicht zu arbeiten. Aber ich verstehe nicht, warum ich das Leben meiner Familie riskieren muss, nur weil jemand fahrlässig ist", stellte Kosyakin in dem Video fest.

Drei Stunden später war das Video von seiner Seite verschwunden. Zwei Tage später erhielt er eine polizeiliche Vorladung. "Ein Polizist teilte mir mit, dass ich gegen das Gesetz zur Verbreitung von Fake News verstoßen habe", erzählt der Sanitäter später. Noch am selben Tag wurde Kosyakin verhört. Ihm drohen nun ein Strafverfahren und ein hohes Bußgeld, obwohl er seine Aussagen belegen konnte.

Arbeiten trotz Corona-Infektion 

Kaum hatte der Sanitäter das Kommissariat verlassen, da rief ihn ein Kollege an. Alexander Schulepow berichtete, er sei positiv auf das Coronavirus getestet worden. Doch die Krankenhausleitung zwinge ihn weiter zum Dienst. Gemeinsam nahmen die beiden eine weitere Videobotschaft auf und veröffentlichten sie bei VKontakte. In dem Video sprachen sie darüber, wie der Chefarzt sie zur Arbeit zwingt, selbst nachdem das Coronavirus bei Schulepow nachgewiesen worden ist. "Für all diejenigen, die sagen, dass alles gefälscht war, hier sind die wahren Fakten", erklärte Kosyakin.

Die Leitung des Novousmansky-Krankenhauses startete daraufhin eine regelrechte Kampagne, um zu zeigen, dass man über ausreichend Schutzausrüstung verfüge. In lokalen Medien erklärte Kosyakin kleinlaut, er habe sich zu sehr von seinen Emotionen leiten lassen. 

Schulepow wurde unter Quarantäne gestellt. In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai dann die Schreckensmeldung: Der Sanitäter ist kurz vor seiner Entlassung aus dem Novousmansky-Krankenhaus aus dem Fenster gestürzt. Nach Informationen der Lokalzeitung "Vesti Voronezh" hat Schulepow bei dem Fall aus dem zweiten Stockwerk schwere Verletzungen erlitten. Seine Kollegen kämpfen nun um sein Leben.

Drei Ärzte stürzen in zwei Wochen aus Fenstern 

Wie es zu dem Sturz kommen konnte, kann bislang niemand erklären. Doch der Fall mutet vielen Russen seltsam an. Zumal Schulepow nicht der erste Mediziner ist, der nach Kritik an den Zuständen in russischen Krankenhäusern aus dem Fenster gefallen ist. In den letzten zwei Wochen ist dies bereits der dritte Fall. 

Am 1. Mai verstarb Elena Nepomnyashchaya, Chefärztin eines Krankenhauses in der sibirischen Stadt Krasnojarsk, nachdem sie ebenso aus dem Fenster ihres Krankenhauses gestürzt war. Der Vorfall soll sich nach einer Telefonkonferenz mit dem Gesundheitsminister der Region ereignet haben, berichtete der lokale Fernsehsender TVK Krasnojarsk. Zuvor soll sich Nepomnyashchaya geweigert haben, ihr Krankenhaus in ein Coronavirus-Zentrum umzuwandeln, weil ihr dafür die notwendige Ausrüstung fehle. 

Am 24. April verstarb Natalja Lebedewa, ebenso nach einem Sturz aus dem Fenster. Die Leiterin des Rettungsdienstes der Siedlung Zvyozdny Gorodok in der Nähe von Moskau war mit einem Verdacht auf Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert worden. Nach Angaben ihrer Kollegen habe sie Suizid begangen, nachdem sie beschuldigt worden war, eine Reihe ihrer Untergebenen mit dem Coronavirus infiziert zu haben, berichtete die Zeitung "Moskowskij Komsomolez". Das Krankenhaus stufte den Fall jedoch als einen Unfall ein. 

Trotz der seltsam anmutenden Häufung der Fälle warnt Anastasia Wasiljewa, die Leiterin der Gewerkschaft Alliance of Doctors, davor, hier eine Verschwörung zu wittern. Gegenüber CNN sagte sie, sie glaube nicht, dass jemand es auf die Ärzte abgesehen hat. Vielmehr würden die Vorfälle den Druck spiegeln, unter dem Ärzte während einer Pandemie in einem unterfinanzierten System stehen. "Viele Kliniken und Krankenhäuser wurden geschlossen. Und das bedeutet natürlich, dass es sehr schwierig ist, unter solchen Bedingungen viele Patienten mit Coronavirus zu behandeln", erklärte sie.

Die 36-Jährige gehört zu den lautesten Kritikern der Gesundheitspolitik des Kremls. Von Anfang an widersprach sie Putin, der noch vor wenigen Wochen behauptete, die Corona-Pandemie im Griff zu haben. Anfang April wurde Wasiljewa kurzfristig festgenommen. "Es ist erstaunlich, dass die russischen Behörden Kritik mehr zu fürchten scheinen als die tödliche Covid-19-Pandemie", erklärte Natalia Zviagina, Russland-Direktorin von Amnesty International. "Sie rechtfertigen die Inhaftierung von Anastasia Wasiljewa mit dem Argument, dass sie und ihre Kollegen angeblich gegen Reisebeschränkungen verstoßen haben. Tatsächlich haben sie aber versucht, Medizinern in einem örtlichen Krankenhaus lebenswichtige Schutzausrüstung zu liefern. Indem die Behörden sie hinter Gittern halten, enthüllen sie ihr wahres Motiv: Sie sind bereit, Ärzte zu bestrafen, die es wagen, der offiziellen Darstellung der Regierung zu widersprechen und Mängel im öffentlichen Gesundheitssystem aufzudecken."

Infektionszahlen in Russland explodieren 

Inzwischen ist Wasiljewa wieder auf freiem Fuß. Doch Kreml-Sprecher Dmitri Pesko hat allen Kritikern de facto einen Maulkorb aufgesetzt. Alle Ärzte, die nicht über genügend Schutzausrüstung verfügen, sollten Beschwerden beim örtlichen Gesundheitsministerium einreichen und nicht bei der Presse, erklärte er. 

Seit Tagen registriert Russland die höchste Zahl täglicher Neuinfektionen in Europa. Im internationalen Vergleich steht Russland nun an sechster Stelle bei der Zahl der Corona-Fälle. Die Gesamtzahl der nachgewiesenen Fälle ist auf knapp 166.000 gestiegen, mehr als 1500 Menschen sind bislang gestorben.

Quellen: "Meduza" "Novaya Usman Today", "Vesti Voronezh"TVK Krasnojarsk"Moskowskij Komsomolez", CNN, "Amnesty International"