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Uljanowsk Die Stadt, die zum russischen Bergamo werden könnte

Russland: In Uljanowsk gibt es offiziell nur einen Corona-Fall.
Russland: In Uljanowsk gibt es offiziell nur einen bestätigten Corona-Fall. Doch Mediziner und Experten zweifeln an den offizinellen Angaben. 
© Städtisches Zentrum / Picture Alliance
Geschönte Statistiken, desaströser Mangel an medizinischer Ausstattung und uneinsichtige Bürger: Die russische Stadt Uljanowsk droht das Schicksal von Bergamo zu wiederholen und zum Epizentrum der Coronavirus-Pandemie zu werden. 

Für all die Toten ist in Bergamo seit Tagen kein Platz mehr. Das Militär muss die Särge in Krematorien anderer Städte transportieren. Die 120.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Mailand ist das Epizentrum der Corona-Pandemie in Europa. Hier müssen die Menschen am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn man zu lange wartet und die Gefahr unterschätzt.

Dieselbe Erfahrung könnten schon bald die Bewohner von Uljanowsk machen. Die Stadt liegt 850 Kilometer südwestlich von Moskau an den Ufern der Wolga. Die 600.000 Einwohner führen hier ein beschauliches Leben. Die Corona-Pandemie, die den ganzen Globus erfasst hat, halten viele von ihnen für eine Märe. "Virus? Welcher Virus? Es ist eine Verschwörung, und kein Virus", erklärt etwa die 35-Jährige Olga. "Die Chinesen haben es in die Welt gesetzt, um Europa und die USA zu überholen. Sie haben gewiss einen Impfstoff", zitiert die Zeitung "The Moscow Times" die Geschäftsfrau. 

Mit dieser Meinung steht Olga in Uljanowsk nicht allein da. Die Appelle aus Moskau zur Einhaltung einer Quarantäne stoßen hier auf taube Ohren. Dabei ist das Coronavirus längst auch in Uljanowsk angekommen.

Patient Null 

Patient Null heißt hier vermutlich Roschkow. Der Sohn eines lokalen Parlamentsabgeordneten brachte das Virus aus Großbritannien mit, wo er zur Schule ging. Als der Teenager am 16. März in die Heimat zurückkehrte, klapperte sein einflussreicher Vater mit ihm ein Krankenhaus nach dem anderen ab – auf der Suche nach einer Testmöglichkeit. Aus reiner Vorsicht, wie er später erklärte. Doch ein Test zeigte schließlich: Der 15-Jährige ist mit Covid-19 infiziert. 

Auf Facebook entschuldigte sich sein Vater dafür, dass die Familie die Quarantäne nicht eingehalten habe. Schließlich galt zu der Zeit Großbritannien in Russland noch nicht als Risikogebiet. Bis zu der Diagnose am 20. März durchquerte der Junge halb Russland – war in Moskau, Samara, Dimitrovgrad und schließlich Uljanowsk. Wie viele Menschen er in dieser Zeit angesteckt hat, ist völlig ungewiss. Nach offizieller Statistik ist er bis heute der einzige Corona-Fall in der Stadt. Doch Ärzte und Experten schenken den Angaben keinen Glauben mehr.

Mediziner beklagen geschönte Statistiken

"Wir haben immer noch kein funktionierendes Testsystem und können daher nicht einmal eine ungefähre Schätzung des Ausmaßes des Problems vornehmen", berichtete Alexei Kuriny, Abgeordneter im Regionalparlament von Uljanowsk und Mitglied des Gesundheitsausschusses der Stadtverwaltung, der "Moscow Times". Nur sehr wenige Menschen würden getestet werden. "Diese Zahlen geben uns kein vollständiges Bild der Epidemie", stellte er klar. 

Kuriny fürchtet, dass Russland dem "italienischen Szenario" folgen könnte und Uljanowsk zu einem russischen Bergamo wird. "Wir haben nicht genug Beatmungsgeräte. Wir haben nicht einmal vertrauenswürdigen Daten darüber, wie viele wir überhaupt haben", so der Abgeordnete und Doktor der Medizin. "Mal sind es 325, dann sind es plötzlich 436. Diesen Zahlen kann man nicht vertrauen." 

Sorgen machen den Medizinern der Stadt aber nicht nur die zweifelhaften Zahlen, sondern auch der Zustand der Ausrüstung. "Das Gesundheitsamt sagt, dass wir 436 Beatmungsgeräte in der Region haben. Aber wie zählen sie die?", empörte sich ein lokaler Arzt im Gespräch mit der Zeitung. "Sie haben alte Beatmungsgeräte aus Lagern geholt, darunter auch einige, die nicht mehr funktionieren, und haben sie mitgezählt!"

Kuriny, der einst den Notfalldienst der Stadt Uljanowsk geleitet hat, teilt diese Einschätzung: "Viele der Beatmungsgeräte sind völlig veraltet. Realistisch gesehen haben wir wohl weniger als 100 Stück."

Düstere Prognose für Uljanowsk

Andere Ärzte beklagen einen katastrophalen Mangel an persönlicher Schutzausrüstung sowohl für medizinisches Personal, als auch für die Bevölkerung. "In Apotheken werden keine medizinischen Masken zum Verkauf angeboten, und in medizinischen Zentren fehlen professionelle Atemschutzmasken und Schutzanzüge", beichtete Dmitri Malykh, ein Kinderarzt aus Uljanowsk. Ärzte und Krankenschwestern seien gezwungen, sich aus Windeln oder Gaze Masken zu basteln. 

Ein anderer Arzt, der in einem der städtischen Krankenhäuser arbeitet, erzählte der "Moscow Times", dass ihm und seinen Kollegen Einwegmasken zur Verfügung gestellt wurden. "Solche, die man in Baumärkten für 1,50 Dollar bekommt. Wir arbeiten im Wesentlichen ohne Schutz. Die Krankenschwestern haben überhaupt nichts bekommen."

Angesichts solcher Zustände sieht Kuriny für Uljanowsk schwarz. "Was kann man erwarten, wenn nicht einmal Ärzte mit Atemmasken ausgestattet sind? Wenn die Zahl der Patienten auf 800 bis 1000 steigt, wird das lokale Gesundheitssystem nicht in der Lage sein, sie zu behandeln", lautet seine düstere Prognose. 

Quellen : "The Moscow Times", "73online"

ivi

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