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Schweigen bei Nationalhymne Ein stiller Protest, der ungesehen bleiben soll: Wie iranische Staatsmedien (nicht) berichtet haben

Spieler des Iran stehen bei der Nationalhymne vor dem übergroßen WM-Pokal
Spieler des Iran stehen bei der Nationalhymne vor dem übergroßen WM-Pokal
© Han Yan/XinHua / DPA
Mit ihrer Weigerung, die Nationalhymne ihres Landes zu singen, haben die iranischen Nationalspieler bei der Fußball-WM für Aufsehen gesorgt. Nur zu sehen war ihr stiller Protest nicht, jedenfalls nicht im heimischen Staatsfernsehen.

Als die Nationalhymne ihres Landes gespielt wurde, blieben sie stumm: Team Melli, wie Irans Fußballnationalmannschaft auch genannt wird, verweigerte am Montag vor ihrem Auftaktspiel bei der Weltmeisterschaft in Katar gegen England den Gesang (der stern berichtete). Die Geste wurde weithin als Anerkennung, mitunter als Solidarisierung der Volksaufstände in der islamischen Republik gewertet, die seit Wochen in dem Land wüten. 

Nur zu sehen war der stille Protest nicht, jedenfalls nicht im iranischen Staatsfernsehen, das die Szenen zensierte. Auch die Tonspur wurde während der Partie, bei der mehrmals Protestrufen iranischer Fans zu hören waren, offenbar unterbrochen. Fast unmittelbar nach Ende des Spiels wurde der Internetzugang in dem Land stark eingeschränkt.

Seit Beginn der Proteste gegen die Führung in Iran, die sich an dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Polizeigewahrsam entzündet hatten, reagiert das Regime mit äußerster Härte und Zensur gegen die anhaltenden Demonstrationen.

Mehreren Berichten zufolge soll das iranische Staatsfernsehen weder das Schweigen des iranischen Kaders bei der Nationalhymne noch die regimekritischen Protestaktionen der anwesenden Fans gezeigt haben. Auch die regierungstreue Nachrichtenagentur Fars erwähnte den Protest in ihrer ausführlichen Berichterstattung über das Spiel, das der Iran mit 2:6 verlor, einem Bericht des "Guardian" zufolge mit keinem Wort.

WM-Protest im iranischen Staats-TV zensiert

Wie "The Athletic" unter Berufung auf mehrere Menschen in Iran berichtete, die sich aus Sicherheitsgründen nur anonym dazu hätten äußern wollen, sei die Übertragung der Nationalhymne auf halbem Weg unterbrochen worden.

Demnach habe der Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB), verantwortlich für die staatlichen Fernsehsender, auf eine Stadion-Totale umgeschaltet, nachdem zuvor die ersten drei iranischen Spieler im Bild zu sehen waren, die sich dem Gesang der Nationalhymne verweigerten. Darüber hinaus sei während der gesamten Übertragung der Ton aus dem Stadion jedes Mal unterbrochen worden, wenn der Gesang "bisharaf" – was "unehrenhaft" bedeutet – von den Rängen zu hören war. 

Dem "Athletic" zufolge werden allen internationalen Inhabern der Übertragungsrechte mehrere Kameraperspektiven zur Verfügung gestellt – neben einer gemeinsamen für das Spiel selbst –, zwischen denen während der Aufwärmphase, den Nationalhymnen und Geschehen nach dem Spiel ausgewählt werden kann. 

Fast unmittelbar nach Ende des Spiels wurde der Internetzugang in Iran stark eingeschränkt, berichtete neben "The Athletic" auch die Nachrichtenagentur Bloomberg. Das Internet-Monitoring-Unternehmen NetBlocks bestätigte eine "große Störung" und teilte mit, dass viele Menschen vom mobilen Netz abgeschnitten worden seien.

Im Zuge der Proteste ist die iranische Nationalmannschaft, sonst über politische Grenzen hinweg beliebt, immer mehr zwischen die Fronten geraten. Während Verbände bereits den WM-Ausschluss Irans forderten, hofften Aktivisten auf Solidaritätsbekundungen der Spieler, die wie kaum ein anderes Team auf der Weltbühne unter Beobachtung stehen dürften.

"Sie sind in eine sehr prekäre Situation geraten", sagte Omid Namazi, ein ehemaliger Co-Trainer der iranischen Nationalmannschaft, zur "Washington Post". Die iranischen Behörden und mitreisenden Geheimdienstagenten wollten offenkundig, dass die Spieler schweigen, während die Iraner "erwarten, dass diese Typen, die Prominente und bekannt sind, ihre Stimme sind". Er könne sich nicht erinnern, dass der iranische Fußball jemals so politisch und polarisiert gewesen sei. "Das ist das größte Event der Welt", sagte er der Zeitung. "Und offensichtlich ist das Regime sehr besorgt darüber." 

"Eine verspätete Geste"

So hatten sich alle Mitglieder des Teams kurz vor Turnierbeginn mit Präsident Ebrahim Raisi getroffen, um für ein gemeinsames Foto zu posieren, was dem Kader schwere Kritik einbrachte.

"Das Ergebnis ist, dass viele Iraner das Team Melli nicht als ihr Team ansehen, sondern als das Team der Islamischen Republik", schrieb die iranisch-amerikanische Analystin und Kommentatorin Holly Dagres von der US-Denkfabrik Atlantic Council in einem Blogbeitrag. Zu lange hätte sich die Mannschaft, im Gegensatz zu anderen Athleten des Landes, nicht zu den Protesten positioniert. 

Mit dem stillen Protest hätte Team Melli schließlich "subtile Haltung" gezeigt. Doch während Außenstehenden ihr Schweigen und steinernen Gesichter bedeutsam erscheinen mögen, "ist es eine verspätete Geste, die viele Iraner als bedeutungslos interpretieren, wenn man bedenkt, wie wenig Team Melli getan hat, um Solidarität mit ihrer internationalen Plattform zu zeigen." 

Den Spielern sollen nach der nicht mitgesungenen Hymne wohl vorerst keine Konsequenzen drohen. Dies werde während des Turniers nicht passieren, da nicht alle Spieler der Mannschaft gesperrt werden könnten, schrieben iranische Sportjournalisten am Dienstag. Aber eine temporäre Sperre oder Gehaltskürzungen für die Spieler, die in der iranischen Liga beschäftigt sind, wäre nach der WM – besonders bei einem schlechten Abschneiden des Teams – durchaus denkbar.

Quellen:  "The Athletic", "The Guardian", "The Washington Post", Atlantic Council, Bloomberg, NetBlocks, mit Material der Nachrichtenagentur DPA

fs

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