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Zwei Jahre Tsunami-Katastrophe: "Wir sahen keine Toten"

Zwei Jahre sind seit der Tsunami-Katastrophe vergangen. Professor Prathap Tharyan leitet die Psychiatrie des Christian Medical College in Vellore (Tamil Nadu). Er war einer der führenden Experten vor Ort, nachdem die Welle zuschlug. Im stern.de-Interview berichtet er über das, was er erlebt und gelernt hat.

Professor Tharyan, wo erfuhren Sie am zweiten Weihnachtstag vor zwei Jahren von der Tsunami-Katastrophe?

Ich war daheim, in Vellore, wo ich am Christian Medical College arbeite. Vellore ist etwa acht Autostunden von den am schlimmsten betroffenen Küstengebieten Indiens entfernt, und so erfuhr ich durch das Fernsehen davon. Schon wenige Stunden später forderte die Regierung Hilfe aus ganz Indien an, und so stellten auch wir unser Team zusammen. Zunächst machten sich Ersthelfer auf den Weg, um die akutesten Probleme zu behandeln - Knochenbrüche, Quetschungen und ähnliches. Wir Psychiater trafen zehn Tage später im Bundesstaat Tamil Nadu ein, um uns um die seelischen Folgen der Katastrophe zu kümmern.

Sahen Sie Bilder des Schreckens?

Die Zerstörung war groß, aber wir sahen keine Toten - die Behörden hatten rasch gehandelt und sie waren alle in Massengräbern bestattet worden. In den Dörfern, die ich besuchte, waren sämtliche Häuser nur noch Schutthaufen - dazwischen die Menschen, jeder von ihnen unter schwerem Schock. Von allen, die ich traf, konnte nicht ein einziger nachts Schlaf finden. Sie schreckten auf und hörten klagende Stimmen, die Stimmen der Toten. Die Menschen quälten sich, weil ihre Angehörigen und Nachbarn kein rituell angemessenes Begräbnis erhalten hatten. Und jeder hatte den Ton des Tsunami im Ohr. Kein dumpfes Grollen, eher schrill, wie ein Schnellboot, sagten die Menschen.

Wie lebten die Menschen vor der Flut?

Es waren traditionelle Fischerdörfer, die die Welle traf - die Tragödie war besonders groß, weil der Tsunami kurz vor der Stunde des traditionellen Fischmarktes kam. Eine große Menschenmenge war schon am Strand, und die Fischer waren auf dem Heimweg. Als die Fischer zurückkehrten, war die Verwüstung komplett. Auf See hatten sich ihre Boote nur leicht gehoben, so dass sie nicht ahnen konnten, wie die Welle anschwellen würde... dann fanden sie nur noch Tod und Zerstörung. In der Gegend, in die ich kam, hatte es 7000 bis 8000 Tote gegeben.

Welche Hilfe bekamen die Flutopfer?

Premierminister Manmohan Singh rief eine Menge Leute an, und sagte: "Hört zu, ihr geht jetzt dort hin und helft." Es funktionierte vorzüglich, aus ganz Indien kamen die Helfer, professionelle Teams, aber auch Gurus mit ihren Schülern aus ferneren Bundesstaaten, einfach nur, um zu helfen. So bekamen die Menschen ausreichend zu essen, Kleidung und Zelte - allerdings war es unklar, wie man am besten mit den psychologischen Folgen einer solchen Katastrophe umgehen sollte. Denken Sie nur, all die Schicksale: Wir trafen zum Beipiel auf eine Frau am Straßenrand, in tiefem Schock - sie aß nichts mehr, sie schlief nicht mehr. Wir freundeten uns einfach mit ihr an, wir kochten etwas zu essen. Am nächsten Tag ging ich wieder hin und gab ihr eine kleine Dosis Antidepressivum, damit sie schlafen konnte.

Am nächsten Morgen sprach sie mit uns. Oder eine andere Frau, sie war aus dem Haus gegangen, und hatte ihrer achtjährigen Tochter gesagt: "Bleib hier und pass auf deine zwei kleinen Geschwister auf. Geht nicht fort." Und als die Welle kam und die Nachbarn schrien: "Lauft, lauft!", da sind sie geblieben. Und sie ertranken. Die Mutter aber überlebte. Die Welle hob sie sieben Meter in die Höhe und schleuderte sie in eine Baumkrone. Wie sollten wir ihr mit ihren Schuldgefühlen helfen?

Wie schwer wogen die psychischen Symptome in der ersten Zeit nach der Katastrophe?

Praktisch jeder war von ihnen betroffen - eine erste schwere Stressreaktion, die alle befallen hatte und den Menschen den Schlaf raubte. Was ich für besonders schwerwiegend halte, ist, dass durch eine solche Katastrophe unser Vertrauen in die Welt zerschlagen wird. Wir Menschen leben gern in einer Welt, an die wir uns gewöhnt haben, in der es Gewissheiten gibt. Die Fischer sagten: Mit schlechten Fängen können wir leben. Stürme kennen wir - wenn ein Sturm kommt, klammern wir uns an unser Boot, und der Sturm zieht vorbei. Was jetzt geschehen ist, das kennen wir nicht. Wie konnte es geschehen?

Sprichwörtlich bricht eine ganze Welt zusammen.

So ist es. Und doch ist es erstaunlich, wirklich erstaunlich, wie groß die Kraft des Menschen ist, sich selbst zu heilen. Und wenn wir gute Ärzte sind, wissen wir: Alles, was wir tun, ist, diesen Heilungsprozess zu unterstützen, ihm voranzuhelfen. Wir müssen den Menschen erlauben, zu trauern. Wir müssen ihnen helfen, sich ein neues Bild von der Welt zu machen, und wir müssen Rücksicht darauf nehmen, dass das Zeit braucht. Nach meiner Erfahrung müssen sie ein halbes bis ein Jahr Geduld aufbringen, bis sich die Dinge zum Besseren wenden und der Lebensmut zurückkehrt.

Viel schwerer ist es freilich für die, die alles verloren haben, denen nichts geblieben ist. Und am schwersten ist es für die Kinder. Die Kinder haben so viel mehr gelitten als die Erwachsenen... Und ihre Angst dauerte so viel länger. Und doch sehen wir heute, dass die Heilung gekommen ist. Doch nicht alles, was in der ersten Zeit nach dem Tsunami getan wurde, hat sich dabei als hilfreich erwiesen.

Was war das im einzelnen?

Politisches Kalkül hat die Rehabilitation behindert. Wenn ein Pilot eine Bruchlandung gemacht hat, soll er schnell wieder fliegen, damit er nicht glaubt, es gäbe nur noch Bruchlandungen. Bei den Fischern aber war es so: Wer schnell wieder auf See war, verlor den Anspruch auf staatliche Beihilfen. Die Regierung sagte sich: Er kann für sich selbst aufkommen, er fährt schon wieder hinaus. Also zogen die Funktionäre des Fischerverbandes herum und hielten die Leute davon ab, fischen zu gehen. Wer einen einfachen Nachen besessen hatte, behauptete auf einmal, es sei ein wertvolles Motorboot gewesen, um Ersatz zu bekommen...

Jedenfalls lernten die Menschen so, hilflos zu tun und sich abhängig zu machen. Psychologisch betrachtet, ist das außerordentlich ungünstig: Menschen brauchen das Gefühl, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen und sie beherrschen zu können. Ich räume ein, dass sich auch vieles, was psychologische und psychiatrische Helfer versucht haben, sich im Nachhinein als problematisch erwiesen hat...

Zum Beispiel?

Helfer, die die Erfahrungen hauptsächlich der amerikanischen Militärpsychologie zum Maßstab gemacht haben, nahmen an, dass man am besten ein großes Debriefing machen sollte, öfters auch mit größeren Gruppen...

...eine Methode, in der die Klienten über ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle sprechen sollen, und der Psychologe vermittelt ihnen, dass Angst und Trauer keine Schande sind, dass sie zornig sein dürfen, keine Versager sind, weil sie nicht mit der Lage fertig werden... ...so ist es. Aber Sie haben das Problem gerade schon benannt: Die Probleme, die da behandelt werden sollen, setzen ja voraus, dass sie in der jeweiligen Gesellschaft überhaupt Probleme sind. Sie können jemanden von der vermeintlichen Schande des Trauerns doch nur befreien, wenn er es überhaupt als Schande empfindet. Und da dürfte es einen Unterschied geben zwischen einem traditionellen Dorfbewohner und einem Elitesoldaten.

Nun, wir sahen in der wissenschaftlichen Literatur nach, in der Cochrane Library und wir dachten uns: Es scheint, dass das Debriefing womöglich nicht die in dieser Situation passende Behandlung ist. Mehr noch: Viele Behandlungskonzepte, die mitgebracht wurden, dienen der Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD). Wir mussten uns fragen, ob dieses Krankheitskonzept in unserer Kultur überhaupt Sinn ergibt. Zudem basiert es zumeist auf traumatischen Erlebnissen, die menschengemacht sind.

Also Terrorismus etwa?

Terror, Gewalt, Vergewaltigung, Folter, lange Verhöre - je länger es andauert, umso schlimmer. Doch hier hatten wir es mit einer Naturkatastrophe zu tun, und das Konzept der PTSD wurde einfach darauf übertragen.

Nun, als wir nach acht Monaten erfassten, bei wie vielen Tsunami-Opfern wie die Symptome der PTSD fänden, waren die Zahlen wesentlich kleiner als erwartet. Wir fanden sie nur bei sechs Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation hatte erwartet, das bis zu 50 Prozent der Menschen unter wesentlichen psychologischen Folgeerkrankungen leiden würde. Wir fragten uns ebenfalls: Wer hat eigentlich gute Chancen, gesund zu werden.

Fanden Sie es heraus?

Rituale, Gemeinschaft, Religion - sie halfen den Menschen sehr. In asiatischen Gesellschaften ist das Trauern keine Privatangelegenheit. Es geschieht gemeinschaftlich. Auch die hinduistische Lebenseinstellung erwies sich als hilfreich. Die Dorfältesten berichteten uns, wie sehr religiöse Feiern Trost gespendet hatten, und wie hilfreich Besuche religiöser Autoritäten wirkten. Ein Dorfvorsteher sagte mir: "Unser Glaube an unsere Göttin wurde nicht geschwächt. Können wir wissen, wie viel sie getan hat, um diese Tragödie zu verhindern? Wir beten täglich zu ihr und wir leben weiter wegen dieses Glaubens".

Ist die Religion also der modernen, "westlichen" Wissenschaft überlegen?

Gerade darauf will ich nicht hinaus - im Gegenteil: Wir möchten mit den Mitteln der Wissenschaft erkunden, was wirklich hilft und was unangemessen ist. Wenn wir die Frage stellen, ob eine Krankheitsbeschreibung auch in unserem Kulturkreis zutrifft, ist das eine vollkommen wissenschaftliche Frage.

Ich arbeite in der Cochrane Collaboration, einer internationalen Vereinigung, die den Nutzen medizinischer Verfahren neutral bewertet. Aufgrund unserer Erfahrungen steht nun ein kurzes Papier zum Thema Debriefing für künftige Helfer zur Verfügung. Mit eigenen Studien tragen wir in Indien dazu bei, das nötige Wissen bereitzustellen, damit wir auch in solch extremen Situationen das bereitstellen können, was den Menschen am meisten nützt. Und: Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Wissen immer relativ ist. Es verändert sich - wir lernen dazu.

Ist das eine selbstkritische Einsicht?

Für uns Ärzte und Wissenschaftler ist eine selbstkritische Sicht entscheidend wichtig, um den Patienten helfen zu können. Wir müssen mit Ungewissheit leben, mit dem Wissen, dass wir nicht alles wissen. Was wir sagen müssen ist: Unter den und den Umständen ist diese oder jene Hilfe die beste die wir geben können. Es mag gut gemeint sein, wenn Sie zum Beispiel große Mengen Kleider an die Flutopfer senden - aber zuvor sollten Sie überlegen: Können diese Kleider in dieser Kultur überhaupt getragen werden, oder wirken sie wie Kostüme. Was uns Ärzte angeht: Wir sollen handeln und helfen - der nächste Schritt sollte aber immer die kritische Reflexion sein: "Lass uns sehen - wir haben dies versucht, wir haben das versucht, was hat am Ende wirklich geholfen?".

Um von da am immer nach diesem Muster zu verfahren?

Absolut nicht - medizinische Entscheidungen werden für den Einzelfall getroffen, auf der Basis unseres Wissens, aber immer für den Einzelfall. Sie und ich, wir können nicht durch eine Maschine ersetzt werden, durch einen Entscheidungscomputer, der sagt: Dieses Schema muss angewendet werden. Gerade das ist eine Lektion, die wir gelernt haben.

Interview: Christoph Koch
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(