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"Intrigantenstadel" SPD: Gerhard Schröder und die Brandstifter

Seit einer Woche geht es bei der SPD drunter und drüber. Der Streitpunkt: Wer ist Schuld an dem desaströsen Wahlergebnis von SPD-Generalsekretär Olaf Scholz?

Sigmar Gabriel lässt die SPD-Spitze nicht zur Ruhe kommen. Oder lässt die SPD-Führung den umtriebigen Niedersachsen nicht in Frieden? So genau kann man das in diesen Zeiten nicht mehr sagen. Seit vergangenem Montag geht es nun hin und her über die Frage: Wer ist Schuld am schlechten Wahlergebnis von SPD-Generalsekretär Olaf Scholz auf dem Bochumer Parteitag? Die Niedersachsen und ihr Fraktionschef Gabriel, zürnt Kanzler Gerhard Schröder und denkt dabei wohl an mögliche Ambitionen Gabriels auf Scholz' Posten. Die Niedersachsen bestreiten die Intrige mal mehr, mal weniger. Nun kam aber heraus, dass selbst in der SPD-Zentrale Gabriel schon als möglicher neuer Generalsekretär gehandelt wurde.

Stimmzettel mit Gabriels Namen

Im Berliner Willy-Brandt-Haus wurden vor der heiklen Wiederwahl von Scholz Stimmzettel mit Gabriels Namen gedruckt. Es sei aber niemand aus der SPD-Führung dafür verantwortlich, sagte ein SPD-Sprecher. Vielmehr sei es "eher ein übereifriger Mitarbeiter der unteren Ebene" gewesen. Die Stimmkarten seien für einen möglichen 2. und 3. Wahlgang nach einem Scheitern von Scholz vorbereitet gewesen.

"Euch mach ich fertig"

In der Haut dieses Referenten möchte nun wohl niemand stecken. Schließlich hatte SPD-Chef Schröder den Misserfolg seines Generals persönlich übel genommen. Dem niedersächsischen SPD-Chef Wolfgang Jüttner soll er noch am Wahlabend angekündigt haben: "Euch mach ich fertig." Die Niedersachsen hatten sich schon länger auf Schröders Kandidat Scholz eingeschossen, halten ihn für verantwortlich für die Außendarstellung und die abgerutschten Umfragewerte. Darum machte Jüttner auch keinen Hehl aus seinem Einfluss: "Wenn ich gesagt hätte: 'Ihr wählt ihn nicht!', wäre er durchgefallen."

Gabriel "Brandstifter und Feuerlöscher"

Besonders wütend ist Schröder aber auf seinen früheren Ziehsohn Gabriel, der ihn seinerzeit als Ministerpräsident in Niedersachsen - nach einem Zwischenspiel mit Gerhard Glogowski - beerbte. Er sei "Brandstifter und Feuerlöscher" zugleich, soll Schröder nach Gabriels Auftritt auf dem Bochumer Parteitag gepoltert haben. Doch der SPD-Fraktionschef in Hannover lässt sich nicht einschüchtern. Er antwortet per Zeitung: "Die Theorie, ich hätte erst 'den Brand gestiftet', um ihn dann zu löschen, muss jemand erfunden haben, der nach dem Motto handelt: Was ich denk' und tu', das trau' ich jedem anderen zu."

"Intrigantenstadel in Berlin"

Nun aber, nachdem sein Name bereits Stimmzettel zierte, will der 44-Jährige offensichtlich den Spieß umdrehen. Jetzt wirft er den Berliner Genossen Niedertracht vor: Er habe "nur noch die Nase voll" davon, dass der "Intrigantenstadel in Berlin" seit Wochen seinen Namen dazu missbrauche, die eigenen Machtkämpfe auszutragen.

Müntefering soll Scholz über die Schulter gucken

Doch wer kämpft da eigentlich gegen wen? Angeblich schickt sich SPD-Fraktionschef Franz Müntefering an, seinem Nachfolger Scholz nun häufiger über die Schulter zu gucken. Müntefering solle die politische Strategie der SPD stärker mitprägen - wird Bundeskanzler Gerhard Schröder zitiert - "nicht gegen Scholz, sondern als Ergänzung". Zwar spricht der SPD-Sprecher von "Unfug", aber dass Scholz nach dem Parteitag etwas angeschlagen ist und vielleicht einen erfahrenen Unterstützer gebrauchen könnte, scheint zumindest denkbar. Um mehr Zeit für seine Berliner Aufgaben zu haben, will Scholz nun aller Voraussicht auch sein Amt als Hamburger SPD-Chef abgeben.

Trotz dieses Rückzugs fühlt sich Scholz weiter für Höheres in der SPD berufen. In der Talkshow von Johannes B. Kerner zeigte der 45-Jährige zwar jüngst Gefühle, indem er sagte, das Bochumer Debakel lasse ihn nicht unberührt. Doch kurz danach meinte er in bewährt selbstbewusster Manier: "Ich glaube, dass ich in der Zukunft auch eine wichtige Rolle spielen werde."

Von Henning Otte, dpa / DPA