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#nichtegal - Tempolimit: Die Politik fürchtet den Zorn der Raser

Wir haben gefragt, was Ihnen nicht egal ist und Hunderte Zuschriften bekommen. Einigen Themen sind wir nachgegangen. Heute antworten wir Sebastian Peter, der ein Tempolimit auf Autobahnen fordert.

Von Gernot Kramper

In den Wochen vor der Wahl hieß es ständig, Deutschland gehe es gut, es müsse nur so weitergehen. Das Gerede über die Wohlfühl-Republik hatte uns in der stern-Redaktion wütend gemacht. So entstand die Aktion "Es ist uns nicht egal". Nachdem stern-Mitarbeiter und zahlreiche Prominente aufgeschrieben haben, was ihnen nicht egal ist, meldeten sich hunderte Leser bei uns. Auf ihre Zuschriften geben wir nun Antworten auf stern.de.

Zusammenprall zweier Kulturen

Sebastian Peter ist es nicht egal, "dass es in Deutschland unmöglich scheint, ein Tempolimit durchzusetzen".

In der Tat: Das Tempolimit gehört zu den ganz heißen Eisen der deutschen Politik, weil es nicht nur um irgendeine Regelung geht, sondern um eine Grundhaltung. Hier treffen zwei unterschiedliche Einstellungen aufeinander. Den Befürwortern der Geschwindigkeitsbegrenzung ist der typisch deutsche Kult ums Auto grundsätzlich suspekt, die Gegner verteidigen das Recht auf freie Fahrt verbissen, weil sie im Tempolimit einen Eingriff in ihren Lebensstil vermuten.

Sind Sie für ein Tempolimit auf den Autobahnen?

Freiheit ist nicht Rasen

Sebastian Peter meint, ein Tempolimit sei einfach in jeder Hinsicht vernünftig, "ökologisch und verkehrssicherheitstechnisch". Für ihn ist "freie Fahrt für freie Bürger" nur ein Totschlag-Argument. Wer die Freiheit bedroht sähe, solle einmal in einem Unrechtsstaat wie der DDR leben, empfiehlt er. Denn dort könne man überhaupt nicht dorthin fahren, wo man hin wolle.

Worum geht es überhaupt? Es geht um die freie Fahrt auf bisher unbeschränkten Autobahnabschnitten - sie soll begrenzt werden. Bei der Höhe des Limits sind Werte von 120, 130,150 oder gar 180 km/h in der Diskussion. Die Befürworter favorisieren 120 km/h. 130 km/h wären wegen der Angleichung an das europäische Umland wahrscheinlicher.

Hohe symbolische Bedeutung

Aber hat Sebastian Peter Recht, wenn er daran verzweifelt, dass in Deutschland kein Tempolimit durchsetzbar ist? Daniel Moser, Verkehrsrexperte von Greenpeace, untertützt ihn: "Ein Tempolimit würde nicht nur Menschenleben retten und der Umwelt zu Gute kommen. Ironischerweise würde es sogar die Geschwindigkeit auf ‎unseren Straßen erhöhen - im Durchschnitt."

Die Aussage ist nicht unumstritten. Gemessen an Verkehrstoten und Verkehrsleistung sind Autobahnen weit sicherer als Landstraßen und Straßen in Ortschaften. Aus Sicht der Unfallprävention gäbe es zumindest dringendere Baustellen. Die CO2-Reduktion ist dagegen nicht von der Hand zu weisen: Hohe Geschwindigkeiten treiben den Verbrauch und Klimabelastung in die Höhe. Ein Sparwunder sollte man sich von einem Limit allerdings nicht erwarten, dafür ist der Anteil der Top-Speed-Fahrten am Verkehrsaufkommen zu gering. Die symbolische Bedeutung ist jedoch groß: Warum sollte man in anderen Bereichen durch Verzicht Energie sparen, wenn diejenigen, die es sich leisten können, demonstrativ in einem SUV mit über 200 km/h über die Autobahn jagen?

Autoindustrie kämpft gegen ein Limit

In einer repräsentativen Umfrage für den stern spaltete die Frage nach einem generellen Tempolimit von 130 km/h die befragten Autofahrer. 50 Prozent von ihnen waren dafür, dagegen 46 Prozent. Greenpeace-Experte Moser macht die Autoindustrie für die Blockade der notwendigen Gesetzesvorhaben verantwortlich: "Dass weiterhin unnötig Menschen sterben und der Klimawandel angeheizt wird, liegt vor allem an deutschen Premiumherstellern. Sie nutzen den zweifelhaften Geschwindigkeitsrausch als gefährliches Marketinginstrument."

In Berlin chancenlos

Politisch bewegt sich in Berlin nichts, weil es im Bundestag keine Mehrheit für ein Tempolimit gibt. Unter den Parteien treten nur die Grünen und Die Linke entschlossen für das Tempolimit ein. Sie wissen sich damit einig mit ihrer Basis, befinden sich aber in der Opposition. Bei den großen Parteien gilt das Thema als Gift. Hier herrscht die Befürchtung, dass die Gegner des Tempolimits die entsprechende Partei an der Urne massiv abstrafen könnten, der Zuspruch durch Befürworter jedoch nicht zu mehr Stimmen führt. Die Interessensvertretung der Autofahrer, der ADAC, vertritt 18 Millionen zahlende Mitglieder, eine offene Konfrontation mit dem Verein scheuen alle großen Parteien. Zum Vergleich: Die Grünen haben im Jahr 2013 stolz die Marke von 60.000 Mitglieder geknackt.

Da Deutschland auf eine Große Koalition von CDU/CSU und SPD zusteuert, hat Sebastian Peter also richtig vermutet: Ein Tempolimit ist auf absehbare Zeit nicht durchzusetzen.

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