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Schlag-12-Kommentar zur "Pille danach": Mittelalterlicher Ablasshandel

Dank EU wird die "Pille danach" bald auch in Deutschland rezeptfrei erhältlich sein. Ein überfälliger Schritt. Doch die CDU zwingt Apotheker und Frauen in den Beichtstuhl.

Von Silke Müller

Erhältlich nur gegen Beratung. Wer das Mittel danach braucht, muss sich rechtfertigen

Erhältlich nur gegen Beratung. Wer das Mittel danach braucht, muss sich rechtfertigen

Berlin, Nacht. Apotheke in der Brunnenstraße. Aus der Gegensprechanlage knarzt es:

"Wie kam es denn zum ungeschützten Geschlechtsverkehr?"

Nun, ich hatte nicht geplant, George Clooney im Fahrstuhl zu treffen.

"Wie lange ist es her?"

Zwei Stunden, wollen sie mal meinen Puls fühlen?

"Geht leider nicht, ich darf die Tür nicht öffnen. Sie sollten die Pille danach nicht mit einem Verhütungsmittel verwechseln."

Ganz ehrlich: Ich würde es wieder tun.

"Ich muss Sie vor einem verantwortungslosen Umgang mit ihrem Körper und dem ungeborenen Leben warnen. Macht 18 Euro plus Nachtzuschlag."

"Pille danach" rezeptfrei

Auf Deutschlands Apotheken kommt eine neue Aufgabe zu: Sie werden zum Beichtstuhl für emotional aufgewühlte Mädchen und Frauen, die sexuelle Fehltritte, Kontrollverlust und hemmungslose Hingabe gestehen und rechtfertigen müssen.

Was dann folgt, ist ein modernes Wunder sowie eine zeitgenössische Form des Ablasshandels: Wiederherstellung des (nahezu) unbefleckten Zustands gegen Einzahlung klingender Münze.

Deutschland, das im Bunde mit den katholischen Hochburgen Polen, Italien und Ungarn die Pille danach bislang nur nach Konsultation eines Arztes erlaubte, ist von der Europäischen Zulassungsbehörde EMA ins 21. Jahrhundert befördert worden. Voraussichtlich ab Ende Januar 2015 muss auch hierzulande das Notfall-Verhütungsmittel "Pille danach" rezeptfrei in Apotheken erhältlich sein. Endlich.

Doch wer glaubt, mit den peinlichen Verhören und den bekloppten Ausreden ("Kondom geplatzt") sei es jetzt vorbei, täuscht sich gewaltig. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der sich bis zuletzt vehement gegen die Liberalisierung stemmte, will die Apotheken zu einem "intensiven Beratungsgespräch" verdonnern.

Er lässt nicht am Allerheiligsten rütteln: Hermann Gröhe, Minister für Gesundheit und Seelenheil von der CDU

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Ein überflüssiges Schauspiel

Wie das abläuft, erfährt leidvoll, wer derzeit etwa nach Nasenspray fragt: Erst folgt die gestrenge Warnung, nicht länger als eine Woche das unangenehme Zeugs in den Riecher zu spritzen, dann werden drei zusätzliche Erkältungsmittel oder eine wundlindernde Creme angeboten, und am Ende blecht man mehr als das Doppelte, als ursprünglich geplant.

Dass die Pille danach nun ohne Arzt- oder Krankenhausbesuche erhältlich ist, ist die gute Botschaft. Die schlechte ist, dass unsere Gesundheitspolitiker die Lobbyarbeit über das Selbstbestimmungsrecht der Frauen stellen: Das scheinheilige Beratungsritual soll die konservative Klientel des Ministers ruhig stellen und verleiht den Apothekern eine vermeintlich gestiegene Bedeutung.

Tatsächlich aber ist es ein überflüssiges Schauspiel, das den Frauen in dieser Situation nicht hilft.