VG-Wort Pixel

"Schulstudie 2014" der CDU/CSU "Nicht verwertbar"


Die Union hat eine Studie herausgegeben, die ihre bildungspolitischen Pläne untermauern soll. Forsa-Chef Güllner kritisiert methodische Mängel - und hält die Resultate für verzerrt.

Herr Güllner, laut "Schulstudie 2014" sind mehr als die Hälfte der 2000 befragten Bundesbürger davon überzeugt, dass Bayern die beste Schulbildung hat. Erst mit weitem Abstand folgen Baden-Württemberg und Sachsen mit jeweils 9 Prozent. Kann das sein?

Diese Studie weist gravierende methodische Mängel auf, sodass die Ergebnisse keinesfalls das tun, was die Studie vollmundig verkündet: nämlich Auskunft darüber zu geben, "wie Deutschland über Schule denkt". Für diese Studie ist kein - wie behauptet - repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung in Deutschland befragt worden. So wurden in den kleinen Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern, wo nur knapp 15 Prozent der gesamten Bevölkerung wohnen, 880 beziehungsweise 44 Prozent der 2000 Studienteilnehmer befragt. Das sind dreimal mehr, als bei einer Befragung, die ein verkleinertes Abbild der Bevölkerung insgesamt darstellt, hätten befragt werden dürfen. Umgekehrt hätte in den urbanen Regionen mit mehr als 100.00 Einwohnern, wo fast 60 Prozent der Gesamtbevölkerung leben, rund 1200 Personen befragt werden müssen. Tatsächlich aber wurden in der CDU/CSU-Schulstudie dort nur 740 beziehungsweise 18 Prozent befragt. Die Ergebnisse der CDU/CSU-Schulstudie geben also überwiegend die Meinung einer Minorität der Bevölkerung wieder und können nicht - wie bei seriösen Repräsentativerhebungen - auf die Gesamtheit der Bevölkerung übertragen werden.

Die Meinungen der Befragten - Bayern top, für Ganztagsschulen, für den Erhalt der Gymnasien, für Noten und fürs Sitzenbleiben - entsprechen weitestgehend der bildungspolitischen Agenda der Union. Ein Zufall?

In der CDU/CSU-Schulstudie sind nicht nur die Bewohner des ländlichen Raumes deutlich über- und die der urbanen Regionen deutlich unterrepräsentiert, sondern auch die Verteilung der Befragten auf die einzelnen Bundesländer entspricht nicht der tatsächlichen Bevölkerungsverteilung. So wurden in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Sachsen viel mehr Personen befragt als bei einer repräsentativen Erhebung erlaubt. Dafür wurden in Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen und im Saarland viel zu wenige befragt. Dass in Bayern angeblich das beste Schulsystem gesehen wird, dürfte durch diese Verzerrung nicht unwesentlich beeinflusst worden sind. Ob das nur handwerkliche Schlampigkeit oder ein bewusster Manipulationsversuch ist, kann nicht beurteilt werden.

Sie werfen der Studie weitere handwerkliche Mängel vor - welche sind das?

Schon allein die Tatsache, dass die in der Studie angegebene Verteilung der Befragten auf die einzelnen Gemeindegrößenklassen eine Prozentsumme von 99, die Prozentsumme der auf die einzelnen Bundesländer entfallenen Befragten aber 102 ergibt, zeigt wie schludrig hier gearbeitet wurde. Noch schlimmer aber ist, wenn als Gesamtergebnis einer Frage ein "Ja"-Wert von 74 und ein "Nein"-Wert von 16 Prozent angegeben wird, obwohl sich die Einzelwerte in den ausgewiesenen Untergruppen auf 66 Prozent "Ja"- und 24 Prozent "Nein"-Antworten addieren. Unbrauchbar aber ist die ganze Studie, weil sich die Situation der Schulen in den einzelnen Bundesländern sowie zwischen kleinen Gemeinden im ländlichen Raum und urbanen Metropolen fundamental unterscheidet. Die Ergebnisse der CDU/CSU-Schulstudie sind wegen der völlig schiefen Verteilung der Befragten verzerrt und können deshalb kein adäquates Bild über die Meinungs- und Einstellungsstrukturen der Bevölkerung in Deutschland liefern.

Eine "Schulstudie" also für die Tonne?

Die CDU/CSU-"Schulstudie" entspricht den Anforderungen an eine auch nur annähernd repräsentative Erhebung in keiner Weise und ist wegen ihrer sonstigen schweren methodischen Mängel für die politische Arbeit nicht verwertbar.

Interview: Werner Mathes

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker