VG-Wort Pixel

20 Jahre Einheit Bitte eine Fahrkarte ins kapitalistische Ausland!

Ich bin im Osten geboren, im Westen aufgewachsen - und traute meinen Augen nicht, als die Mauer aufging: Das war ein Fest. Und ein Debakel. Für uns, die wir zahlen mussten.
Ein Kommentar von Gerda-Marie Schönfeld

Am Tag, als die Mauer fiel, zog ich in Hamburg um. Den Umzug machte Adam, ein junger Pole. Ich saß neben ihm im Auto, als plötzlich im Radio die merkwürdige Nachricht kam, die Mauer sei gefallen. Mein Fernseher stand natürlich ganz hinten im Umzugswagen. "Ich bin Journalistin, ich brauch meinen Fernseher" schrie ich ziemlich verblödet. Da legte mir Adam bedächtig die Hand auf die Schulter und sprach: "Nur ruhig, junge Frau. Sie werden für Ihre Brüder und Schwestern noch ganz, ganz viel zahlen". Und fügte betrübt hinzu: "Schade, dass wir keine Mauer hatten. Dann wären wir jetzt so reich wie eure Ossis."

Am nächsten Tag schrieb ich eine Glosse: "Die letzten Tage im DDR-Politbüro und wie es wirklich war: Honecker sagt, Jungs, macht die Mauer auf, wir sind pleite. Und der Westen bricht in Tränen aus und zahlt." Der Artikel wurde nie gedruckt. Es war noch die Zeit der Tränen.

Gemaule über die soziale Kälte

Natürlich habe ich auch geheult, als ich im Fernsehen sah, wie die Menschen auf die Mauer stiegen und sich in die Arme fielen. Schließlich komme ich aus der DDR. Aber gleichzeitig war mir ziemlich mulmig: Was, wenn der goldene Westen die goldenen Versprechungen nicht einhalten kann? "In drei Jahren blühende Landschaften" tönte Kanzler Helmut Kohl (CDU). Wie das? Die Renovierung meiner Drei-Zimmer-Wohnung hat sechs Monate gedauert. Ich habe dann mal hochgerechnet: Fünf neue Länder gegen eine Drei-Zimmer-Wohnung. Da wusste ich: Der Kanzler verarscht mich.

Es kam dann, wie es kommen musste. Die Ostdeutschen maulten zunehmend über die alte soziale Kälte im Kapitalismus und die neue soziale Kälte in der Nachbarschaft. Ich wurde immer verstimmter. Vierzig Jahre lang hat sich der Westen von der DDR täglich in Wort, Bild und Schrift beschimpfen lassen als imperialistisch-faschistisch-kapitalistischer Revanchistenstaat. Dann machen sie pleite und verkaufen das als friedliche Revolution. Natürlich zahlt der Westen, um sofort wieder beschimpft zu werden. Da kriegt man einfach schlechte Laune. "Wir hatten einen Lebensstandard, den wir nie erarbeitet haben. Wir lebten nur von Schulden", sagt Edgar Most, einst Top-Banker der DDR . Diese Einsicht vermisse ich bei den meisten Ostdeutschen.

... aber lecker Rente

Ich erinnere mich noch gut, wie ich auf Verwandtenbesuch nach Sachsen fuhr und die Bahnhöfe zugepflastert waren mit Transparenten wie "Kampf dem Imperialismus in der BRD". Die meinen ja mich, dachte ich erstaunt, und war heilfroh, als ich auf dem verrotteten Leipziger Bahnhof vor dem Schalter mit dem Schild: "Fahrkarten ins kapitalistische Ausland" ankam. Hier machte ich stets einen kleinen Knicks vor meinen Eltern, die die glückliche Idee hatten, noch vor dem Mauerbau mit zwei Koffern und zwei Kindern in den Westen zu fliehen. Dann sagte ich den immer wieder schönen Satz: "Bitte eine Fahrkarte ins kapitalistische Ausland".

Und heute? Der Leipziger Bahnhof ist der schönste der Republik. Viele ostdeutsche Städte sind Schmuckstücke geworden. "Sind Sie den Westdeutschen dankbar für die Milliarden, die sie in den Aufbau Ost gesteckt haben?" lautete vergangenes Jahr eine TV-Umfrage in Dresden. Eine hübsche Dame um die siebzig bebte vor Empörung. "Dankbar - wofür?" schnaubte sie. Das fand ich dann doch verwunderlich. Denn insbesondere die Ost-Rentner sind die Gewinner der Einheit. Nicht nur, dass sie vierzig Jahre lang keinen Cent in die westdeutsche Rentenversicherung einbezahlt haben, sie kriegen auch noch mehr raus als die Westdeutschen. Politisch war diese Regelung damals unvermeidlich, ökonomisch war sie ein Desaster. Und dennoch zahlen wir. Warum? Nehmen Sie es, hübsche Dame aus Dresden, wie die L'Oreal-Werbung: "Weil Sie es uns wert sind." Und jetzt bitte immer zu Weihnachten einen tiefen Diener vor der imperialistisch-faschistischen BRD, die Ihnen - ohne, dass sie einen Pfennig Einsatz hätten machen müssen - eine leckere Rente zahlt. Ebenso wie ich einen tiefen Diener mache vor jenen Ostdeutschen, die 1989 den Mauerfall erkämpft haben. Dass sie einen Pleite-Staat in die Knie gezwungen haben, mindert ihre Tapferkeit nicht.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker