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Abschied von Regierungssprecher Ulrich Wilhelm Unabhängig, engagiert, sympathisch


Mehr als vier Jahre hat er jede Krisensituation der Regierung verkauft und Angela Merkel den Rücken frei gehalten. Selten hat sich ein Regierungssprecher derart engagiert. Seine Unabhängigkeit verlor Ulrich Wilhelm trotzdem nie.
Von Hans Peter Schütz

Die Journalisten applaudierten minutenlang, als hätten sie eine überaus attraktive Uraufführung auf einer der Berliner Bühnen erlebt. Auf sehr spezielle Weise war es auch so. Das Stück: Abschied. Hauptdarsteller: Ulrich Wilhelm, Regierungssprecher. Inszenierung: Im Saal der Bundespressekonferenz in Berlin, wo dreimal die Woche zur Regierungspolitik gefragt und geantwortet wird.

328 Mal insgesamt hat sich Wilhelm der Presse in seiner Amtszeit gestellt. Vier Jahre lang und neun Monate. Auf der Skala der Amtsdauer aller Regierungssprecher der Bundesrepublik liegt er damit auf Rang vier; länger "verkauften" nur Felix von Eckardt, Karl-Günther von Hase und Klaus Bölling einen Kanzler. Auf einer Rangliste der Sympathiewerte im Lager der politischen Journalisten dürfte Wilhelm allerdings den Spitzenplatz erobert haben.

Niemand musste mehr Krisen verkaufen als er

Im Prinzip kaum nachvollziehbar. Mehr Krisensituationen als Wilhelm hat vermutlich keiner seiner Vorgänger medial verkaufen müssen. Wirtschafts- und Finanzkrise, serienweise Gipfeltreffen höchster politischer Bedeutung, einen Pannenstart der schwarz-gelben Regierung, wie ihn auch alt gediente Parlamentsjournalisten nicht erinnern können. Und er war Stimme einer Bundeskanzlerin, die eine Männerflucht ohnegleichen aus der CDU verkraften muss.

Wilhelm gehört nicht dazu. Für ihn erfüllt sich eine neue berufliche Chance für den Journalisten in ihm. Er wechselt als Intendant zum Bayerischen Rundfunk, was in den öffentlich-rechtlichen Kollegenkreisen durchaus für Stirnrunzeln sorgte. Dass in diesem System bei der Besetzung führender Positionen allemal parteipolitische Motive mitspielen, wurde im Fall Wilhelm von ihnen flott verdrängt. Dasselbe gilt für die Tatsache, dass Wilhelm vor dem Wechsel nach Berlin jahrlang für den CSU-Oberbayern Edmund Stoiber Pressearbeit gemacht hat - in Berlin jedoch nicht ein einziges Mal den CSU-Zuflüsterer gegeben hat. Er stand loyal zur Großen Koalition wie zu Schwarz-Gelb. Er stand zur Kanzlerin.

Der Kanzlerin den Rücken frei halten

Wilhelm gehörte neben Angela Merkels Medienberaterin Eva Christiansen und ihrer Büroleiterin Beate Baumann zum allerinnersten Kreis. Seine größte Leistung dort bestand darin, dass er nie auch nur hauchweise erkennen ließ, was in der Regierungspolitik seine Handschrift trug. Dass sein gedanklicher Einfluss breitflächig wirkte, bezweifelt im Kanzleramt niemand. Laut war er nie, im Bundespresseamt kann sich niemand erinnern, dass er selbst bei akuten Krisen jemals die Fassung verloren hätte. Sein Job war, nach den Worten der Kanzlerin: "Er hat mir den Rücken frei gehalten!"

Die Berliner Journalisten werden sich schwer tun ohne den Mann, den sie so oft (und oberflächlich) mit Robert Redford verglichen haben. Sie werden sein Lächeln vermissen, das stets in seinen Augenwinkeln begann und sich auch bei schwierig zu beantwortenden Fragen nie verdrängen ließ, weil es nicht nur Fassade war, sondern geprägt war vom Verständnis der Arbeit der Journalisten. Und der jeden Abend, und sei es bis spät in die Nacht, die Liste der gewünschten Rückrufe abarbeitete.

Sein letzter Arbeitstag an diesem Mittwoch war noch einmal ein Großeinsatz für die Kanzlerin. Es gab eine Stunde lang schwierige Fragen an den Regierungssprecher. Ob etwa die Bundeswehr in Afghanistan sich an Militäraktionen auch gegen Zivilisten beteiligt, bei denen das humanitäre Völkerrecht missachtet wird, zu dem sich die Bundesregierung wortreich gerne bekennt. Er sprach von "angemessener Rücksichtsnahme auf Zivilisten." Eine Antwort, mit der er sehr wohl bestehende Grauzonen signalisierte. Wie bewertet er, dass die CDU in der Forsa-Umfrage von stern.de erstmals unter 30 Prozent gerutscht ist? "Umfragen sind flüchtig und hinter der tatsächlichen Entwicklung hinterher." Wie habe er das Problem gemeistert, den Journalisten niemals eine Lüge aufzutischen? Er habe zuweilen Fragen mit dem breit auslegbaren Satz beantworten müssen: "Dazu kann ich ihnen nichts sagen." Als er gefragt wird, ob schon wieder Vollbeschäftigung auf dem Arbeitsmarkt erreicht sei, antwortet er, auf das Wort möchte er sich nicht einlassen. Er sagt: "Wir haben wieder mehr Beschäftigung."

Wilhelm: Familie nicht aus den Augen verlieren

Wilhelm kehrt jetzt zu seiner seit langem bestehenden Lebensplanung zurück, die er der Kanzlerin bereits nach ihrem Wahlsieg im Jahr 2005 skizziert hatte. Er werde in Berlin nicht seine Familie, die in München bleibe, aus den Augen verlieren. Und ehe seine beiden Kinder aus der Schule seien, wolle er noch einmal mit ihnen zusammenwohnen. Es war von vornherein ein zeitlich begrenzter Wechsel ins Kanzleramt. Symbolisch zum Tag seines Rückzugs: In Bayern begannen soeben die Schulferien. Die Kinder warten auf den Vater.

Zeitweise sah er seine Familie 14 Tage lang nicht, denn auf Reisen der Kanzlerin war er in aller Regel dabei. Ins Bundespresseamt schleppte er sich auch, wenn er ins Krankenbett gehört hätte. Und stets versuchte er, sich an der Hoffnung zu orientieren, dass "ich die Gelassenheit aufbringe, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, und den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann." Auch als gelernter Journalist, hat er stern.de einmal gesagt, müsse man sich im Job des Regierungssprechers als Mann im Staatsdienst fühlen. "Man arbeitet für die Allgemeinheit und nicht für eine Partei." Loyalität zur Regierung ist die erste Dienstpflicht. Wilhelm hat sie gemeistert und zugleich das Kunststück geschafft, an dem viele seiner Vorgänger gescheitert sind: Sich einen unabhängigen Kopf zu bewahren.

Jetzt geht er zunächst einmal ein halbes Jahr aus Distanz zu dieser Aufgabe in der Politik, ehe er am 1. April 2011 als Intendant in den Journalismus zurückkehrt. Die Kanzlerin hat ihn am Morgen seines letzten Diensttages noch einmal aus dem Urlaub angerufen und sich bei ihm bedankt. Die Journalisten bedanken sich mit einem Fernrohr im galileischen Stil. Damit er auch von München aus ab und an einen fernen Blick auf die Nordlichter in Berlin zu werfen imstande sei. Der Kanzlerin allerdings, so Wilhelm, "würde ich nicht raten, das Fernrohr zu benutzen."


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