VG-Wort Pixel

Neuer Regierungssprecher "Extrem-Crash-Kurs" für Steffen Seibert


Wahnsinnig gutaussehend, wahnsinnig nervös: Steffen Seibert, Ex-ZDF-Moderator, gab sein Debüt als Regierungssprecher. Und wenn er's leid wird? Seibert hat eine Rückfahrkarte nach Mainz.
Von Theresa Breuer und Lutz Kinkel

Einen Abend lang, sagt Steffen Seibert beim Empfang nach der Regierungspressekonferenz, habe ihn sein Vorgänger Ulrich Wilhelm in die Geschäfte des Regierungssprechers eingewiesen. Ein "Extrem-Crash-Kurs" sei das gewesen. Und was waren Wilhelms beste Ratschläge? "Freude an der Arbeit empfinden", sagt Seibert. Und: Zum Dienst radeln. Sich fünf Minuten am Tag den Wind um die Nase wehen lassen. So, als sei alles ganz normal.

Nichts ist mehr normal im Leben Steffen Seiberts. Das ist der große Unterschied zu seinem Vorgänger: Jurist Ulrich Wilhelm, CSU, arbeitete zunächst für die Intendanz des Bayerischen Rundfunks, war dann Sprecher von Edmund Stoiber, danach Ministerialdirektor im Wissenschaftsministerium. 2005 holte ihn Angela Merkel nach Berlin. Seiberts Vorgeschichte ist eine ganz andere: Der 50-Jährige war beim ZDF, beim ZDF und beim ZDF. Ein Novize im "Quadratkilometer Irrsinn" des Berliner Regierungsviertels. Wahnsinnig gutaussehend. Und wahnsinnig nervös. "Es ist wie Abi, Führerscheinprüfung und diverse andere Dinge zusammen", räumte Seibert bei seiner Premiere auf der Regierungspressekonferenz am Montagvormittag ein.

"Es ist mein erstes Mal"

Natürlich gingen - zum allgemeinen Amüsement - ein paar Kleinigkeiten daneben. So fragte ein Journalist, was Angela Merkel mit ihrem tschechischen Amtskollegen diese Woche diskutieren wolle. "Ich will dem Gespräch ungern vorgreifen", retournierte Seibert. Journalist Werner Gößling, der den Auftritt Seiberts moderierte und direkt neben ihm saß, bemerkte schmunzelnd, dass es schon normal sei, eine kleine Themenvorschau zu Regierungstreffen zu liefern. Seibert: "Ich entschuldige mich. Es ist mein erstes Mal." Eine vielseitig verwendbare Formulierung.

Und so ging es munter weiter. Werden Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Umweltminister Norbert Röttgen die Kanzlerin auf ihrer "Energiereise" begleiten? Seibert: "Das sollte ich jetzt wissen, ich hab's irgendwo gelesen, hab's aber wieder vergessen." Und da wir gerade beim Thema waren: Wie sieht es nun mit der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken aus? Seibert wich aus und sagte ein paar unverfängliche Sätze zum künftigen Energiemix. Also kamen Nachfragen. Seibert: "Ich merke, Sie versuchen es in verteilten Rollen immer wieder. Das ist gut. So würde ich es auch tun. Ich werde mich daran gewöhnen."

Soviel Offenheit. So viel Charme. Ein Novize, der zugibt, ein Novize zu sein. Das wirkt entwaffnend. Aber diese Nummer geht nur einmal: ganz am Anfang.

Komplimente von der Chefin

Angela Merkel, leicht gebräunt und gut gelaunt aus dem Wanderurlaub in Südtirol heimgekehrt, führt Seibert auf dem nachfolgenden Empfang offiziell in sein Amt ein - und überschüttet ihren neuen Mann mit Komplimenten und launigen Anmerkungen. Er sei "einer, der sowohl gut zuhören kann als auch seine eigene Meinung sagt". Und natürlich werde er, wie Wilhelm zuvor, Zugang zu allen "Ecken und Räumen" haben, in denen die "wirklich wichtigen Entscheidungen" getroffen werden. Im Übrigen: "Ich werde versuchen, mich so vernünftig zu verhalten, dass sie möglichst wenig Ärger mit mir haben." Seibert, der neben Merkel steht, lächelt, sein Hemd strahlt blütenweiß. Er sei ihrem Ruf nach Berlin mit "heißem Herzen" gefolgt, hatte er bereits auf der Regierungspressekonferenz gesagt. Er teile die Ziele der Regierung und hege für Merkel "Sympathie und Bewunderung". Fast schien es, als sei Seibert ein bisschen in Merkel verknallt.

Auch dieser Zustand dürfte sich legen. Der Bundesregierung steht ein heißer Herbst bevor. Viele wichtige Fragen sind noch ungeklärt und strittig: Wie geht es weiter mit der Atomkraft? Fällt die Wehrpflicht? Sollen Hartz-IV-Empfänger eher Gutscheine oder Bares erhalten? Wohin mit den Schwerverbrechern, die aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden müssen? Und: Wie mit Vizekanzler Guido Westerwelle umgehen, der angesichts des zarten Aufschwungs wieder das Lied der Steuersenkungen anstimmt? Ausgerechnet Seibert, der Unerfahrene, muss die Regierung aus ihrem schwarz-gelben Loch herausreden. Auf Bundesebene liegt in den Umfragen Rot-Grün vorn. Und wenn die sechs Landtagswahlen 2011 für das bürgerliche Lager schief gehen, wird Merkel wohl auch offen von ihren Parteifreunden attackiert werden. Vergnügungssteuerpflichtig ist der Job des Regierungssprechers im Jahr 2010 und folgende sicher nicht.

Metamorphose, Teil 1

Seibert, 50, geborener Münchner, verheiratet, drei Kinder, ein Mann, der von der evangelischen Kirche zum Katholizismus konvertiert ist, weil er eine "große Leere" gespürt habe, wird seinen Glauben noch brauchen. Ganz auf Gott und Merkel vertrauen wollte er jedoch nicht. Seibert hat sich bei Vertragsabschluss ein Rückkehrrecht zum ZDF ausbedungen. Dort müsste er, genauso wie Wilhelm, nun Intendant des Bayerischen Rundfunks, auch wieder als Novize anfangen. Die Regierung "verkaufen" erfordert ein anderes Denken, Sprechen und Handeln als über die Regierung zu berichten.

An diesem Montag machte Seibert Teil eins seiner Metamorphose durch. Zum Verkäufer.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker