HOME

Neuer Regierungssprecher Steffen Seibert: Erster Tag auf der anderen Seite

Merkels Mannschaft ist seit Monaten im Stimmungstief: Jetzt tritt der neue Regierungssprecher Steffen Seibert an. Der prominente Ex- Fernsehmann muss versuchen, Kanzlerin und schwarz-gelbe Politik erfolgreicher zu verkaufen. Kein leichter Job.

Steffen Seibert kennt sich mit Krisen aus. 11. September, Tsunami, Haiti. Als ZDF-Moderator fand er oft die richtigen Worte, konnte Versagen von Behörden oder Politikern anprangern, weil er Weltereignisse von außen betrachtete.

Ab diesem Mittwoch gehört der 50-Jährige selbst dazu - als neuer Sprecher von Regierung und Kanzlerin muss er die Arbeit von Schwarz- Gelb erklären, die immer mehr Menschen im Land ablehnen.

Seine Ex-Journalistenkollegen von der ARD präsentierten gerade den neuesten "Deutschlandtrend" - mit verheerenden Zahlen für das bürgerliche Lager aus Union und FDP (zusammen 36 Prozent).

Besonders bitter für Seiberts Chefin Angela Merkel ist, dass weder sie persönlich noch die Koalition von der Aufbruchstimmung im Land profitieren. Die Dax-Konzerne melden satte Quartalsgewinne, der Export boomt, das kleine Jobwunder am Arbeitsmarkt hält an.

Bei den Wählern bleibt eher hängen, wie sich vor allem CSU und FDP gegenseitig in die Pfanne hauen - von "Wildsau" bis "Gurkentruppe" reichte die Kakophonie. Die Koalitionsspitzen selbst haben zwar schon unzählige Neuanfänge ausgerufen, doch ohne schlagenden Erfolg.

Der kommende Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", Kurt Kister, griff jetzt zu drastischen Worten, um mit dem "schwarz-gelben Gruselkabinett" und Selbstbetrug abzurechnen: Viele Bürger wollten von dieser Regierung schlicht nicht mehr verarscht werden.

Auch Seibert, der in Hamburg und London Geschichte studierte und dann beim ZDF anfing, ist bisher bekannt als jemand, der nicht drumherumredet. Zum Handeln der großen Koalition in der Finanzkrise sagte er einmal in einem Interview: "Mir sind (...) die Politiker am sympathischsten gewesen, die Schwächen und Schwierigkeiten, etwas zu verstehen, eingestanden haben." Umgekehrt müssten die Bürger diese Offenheit auch zulassen und schätzen.

In der neuen Funktion wird es aber primär darauf ankommen, die Deutungshoheit zu gewinnen. Für einen Medienprofi wie Seibert einerseits eine gewohnte Übung, andererseits angesichts vieler Zündstoff-Themen eine Herkulesaufgabe: Afghanistan-Einsatz, Bundeswehrreform, Atomlaufzeiten, Gesundheitsreform, Sparpaket, Hartz-IV-Umbau.

Am ersten Arbeitstag im Zentrum der Macht wird sich der frühere ZDF-Auslandskorrespondent und Anchorman von "heute" und "heute- journal" noch nicht den Hauptstadtjournalisten stellen. Seine Premiere in der Bundespressekonferenz soll erst in der Woche darauf stattfinden.

Nicht viel Zeit, um ein Feeling für das Kanzleramt und dessen Strippenzieher zu bekommen. Ob Seibert als starker, allseits geschätzter Sprecher, Staatssekretär und Chef des Bundespresseamtes mit seinen 460 Mitarbeitern wie sein Vorgänger Ulrich Wilhelm auftreten kann, wird auch davon abhängen, ob Angela Merkel - und ihre Umgebung - dem Neuling mit der Zeit blind vertrauen. Im "Küchenkabinett" sind Büroleiterin Beate Baumann, Kanzleramtschef Ronald Pofalla oder Medienexpertin Eva Christiansen wichtige Ratgeber der CDU-Chefin.

Dazu gesellte sich Wilhelm, der in der Tradition des Helmut- Schmidt-Sprechers Klaus Bölling viel mehr als ein Sprachrohr der Regierung war. Ob G20-Gipfel, Krisensitzungen zur Banken- oder Euro- Rettung - Wilhelm war als Ex-Journalist, in Bayern gestählter CSU- Stratege und Jurist stets an Merkels Seite.

"Wilhelm hätte jederzeit jedes Ministerium übernehmen können", sagt ein Spitzenbeamter über den Mann, der bald Intendant des Bayerischen Rundfunks in München wird und in der Hauptstadt prägende Fußstapfen hinterlässt. Wenn alles gut läuft und die Koalition hält, stehen Seibert drei spannende Jahre bis zur nächsten Wahl bevor. Für den ungünstigsten Fall hat er vorgesorgt - mit einem Rückkehrrecht zum ZDF.

Tim Braune, DPA / DPA