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Afghanistan-Bombardement Guttenbergs fataler Corpsgeist


Der Verteidigungsminister hat sich korrigiert. Respekt dafür. Aber er schont den Verursacher des verheerenden Bombardements in Afghanistan. Das ist falsch - und politisch unklug.
Ein Kommentar von Lutz Kinkel

Immer wieder diese Adjektive: angemessen, unangemessen. Verdammt noch mal! Mehr als 140 Menschen, auch Kinder, sind von Bomben zerfetzt worden, und die Politik diskutiert im gut klimatisierten Berliner Reichstag um eine Vorsilbe. Das wirkt zynisch. Kein Einziger dieser Toten wird sich durch sprachliche Neudeutungen reanimieren lassen. Sie liegen im Sand und sind tot. Weil der deutsche Oberst Georg Klein zwei von Taliban gekaperte Tanklastzüge nahe des afghanischen Kundus als Bedrohung einschätzte - und amerikanische Kampfjets herbei rief, um diese Bedrohung zu beseitigen. Es wurde der blutigste Militärschlag in der Geschichte der Bundeswehr.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat dazu im Bundestag eine Erklärung abgegeben, die schlicht schizophren wirkt. Exemplarisch dafür steht ein Satz: "Obgleich Oberst Klein - und ich rufe das auch allen Offizieren zu, die heute hier sind - zweifellos nach bestem Wissen und Gewissen sowie zum Schutz seiner Soldaten gehandelt hat, war es aus heutiger, objektiver Sicht im Lichte aller, auch mir damals vorenthaltenen Dokumente, militärisch nicht angemessen." Ja, wie denn nun? Klein hat richtig gehandelt und dann doch wieder nicht? Er ist subjektiv unschuldig und objektiv schuldig? Was ist das für eine Konstruktion?

Der Umgang mit Oberst Klein

Es ist eine politische Konstruktion. Guttenberg wagt es nicht, die Konsequenz aus seinen Erkenntnissen zu ziehen. Sie müsste heißen: Oberst Klein hat einen furchtbaren Fehler gemacht. Seine militärische Einschätzung war falsch. Er muss dafür zur Verantwortung gezogen werden, jedenfalls kann er seinen Status als verantwortlicher Truppenführer nicht mehr behalten. Stattdessen sagte Guttenberg: "Ich werde Oberst Klein nicht fallen lassen. Das gehört sich nicht." Daraus spricht ein Corpsgeist - und eine Missachtung der Opfer -, die beängstigend ist. Und es ist ein politisch riskantes Manöver: Guttenberg mag sich mit diesem Ich-stehe-vor-Euch-und-weiche-nicht bei der Truppe beliebt machen, doch er schränkt damit auch seine Autorität ein.

Welcher Soldat wird sich, gleichgültig was er getan hat, im Zweifel künftig nicht auf den Fall Klein berufen?

Guttenberg hat für sein Ansehen bei der Truppe schon viel, sehr viel geopfert. Am 6. November, er war nur wenige Tage im Amt, hat er den Einsatz noch als "angemessen" bezeichnet. Damals lag ihm schon der kritische Bericht der Isaf vor, der von zivilen Opfern spricht und Kleins Entscheidung in Frage stellt. Guttenberg hätte diese vorschnelle Solidaritätsadresse unterlassen können - hat er aber nicht. Erst als der öffentliche Druck immer weiter stieg, sah er sich doch zu einer gründlicheren Prüfung gezwungen. Er musste erkennen, dass ihm sein eigener Apparat Dokumente vorenthielt. Also feuerte er Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn und Staatssekretär Peter Wichert; auch Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung musste das Kabinett verlassen. Hier ging Guttenberg mit aller Härte vor. Und diese Härte zeigte er auch gegen sich selbst. Es passiert nur alle Schaltjahre, dass ein Minister öffentlich und unmissverständlich sagt, dass er in seiner Einschätzung falsch lag.

Im Krieg nur Verlierer

Dennoch bleibt Oberst Klein unangetastet. Wäre dieser Oberst von der gleichen Kameraderie beseelt, wäre er freiwillig zurückgetreten. Auch, um den Minister zu schützen.

Unschuldige Afghanen sind durch den Bombenangriff auf die Tanklastzüge gestorben. Oberst Klein wird an seiner Verantwortung schwer zu tragen haben. Die Lage der Bundeswehr in Afghanistan, die selbst mehr als 35 tote Soldaten zu beklagen hat, ist noch gefährlicher geworden. Guttenberg, der Darling des politischen Berlins, trägt erste Schrammen. Kanzlerin Angela Merkel wird wohl vor dem Untersuchungsausschuss aussagen müssen. Es ist noch nicht geklärt, ob sie und die damaligen Minister Jung (Verteidigung) und Frank-Walter-Steinmeier (Außen) die Dimension des Bombardements bewusst verschwiegen - um am 4. September, also mitten im Wahlkampf, nicht den politischen Schleier wegzuziehen, der den Afghanistan-Einsatz seit Beginn umhüllt.

Es ist Krieg. Und im Krieg gibt es, wie immer, letztlich nur Verlierer.


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