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Aktion gegen Magersucht: Schöner. Schlanker. Tot.

Beinahe jedes dritte Mädchen zeigt Symptome von Essstörungen. Nun will die Politik einschreiten - auf Initiative von Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Auf einer Pressekonferenz mit Gesundheitsministerin Schmidt bezeichnete Schwarzer Magersucht als "Massenpsychose".

Von Lutz Kinkel

Sie habe die Kalorientabellen nach wie vor im Kopf. Und rechne natürlich immer mit. Eis und Spaghetti könne sie immer noch nicht essen, das käme ihr direkt wieder hoch. Sagt Daniela Kühne, 35, eine junge, schöne, blonde Frau. 18 Jahre wurde sie von Magersucht und Bulimie geknechtet, hunderte Stunden redete sie mit Psychologen, alles ohne Erfolg. Erst als sie auf 35 Kilo abgemagert war, zu einem gespenstischen Skelett, drehte sich ihr Leben. Daniela Kühne, Werberin, posierte für eine Fotokampagne, schrie damit ihre Selbstzerstörung heraus - und überwand sie. Das war 2001.

2007 unterstützt Kühne mit ihrer privaten Kampagne Schöner? Schlanker? Tot! eine umfassende politische Initiative gegen Essstörungen, die unter dem Label "Leben hat Gewicht" läuft. Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hatte die Idee dazu, Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, Bildungsministerin Anette Schavan und Familienministerin Ursula von der Leyen schlossen sich an. Nun wollen die Ministerinnen den Schlankheitswahn stoppen - mit mehr Aufklärung an Schulen, mehr Beratungsangeboten und Appellen an die Modeindustrie. Von der Leyen sagte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin, sie wolle auch prüfen lassen, ob sogenannte Pro-Ana-Pages, die Magersucht verherrlichen, verboten werden können. "Anleitungen zum Selbstmord und zur Selbstverstümmelung widersprechen dem Jugendschutz", erklärte von der Leyen.

Problem spät erkannt

"Anleitung zum Selbstmord" klingt dramatisierend - ist aber in der Sache richtig. Experten schätzen, dass bis zu 15 Prozent der Betroffenen an den Folgen der Magersucht sterben. Damit ist Magersucht die gefährlichste psychiatrische Erkrankung. Und der Wahn greift weiter um sich: Die Neuerkrankungsrate von Frauen liegt nach den jüngsten Daten zwischen 0,5 und 1 Prozent. Mehr als doppelt so viele Frauen leiden unter Bulimie, der Ess-Brech-Sucht. Betroffen sind vor allem junge Frauen zwischen 14 und 30 Jahren. "Der Schlankheitswahn ist keine daneben gegangene Mode", sagte Alice Schwarzer. Man müsse von einer "Massenpsychose" sprechen.

Schwarzer engagiert sich auch deshalb so vehement gegen Magersucht und Bulimie, weil diese Erkrankungen ihr politisches Lebenswerk zu torpedieren scheinen. "Die Türen zur Welt stehen uns offen", sagte Schwarzer zu den Erfolgen der Frauenrechtsbewegung. "Und in diesem Moment wird der Körper der Frau wieder zu einem Gefängnis." Ihren Aussagen zufolge haben schon viele europäische Staaten das Problem aufgegriffen und einschlägige Kampagnen aufgelegt. Deutschland sei mal wieder "spät dran."

"Verführerische Bilder"

Ebenso wie Schwarzer geißelten auch Schavan, von der Leyen und Schmidt die mediale Dauerberieselung mit Fotos von ultraschlanken Models. Schavan sprach von "verführerischen und zerstörerischen Bildern", die Jugendlichen ein falsches Vorbild liefern würden. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Modeindustrie, keine Magermodels mehr einzusetzen, wäre den Ministerinnen am liebsten. Schmidt kündigte an, entsprechende Gespräche mit der Industrie zu führen. Sie will nun ebenso energisch gegen Unter- wie Übergewicht vorgehen - Fettsucht ist unter Kindern und Jugendlichen, vor allem aus der Unterschicht, noch stärker verbreitet.

Die Medienprofis unter den Unterstützerinnen der "Leben hat Gewicht"-Aktion waren allerdings skeptisch, ob die Modeindustrie ihre Politik ändern wird. Daniela Kühne sagte stern.de, es müsste schon eine einflussreiche Persönlichkeit wie Karl Lagerfeld einschreiten, um den Magermodel-Trend zu beerdigen. Das sei aber nicht absehbar. Wie wirkungsmächtig dieser Trend sei, falle ihr immer auf, sobald sie von Mode- und Lifestyle-Redakteurinnen über ihre frühere Magersucht interviewt werde. Kaum sei das Interview beendet, würden ihr viele Redakteurinnen gestehen: "Ich bin selber essgestört."