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AKW Krümmel: Störfall für Merkels Wahlkampf

Es ist absolut haarsträubend, was sich nach dem erneuten Störfall im Atomkraftwerk Krümmel ereignete. Der Energiekonzern Vattenfall hat einmal mehr in Sachen Krisenmanagement versagt. Doch auch Angela Merkel hat jetzt ein Problem - weil ihre Partei es versäumte, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Ein Kommentar von Sebastian Christ

Der erneute Störfall im Kernkraftwerk Krümmel ist an sich gesehen eine schlimme Sache. Noch viel schlimmer ist aber, was für ein erbärmliches Krisenmanagement der Energiekonzern Vattenfall einmal mehr zeigte. Das für den Meiler zuständige Aufsichtsamt erfuhr erst durch die Polizei, dass ein Transformator ausgefallen war. Vattenfall hatte es verschlafen, den Vorgang zu melden. Zudem kommen jetzt wieder die Informationen kleckerweise an die Öffentlichkeit: Das Reaktorwasser wies nach der automatischen Abschaltung aufgrund eines defekten Brennelements erhöhte Radioaktivität auf. Öl lief aus dem Trafo aus und sickerte ins Erdreich. Zudem war die vorgeschriebene Audioüberwachung im Kraftwerk nicht angeschaltet. So hätte man nähere Erkenntnisse über die Ursache eines solchen Vorfalls gewinnen können.

Braucht Deutschland Atomenergie zur zuverlässigen und sicheren Stromversorgung?

Atomkraft - Nein, Danke?

Zwei Jahre hatte Vattenfall für eine gründliche Überprüfung des Atomkraftwerks Zeit. Und genau zwei Wochen hat es gedauert, bis es wieder eine größere Panne gab. Als Bürger macht einen das fassungslos. Die Kernkraft ist schließlich jene Energiequelle, die mit den größten Erzeugungsrisiken behaftet ist. Wenn es mangels derzeit verfügbarer Alternativen so sein muss, dass wir 23 Jahre nach Tschernobyl leider immer noch AKW-Strom produzieren müssen, dann sollten die Verantwortlichen in den Stromkonzernen jede Sekunde zur Vertrauenspflege nutzen. In diesem Punkt hat Vattenfall mal wieder kläglich versagt. Niemand in diesem Konzern sollte sich wundern, wenn Krümmel aufgrund der bewiesenen Mängel in Sachen Fach- und Sozialkompetenz schon bald endgültig abgeschaltet wird.

Auch auf die Berliner Politik haben die Ereignisse in Geesthacht Auswirkungen. Umweltminister Sigmar Gabriel hat urplötzlich ein Wahlkampfthema gefunden. Und er kann sich dafür bei der Union bedanken. In dem kürzlich vorgestellten Wahlprogramm sprechen sich CDU und CSU für eine Laufzeitverlängerung von bestimmten Kernkraftwerken aus: "Die Kernenergie ist ein vorerst unverzichtbarer Teil in einem ausgewogenen Energiemix. (…) Daher streben wir eine Laufzeitverlängerung der sicheren deutschen Anlagen an." Mit Recht fragen jetzt viele: Was sind eigentlich "sichere Anlagen"? Sollte nicht eine Anlage vertrauensvoll sein, die zwei Jahre lang auf Herz und Nieren geprüft werden konnte?

Union verschläft die Energiewende

Es ist ohnehin kaum nachvollziehbar, warum sich die Union weiterhin so Atom-affin geriert. Auf der einen Seite werben die Christdemokraten um die urbane Mittelschicht, führende CDU-Politiker schließen mittlerweile sogar eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene nicht mehr aus. Andererseits versäumen es die Experten in der Union, das Thema erneuerbare Energien für sich zu entdecken. Längst geht es bei Wind-, Solar- und Wasserkraft nicht mehr nur um Öko-Träumereien, sondern um viele hunderttausend Arbeitsplätze. Doch die Union lässt sich immer noch von den Argumenten der Atom-Lobby einlullen.

Dazu gehört übrigens auch, dass Deutschland weiterhin zu den technologischen Marktführern in Sachen Atomenergie gehöre. Wie modern das Kraftwerk Krümmel ist, hat der neuerliche Störfall offenbart: Der ausgefallene Transformator war 33 Jahre alt.