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Allensbach-Umfrage für "Capital": Wirtschaft watscht Merkel ab

Es kommt immer dicker für Schwarz-Gelb: Nach einer Allensbach-Umfrage hält drei Viertel der deutschen Wirtschaftselite die Regierung für zu schwach. Vor allem die FDP-Minister werden gnadenlos kritisiert.

Von Adrian Pickshaus

Renate Köcher, Chef-Demoskopin von Allensbach, hat für die schwarz-gelbe Koalition einen unorthodoxen Tipp parat: "Ich würde allen von denen, die sich hier jeden Tag äußern, einen Maulkorb verpassen." Köcher lacht in ihren blauen Blazer hinein - und präsentiert Zahlen ihres Instituts, die den Berliner Koalitionsknatsch weiter verschärfen dürften. Demnach sind 92 Prozent der deutschen Führungsspitze aus Wirtschaft; Politik und Verwaltung mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden. "Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei einer Bundesregierung jemals eine solche Enttäuschung gegeben hat", sagt Köcher auf einer Pressekonferenz in Berlin.

Seit 1987 befragt Allensbach im Auftrag des Wirtschaftsmagazins Capital sogenannte "Topentscheider" halbjährlich zur Bundesregierung und ihrer Politik. Eigentlich sind die Befragten - 533 waren es diesmal - CDU/CSU und FDP wohlgesonnen. Zwischen 80 und 90 Prozent der Befragten seien Anhänger dieser Parteien, schätzt Köcher. Umso niederschmetternder sind jetzt deren Bewertungen für den Zeitraum Ende Mai bis Anfang Juni: Mehr als drei Viertel der Interviewten halten ihre ehemalige Wunschtruppe für zu schwach, um drängende Probleme zu lösen.

Merkel schwach, Westerwelle im freien Fall

Auch das politische Spitzenpersonal von Schwarz-Gelb muss weiter "Federn lassen", wie Köcher es ausdrückt: Knapp die Hälfte der Befragten hält Angela Merkel, CDU, mittlerweile für eine schwache Kanzlerin. Seit Dezember 2009 hat sich dieser Wert verdoppelt, das ist der schlechteste Wert seit Amtsantritt der ehemaligen Traumpartner. Besonders Merkels Durchsetzungskraft wird zunehmend bezweifelt, die abrupten Rücktritte von Bundespräsident Horst Köhler und Hessens Ministerpräsident Roland Koch, CDU, dürften hierzu beigetragen haben. "Im Vergleich zu anderen Kanzlern ist Angela Merkel aber immer noch stark", sagt die Demoskopin Löscher, bemüht zu relativieren.

Das fällt bei Außenminister und Vizekanzler Guido Westerwelle, FDP, schwer. Nur elf Prozent der Befragten attestieren ihm eine gute Arbeit. Damit setzt sich auch beim Führungspersonal des Landes der Trend fort, den Wählerbefragungen der letzten Wochen gezeigt haben: Westerwelle und seine Partei sind im freien Fall.

Finanzpolitik bekommt gute Noten

Doch die Allensbach-Ergebnisse zeigen auch Widersprüche: Die meisten wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungen der schwarz-gelben Koalition werden von den Befragten unterstützt. Knapp vier Fünftel halten das Rettungspaket für Griechenland für richtig, auch der Sparkurs der Bundesregierung wird goutiert. Viele Führungskräfte sind sogar zu weiteren Einschnitten bereit: Satte 83 Prozent sehen bei staatlichen Unternehmenshilfen weiteres Streichpotenzial, zwei Drittel sind für eine Transaktionssteuer bei Banken, die Wiedereinführung der Vermögenssteuer befürworten immerhin 44 Prozent.

Trotzdem sind öffentliche Bekenntnisse zur Bundesregierung selten. Nur wenige betonen, dass regieren in Krisenzeiten nun mal schwierig ist: "Nie zuvor musste eine Bundesregierung von Anfang an mit derart harten Rahmenbedingungen kämpfen", sagt etwa Burkhard Schwenker, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, im Wirtschaftsmagazin Capital.

Brüderle hält die rote Laterne

Von derartigem Verständnis profitieren nur Minister von CDU/CSU. Finanzminister Wolfgang Schäuble macht für vier Fünftel der Befragten einen guten Job, bei Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg finden das 78, bei Arbeitsministerin Ursula von der Leyen 75 Prozent. Die rote Laterne in der Ministertabelle hält Rainer Brüderle, FDP - nur 8 Prozent loben ihn für seine Arbeit. Umso bitterer, dass der Pfälzer Wirtschaftsminister ist. Schließlich beanspruchen die Liberalen hier ihre Kernkompetenz. Es sagt viel über das Erscheinungsbild der Partei aus, wenn die Wirtschaftselite des Landes ganz anderer Meinung ist.

An eine schnelle Umkehr des Trends glaubt Renate Köcher nicht: "Ein Befreiungsschlag ist kurzfristig kaum möglich." Erst müsse das schwarz-gelbe Fingerhakeln aufhören, nach außen müsse Geschlossenheit gezeigt werden. Sonst herrscht im Regierungsviertel bald Maulkorbpflicht.