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Meinung

Parlamentskreis Pferd: Andrea Nahles will über Pferde reden – wie das mit den Fragen unserer Zeit zusammenhängen könnte

Im Parlamentskreis Pferd will SPD-Chefin Andrea Nahles über Pferde und die Pferdewelt diskutieren. Kann sie da Antworten für die Zukunft finden? Schön wäre es. 

Von Thomas Ammann

SPD-Chefin Andrea Nahles mit Pferd (Archiv)

SPD-Chefin Andrea Nahles mit Pferd (Archiv)

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Bayern-Schlappe, Hessen-Wahl, Groko-Krise – war da was? SPD-Chefin Andrea Nahles scheint im Moment jedenfalls wichtigere Themen zu haben. Zusammen mit Bundestagskollegen von der CDU, der CSU und der FDP lud sie jetzt zum "Gründungstreffen des Parlamentskreises Pferd". Eine ganz große Koalition also, die sich zusammengefunden hat. Und das nicht am 1. April, sondern mitten im Herbst 2018. Der neu gegründete Parlamentskreis habe das Ziel, "fraktionsübergreifend im Kreis pferdeinteressierter Kolleginnen und Kollegen über aktuelle Themen zum Pferd und aus der Pferdewelt zu informieren und diese mit Gästen aus der Praxis und Wissenschaft" zu diskutieren.

"Liebe Kolleginnen und Kollegen", schreiben die Pferdefreunde in ihrer Einladung, "wie kein anderes Tier hat das Pferd den Menschen beeinflusst: Über 5000 Jahre prägte das Pferd Fortbewegung und Transport, Landwirtschaft und Militär. Auch heute noch ist er ein treuer Begleiter des Menschen."

Aber nicht nur das: "Das Pferd ist ein wichtiger Faktor für viele landwirtschaftliche Betriebe und pflegt Kulturlandschaften. Es bildet eine Brücke zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Die Bedeutung des Pferdes in der Therapie und in der Bildung ist in den vergangenen Jahren immens gestiegen."

Analogien zur Rolle der SPD?

Abgesehen von dem etwas schiefen Bild mit der Brücke täuscht diese Beschreibung über die Tatsache hinweg, dass Pferde gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem eines wurden, nämlich überflüssig – jedenfalls soweit es ihre Arbeitskraft betraf. Niemand brauchte sie mehr. Und da stellt sich die Frage, ob es gewisse Analogien zur Rolle der SPD gibt. Auch bei ihr scheint die Basis ja regelrecht wegzubrechen.

Der Vergleich mit den Pferden ist nicht so absurd, wie er auf den ersten Blick scheint. Wassily Leontief, früherer Nobelpreisträger für Wirtschaft, brachte ihn 1983 erstmals auf und steuerte sogar einige Fakten bei. Über Jahrhunderte schienen Pferde für die Verrichtung schwerer Arbeiten, für die Kriegsführung und den Transport von Menschen unverzichtbar. Und selbst mit dem Beginn der industriellen Revolution schien sich daran nichts zu ändern, wie Leontief bemerkte. Sogar als in den USA mit der Einführung des Telegrafen zur Übermittlung eiliger Nachrichten der traditionelle "Pony Express" verdrängt wurde und Dampfeisenbahnen die Pferdekutschen ersetzten, schien der Bestand an Pferden noch unaufhaltsam zu wachsen. Zwischen den Jahren 1840 und 1900 versechsfachte er sich in den USA sogar, bis auf 21 Millionen Pferde und Maultiere. In Europa war es kaum anders. Die Tiere wurden nicht nur in der landwirtschaftlichen Produktion gebraucht, sondern auch in den rasch wachsenden Metropolen für die Beförderung von Waren und Personen.

Im Jahr 1960 waren es aber nur noch drei Millionen Pferde in den USA, und die wenigsten von ihnen wurden noch für Arbeitszwecke eingesetzt. Verantwortlich war dafür natürlich vor allem die flächendeckende Einführung des Verbrennungsmotors. "Die Pferde wurden einfach irrelevant", stellen Brynjolfsson und MacAffee lapidar fest, und zwar sei das in dem Moment geschehen, in dem "die richtige Technologie" aufgekommen sei.

Werden wir dasselbe auch mit uns selbst erleben? Werden uns das Internet der Dinge, intelligente Computer, autonome Fahrzeuge oder humanoide Roboter aus der Wirtschaftswelt verdrängen? Für Leontief war die Antwort klar: Die menschliche Arbeitskraft wird überflüssig. "Die Rolle des Menschen als wichtigster Produktionsfaktor wird schwinden, genauso wie Pferde in der Arbeitswelt zunächst bedeutungslos wurden und schließlich ganz daraus verschwanden." Für das Jahr 1983 – als Computer noch die Größe von Obstkisten hatten, vorwiegend mit unverständlichen MS/ DOS-Befehlen zu bedienen waren und die Bildschirme grüne Zeichen auf schwarzem Grund zeigten – war das eine reichlich steile These, die möglicherweise vor allem einen Zweck hatte: Sie sollte provozieren und auf potenzielle Gefahren hinweisen.

Das Schicksal der Pferde wird uns erspart bleiben

Denn die Frage, was die moderne Technologie mit der Arbeit und den Arbeitsplätzen macht, ist mindestens so alt wie die Industrialisierung selbst. Jetzt sind wieder einmal alle aufgeschreckt, seit smarte Roboter in der einen oder anderen Form in die Werkshallen und Büros drängen, in den Straßenverkehr, in Krankenhäuser und sogar in die privaten Wohnungen. Senioren in Japan kann es durchaus passieren, dass sie von einer mehr oder weniger freundlichen Pflegekraft mit digitalem Eigenleben umsorgt werden.

Zwei Wirtschaftswissenschaftler an der MIT Sloan School of Management, Erik Brynjolfsson und Andrew MacAffee, stellten in ihrem Buch "Das zweite Maschinenzeitalter" ("The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brillant Technologies") die ultimative Frage, die uns alle angesichts der Diskussion um intelligente Roboter, Industrie 4.0, Internet der Dinge etc. beschäftigen sollte: Machen uns diese schlauen Maschinen, die wir selbst in die Welt setzen, irgendwann überflüssig?

Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson spenden etwas Trost: Sie erwarten, dass die neuen Roboter für mehr Wachstum und damit mehr Wohlstand sorgen werden. Allerdings nicht für alle: Die Reichen würden noch reicher, die Armen noch ärmer werden. Kennt man irgendwoher.

Andrea Nahles: "Die Zukunft ist digital und global"

Das Schicksal der Pferde indes, da sind sich wohl alle Propheten einig, wird uns erspart bleiben. Deren Geschichte, sagen McAfee und Brynjolfsson, tauge nicht als Vorbild für uns Menschen. Wir könnten uns im Zweifel selbst davor schützen, ökonomisch irrelevant zu werden – anders als die Pferde. Die Lösung dafür käme aber nicht von den Maschinen, meinen die beiden Ökonomen. Es gehe jetzt darum, dass sich die technologisch hoch entwickelten Nationen die richtigen Ziele steckten und ihre Werte neu definierten. Wie kann der Überfluss, den die Industriegesellschaft 4.0 produziert, geteilt werden? Wie kann die wachsende Ungerechtigkeit beseitigt werden, und wie können wichtige Elemente der bürgerlichen Gesellschaft neu definiert werden – Bildung, Steuern und Abgaben, Gesundheit und soziale Sicherheit?

Als Arbeitsministerin hatte sich Andrea Nahles schon vor mehr als drei Jahren festgelegt. "Die Zukunft ist digital und global", hatte sie sich damals bei der Vorstellung eines sogenannten Grünbuchs zur Industrie 4.0 verkündet, das sich mit der Frage beschäftigt: Was kommt da auf uns zu? Bis 2016 sollte es Antworten geben. Das ist ja nun schon einige Zeit her.

Vielleicht findet ja der Parlamentskreis Pferd jetzt einige Antworten.

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