Merkel auf CDU-Parteitag
Eine Großchance, die Merz nicht verstreichen lassen sollte

Angela Merkel und Friedrich Merz bei einer Pressekonferenz im Jahr 2002
Schon früher kein gutes Team: Angela Merkel und Friedrich Merz im Jahr 2002 – da hatte sie ihn schon ausmanövriert
© Karl-Bernd Karwasz via www.imago-images.de / Imago Images
Angela Merkel kommt überraschend zum CDU-Parteitag. Es ist eine Chance für Friedrich Merz: Ohne Merkel mag die CDU ihm lieber sein, aber komplett ist die Partei so nicht.

Wer hätte das gedacht? Angela Merkel kommt wirklich mal wieder zur CDU. 

Sechs Jahre ist ihr letzter Besuch bei ihrer Partei inzwischen her. Noch als Bundeskanzlerin hatte sie zuletzt 2019 in Leipzig physisch an einem CDU-Bundesparteitag teilgenommen. Das war vor der Rückkehr von Friedrich Merz, vor der Pandemie, dem Ukrainekrieg und dem zweiten Mal Donald Trump. Die Welt war eine andere.

Besuch von Angela Merkel soll eine Ausnahme von der Regel sein

Doch nun wird Merkel in Stuttgart überraschend wieder auf einem Bundesparteitag auftauchen. Sie nahm anders als in früheren Jahren eine Einladung aus dem Konrad-Adenauer-Haus an, ehemalige Parteivorsitzende sind traditionsgemäß als Ehrengäste geladen. Eine Ausnahme von der Regel, nicht mehr bei tagesaktuellen Ereignissen zu erscheinen, wie ihre Pressesprecherin ausrichten ließ.

Vor allem aber ist es ein politisches Signal. Und eine Chance für Friedrich Merz, die er besser nicht verstreichen lassen sollte.

Seit ihrem Abschied von der Parteispitze und aus dem Kanzleramt wirkt Merkels Verhältnis zur CDU, gelinde gesagt, kompliziert – und das zu ihrem neuen Vorsitzenden ohnehin. Mit Friedrich Merz wählten die Parteimitglieder ganz bewusst einen politischen Gegner – manche sagen: einen Intimfeind – zu ihrem Nachfolger, der sich die Überwindung der Merkel-CDU zur politischen Lebensaufgabe gemacht hatte. Der Name Merkel galt und gilt vielen in der Partei seither als Synonym für die inhaltliche Entkernung des deutschen Konservatismus.

Und auch über das Merkelsche Kommentariat waren zuletzt viele Konservative mehr als befremdet. Kurz vor der Bundestagswahl etwa kritisierte die Altkanzlerin deutlich die gemeinsame Abstimmung ihrer Christdemokraten mit der AfD im Deutschen Bundestag. Das mochte mancher noch hinnehmen. Seither aber setzte die Altkanzlerin immer wieder Spitzen gegen Friedrich Merz, dessen Rhetorik und Führungsverständnis. Sie tauchte lieber auf beim Abschied von Jürgen Trittin oder beim Festschmaus des SPD-Bürgermeisters von Hamburg als bei Events der eigenen Leute.

Geziemt sich nicht etwas mehr öffentliche Zurückhaltung für eine Ex-Parteichefin? Wenigstens aber mehr Einsatz für die eigene Partei? Und: Ist sie im Herzen überhaupt noch Christdemokratin?

Man kann Merkels Besuch beim Parteitag als bewusstes Ja auf diese Frage lesen. Die Annahme der Einladung als Versöhnungssignal an die aktuelle Parteiführung. Jene, die ihr gewogen sind, argumentieren, sie habe auch zuletzt schon Friedrich Merz gelobt, ihm sogar handschriftlich zum Geburtstag gratuliert. Man habe sie eher vertrieben, als dass sie sich selbst abgenabelt hätte.

Merkel und die CDU: Geschichte einer Entfremdung

Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen: Merkel und die CDU – das ist die Geschichte einer gegenseitigen Entfremdung.

Das hat die Folgen: Die Distanz zu Merkel hat die CDU in eine andauernde Identitätskrise gestürzt. 16 Jahre Kanzlerschaft sollten plötzlich am besten vergessen gemacht werden. Man war zwar verantwortlich, aber wollte am liebsten mit vielen Entscheidungen bloß nichts mehr zu tun haben. Alles sollte anders werden als unter ihr, wirtschaftsfreundlicher, konservativer, weniger merkelig.

Doch seit der Mythos Merz, wie der "Spiegel" kürzlich treffend feststellte, als Parteichef und Bundeskanzler zum Menschen geschrumpft ist, ändert sich auch der Blick auf Angela Merkel nach und nach. Waren die Wahlergebnisse unter ihr nicht besser? Ihre Politik zumindest nachvollziehbarer? Handwerklich solider gestaltet? 

Es mag kaum noch ein relevantes Merkel-Lager in der Spitze der Partei geben. Doch viele Mitglieder und vor allem Wähler der CDU halten wenig von der Totalabkehr von der Altkanzlerin. So groß der Ärger über das Verhalten der Altkanzlerin ist, bis in die Parteispitze hinauf, wünschen sich viele eine Aussöhnung mit ihr. 

Das hat auch strategische Gründe: Schließlich wünschen sich 25 Prozent der Deutschen Angela Merkel als Kanzlerin zurück und immerhin 22 Prozent der CDU-Wähler. Das ist weit entfernt von einer großen Merkel-Nostalgie, aber doch eine hinreichend große Menge. Ein totaler Bruch mit ihr könnte mithin politisches Kapital verbrennen und mögliche Wähler verprellen. Eine CDU mit dem Anspruch Volkspartei ist aber momentan auf jeden Wähler und jede Wählerin angewiesen.

Die Freude unter den Baden-Württemberger Wahlkämpfern ist daher groß. Kandidat Manuel Hagel traf Merkel erstmals am 20. Mai am Rande einer Lesung der Altkanzlerin in Stuttgart. Seither hält er den Kontakt zu ihr, hält wenig von einem Bruch. Und so ein Besuch der ehemaligen Kanzlerin kurz vor der Landtagswahl lässt sich schließlich auch ganz gut als Unterstützung in eigener Sache vermarkten. Gerade bei all jenen, denen die aktuelle CDU zu stark vom wirtschaftsliberalen, konservativen Teil der CDU dominiert wird. 

Das christlich-soziale Lager dagegen, so der Eindruck in der CDU selbst, spielt in der Partei nur noch eine untergeordnete Rolle – und wird gern als verkappte Sozialdemokratie verunglimpft. Man muss sich als Beleg nur die Debattenpunkte für den Parteitag anschauen: Ein Großteil der Anträge der wirtschaftsliberalen Mittelstandsunion wurde von der Parteiführung positiv beschieden, Vorschläge des Arbeitnehmerflügels dagegen weitgehend ausmanövriert. Der Besuch von Angela Merkel gibt dem Event nun zumindest den Anschein einer mit sich versöhnten Volkspartei.

Die CDU ist nur vollständig mit der Altkanzlerin

Am 20. Februar nun wird Angela Merkel in der Kongresshalle in Stuttgart in der ersten Reihe Platz nehmen, neben ihr ihre direkten Nachfolger an der Parteispitze, Annegret-Kramp Karrenbauer und Armin Laschet. Friedrich Merz täte wohl gut daran, alle drei recht herzlich zu begrüßen. Manchmal können ganz wenige Worte zur richtigen Zeit alte Wunden heilen.

Eine CDU ohne Angela Merkel mag sich für den aktuellen Parteichef und seine alten Unterstützer besser anfühlen. Vollständig aber ist die Christlich Demokratische Union nur mit der Altkanzlerin. 

Diese Chance, die in Merkels Auftritt liegt, sollte der aktuelle Parteichef nutzen. Dann wäre die Überraschung wirklich gelungen. 

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